Österreich-Kunde für Antikorruptionisten

1. Juli 2009, 18:41

Keine Replik auf eine "Demaskierung"

Die demaskierenden Bemerkungen des bekennenden Lobbyisten Feri Thierry zur Debatte um das neue Antikorruptionsstrafrecht im Standard vom 27. 6. erfordern wahrlich keine Replik, wohl aber einige landeskundliche Ergänzungen: Wenn sich der Kritiker etwa auf Ex-Rechnungshofpräsident Fiedler und seinen Sager von der "Durchsetzung der Lobbyisten" bezieht, hat er diesen vermutlich missverstanden. Fiedler hat - da bin ich mir sicher - nicht den Berufsstand der Lobbyisten, wie er in entwickelten Volkswirtschaften und Rechtssystemen sogar gesetzlich geregelt ist, gemeint, sondern die spezifisch österreichische Abart(igkeit).

Lobbyismus in Österreich lebt geradezu von der Verschwiegenheit und Geheimnistuerei, von Hinterzimmern und Vorzimmern (der Macht), von "geborgtem" Lobbyistenpersonal in Ministerien und anderen - spezifisch österreichischen - Spezialitäten. Was bei uns noch locker unter Lobbyismus durchgeht, führt in diesbezüglich weiterentwickelten Staaten zur Strafverfolgung.

Große, zum Beispiel in Deutschland sehr konsequent verfolgte Korruptionsfälle strahlen fast auf die ganze Welt aus und lösen Untersuchungen in vielen Ländern aus. Sogar in Afrika, wenn auch diesmal nicht in Ouagadougou. Nur an Österreichs Grenzen prallt die Korruption zurück, was auch kein Wunder ist, haben wir doch ein so "scharfes" Korruptionsstrafrecht, dass es jetzt sogar "entschärft" werden muss. Der großkoalitionäre Entminungsdienst ist bereits unterwegs.

Unter dem Vorwand, unschuldige einfache Bürger vor dem Damoklesschwert der Strafverfolgung wegen Korruption zu schützen (zum Beispiel blumenstraußannehmende Volksschullehrerinnen, kaffeetrinkende Betriebsprüfer u. a.), ist man in Wahrheit zur Rettung des österreichischen Kultur- und Sportbetriebs sowie des medizinischen Bildungstourismus angetreten. Mission erfüllt, dort ist jetzt fast alles erlaubt.

War es in der Vergangenheit schon für die Strafverfolgungsbehörden in diesem Bereich schwer genug und wurden faktisch nur die Dummen erwischt, weil sie sich ebenso offensichtlich erwischen ließen, so ist jetzt sichergestellt, dass sich wirklich nur mehr die ganz, ganz Dummen erwischen lassen. Alle anderen werden mit Sicherheit um eine Ausrede nicht verlegen sein. Und wer mit der Praxis des Strafrechts vertraut ist, wird erkennen, dass da mit subjektiver Tatseite und dem Zweifelsgrundsatz in Kombination kaum mehr Risiko verblieben ist.

Tatsächlich gestört vom seit 2008 erstmals mit Deutlichkeit eingeführten Korruptionsstrafrecht fühlten sich die obersten Ebenen in Beamtenschaft und Wirtschaft. Sonst niemand. Brot und Spiele war gefährdet. Und so kommen wir wieder zu der Art Lobbyismus, den Feri Thierry sich nicht wünscht - und zwar in seiner österreichischen, leider sehr erfolgreichen Variante.

Natürlich kann man an bestehenden Gesetzen immer etwas verbessern. Der Gesetzgeber ist aber auch gut beraten, Gesetze, die in der Praxis kaum oder noch gar nicht angewendet worden sind, weil man der Justiz dafür die Zeit noch gar nicht gelassen hat, doch einmal in der Judikatur zu beobachten.

Wenn man aber schon der Meinung ist, auf gewisse "Zuwendungen" nicht verzichten zu können, weil der Wirtschaftsbetrieb dann zusammenbricht, dann sollte man wenigstens die Ehrlichkeit aufbringen, die Zuwendungen öffentlich ersichtlich und überprüfbar zuzulassen.

Die Bürger haben ein Recht darauf zu wissen, welcher der von uns bezahlten (Spitzen-)Beamten sich etwas - nun erlaubterweise - zuwenden lässt. Wenn die Vorgänge offen und transparent erfolgen, ist die halbe Korruptionsgefahr schon gebannt. Bestimmte, ohnedies nicht unterprivilegierte Schichten aber taxfrei aus dem Geltungsbereich auszunehmen und ganze Handlungsbereiche per Gesetz "korruptionsfrei" zu stellen ist ein fatales Signal an den "Rest" der Landesbürger, die es sich nicht richten konnten. (Matthias Kopetzky, DER STANDARD, Printausgabe, 2.7.2009)

Zur Person: Der Autor ist Sachverständiger und Geschäftsführer eines auf die Aufdeckung und Prävention von Wirtschaftskriminalität spezialisierten Unternehmens in Wien.

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    13 Postings
    vom andern Sternli
    01
    Grandios - nichts verstanden

    Lobbiyismus ist *ein* Bestandteil des demokratischen Systems. Jeder wirbt für seine Vorstellungen. Seien es nun Gewerkschaften oder Wirtschaftsverbände.

    one coin, two sides
    00
    Arbeit der Sozialpartner und Verbände wichtig, aber..

    Nichts verstanden würde ich so nicht sagen. Eher nicht einverstanden mit der Methodik.
    Es ist schon ein Unterschied, ob man mit Argumenten und Informationen (Lobbying der regulären Art) seinen Ansichten zum Durchbruch verhelfen will und dies auch offen geschieht, oder man einfach gleich "seine" Leute an oder zu den Schalthebeln "schleust" um von "hinten" unbemerkt tun und lassen zu können was man will.
    Ich bin für eine klare und scharfe Trennung zwischen Verwaltung und Interessensvertretung.
    Bei uns wird aber wild vermengt und dann kommt sowas raus...

    nueva arte
     
    00

    Schwer lesbar, durch überlange Sätze. Aber inhaltlich ein sehr treffender Schlag gegen ein Anti-Korruptionsgesetz, das sich nicht so nennen dürfte; schließlich wurde es selbst korrumpiert!

    Bodo Steinbrech
    01
    Was will man in einem Land, in dem ein ehemaliger Finanzminister ein paar Hunderttausend Euro für eine Selbstbeweihräucherungs Hompage bekommt und nimmt

    Und dann von seinen weisungsgebundenen Beamten bestätigt bekommt, dass eh alles passt?

    Oder von Ministerrabatt erpressenden Ministern?

    Oder .....

    Das Gesetz war zu scharf formuliert - das hätte ja Auswirkungen nach ganz oben haben können.
    Gott bewahre! So gehts nicht!

    Stellen sie sich vor, ein Finanzminister müsste tatsächlich 1. Klasse buchen und bezahlen, wenn er 1. Klasse fliegen will .... Skandal!

    DummQuatsch
    00
    und ein ehemaliger bundeskanzler einer staatsnahen bank eine mille für "beraterdienste" abpresst

    von denen dieser pleitier von flöttl gemeint hatte, dass es die eh nie gegeben hat, und vranizky er hätte diese telefonisch gegeben.
    böse stimmen behaupten aber, dass er die bloss von der bawag (elsner) zugeschoben bekam für seine unsinnigen prozesse gegen den pretterebner (lucona -buchauthor und später zeitungsherausgeber, die vranizky beschlagnahmen lies. für die jungen unter uns - die lucaona war ein schiffchen das mit bundesheersprengstoff zwecks versicherungsbetrug versenkt wurde und die halbe regierungsmannschaft vom kreisky hat dem hauptakteur die mauer gemacht)

    Hermine Berg
     
    02
    oesterreich ist ein sumpf

    und ein nepotistischer noch dazu. vielleicht weil das land so klein ist?

    oder ist es norm, dass regierungsspitze, medien, wirtschaftsbosse und hochfinanz alle ausnahmslos miteinander verwandt und verschwaegert sind?

    a las barricadas
    00
    tja :-)

    auf der einen seite erinnert mich das an meine antschi tante, die im krankenhaus die halbe belegschaft mit geschenke "verwöhnt" hat, um beim behandelnden "herrn doktor" gut anzukommen (hat trotzdem ins gras gebissen). auf der anderen seite höre ich die worte der präsidentin der salzburger festspiele, die mir feuer und schwert gegen das alte anti-korruptionsgesetz sturm gelaufen ist, weil sich viele firmen plötzlich weigerten entscheidungsträger mit einem all-inklusive-paket der salzburger festspiele zu schmieren.

    jörg fidel
    00
    gesetze in der judikatur beobachten

    und ich dachte immer, dass in österreich gesetze vom parlament gemacht werden, und nicht von den gerichten.
    das betreffende gesetz ist so unklar, dass nicht einmal seine ministerialen schöpfer in ausführlichen diskussionen in der lage waren, einfache sachverhalte aus dem wirtschaftsleben eindeutig unter das gesetz zu subsumieren. der reparaturbedarf ist offensichtlich.
    die einzigen, die von so einer unklaren rechtslage profitieren, sind die auf die aufdeckung und prävention von wirtschaftskriminalität spezialisierten Unternehmen.
    dass die diskussion jetzt so entgleitet, dass man bei der klarstellung wiederum übers ziel hinausschießt, ist natürlich auch bedauerlich.

    xyz9
    00
    Das Antikorruptionsgesetz

    ist ja vom Parlament verabschiedet worden.

    Bestehende Gesetze werden allerdings von Gerichten a n g e w a n d t und daraus entwickelt sich eine Rechtsprechungspraxis. Diese hätte man abwarten können, um dann nachzujustieren.

    Tatsächlich wurde aber von einer Justizministerin, die nur geringfügig peinlicher als die Kdolsky ist, auf Zuruf von betroffenen Korruptionsempfängern das Gesetz so verändert, daß es "paßt".

    one coin, two sides
    00
    Gesetzgeber und Judikatur

    Natürlich werden die Gesetze vom Gesetzgeber gemacht.
    Aber Gesetze sind allgemein gehaltene Grundsätze, die im Zuge der Rechtsprechung angewandt werden müssen. So gesehen interpretiert die Justiz die Gesetze auf die tatsächlichen Lebenssachverhalte. Erst daran erkennt man, ob Gesetze in der praktischen Umsetzung passen oder spiessen.
    Im Dunklen bleibt auch, warum die, welche sich um Aufklärung und Prävention bemühen, von einer "unklaren Rechtslage" profitieren sollen. Tatsächlich wird gerade die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden durch unklare Regelungen erschwert (Zweifelsgrundsatz, subjektive Tatseite).
    Und Prävention in Unternehmen ist unter diesen Bedingungen auch nicht einfacher.

    jörg fidel
    00

    sorry, dem kann ich mich nicht anschließen. gerade im strafrecht sollte schon bis zu einem gewissen grad erkennbar sein, was erlaubt und was verboten ist, ohne auf die judikatur des obersten warten zu müssen.
    sehen sie sich doch einmal den anfütterungsparagraphen an und beurteilen sie bitte wer zB beim orf, bei den öbb oder bei einem anderen x-beliebigen öffentlichen unternehmen unter den amtsträgerbegriff fällt und bis zu welchem betrag er beschenkt werden darf. (der legist wußte es nicht.) wenn man so etwas dem ogh überläßt, braucht man im strafrecht überhaupt keine tatbilder mehr.
    für die erhellung des dunklen bleibt leider kein text mehr.

    xyz9
    01
    Und wo genau liegt jetzt der wesentliche Unterschied

    zwischen Ihrer und meiner Aussage?

    one coin, two sides
    00
    sorry

    Antwort war auf den Post ober Ihnen gemünzt.
    Tatsächlich kann ich ihren ersten beiden Absätzen zustimmen.
    Am Politikerbashing allgemein möchte ich mich nicht beteiligen.

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