"Es kam zu keiner Diskriminierung"

1. Juli 2009, 18:16
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Gabriele Fischer, Vorsitzende des Uni-Rats an der Med-Uni Innsbruck, sprach mit Petra Stuiber erstmals über die Querelen bei der Rektorswahl und Populismus im Namen der Frauensolidarität

Standard: Wissenschaftsminister Hahn hat das Aufsichtsverfahren rund um die Rektorswahl in Innsbruck eingestellt. Hat die Med-Uni nun bald einen neuen Rektor?

Fischer: Ich hoffe sehr im Sinne der Universität, dass der Vertragsabschluss mit Herbert Lochs und die Bestellung seines Teams nun rasch vor sich gehen. Die Med-Uni braucht dringend ein neues Team.

Standard: Der Uni-Rat wurde kritisiert, dass er einen Mann der Internistin Margarethe Hochleitner vorzog. Fühlen Sie sich nun bestätigt?

Fischer: Es waren sehr schwierige Wochen, vor allem Vize-Rektorin Hochleitner sollte für ihre Verdienste, trotz aller Nebengeräusche den Betrieb aufrechtzuerhalten, gewürdigt werden.

Standard: Warum wurde sie, trotz ihrer Verdienste, nicht Rektorin?

Fischer: Die Entscheidung des Uni-Rats hatte rein sachliche Gründe. So verfügt zum Beispiel die Med-Uni über ein Finanzvolumen von 200 Millionen Euro, da müssen wir darauf bestehen, dass darüber ein Finanzvorstand in effektiver Weise und nicht nur halbherzig wacht. Schon aus Haftungsgründen erschien uns dies wesentlich.

Standard: Es wurde aber auch ihr "emotionaler" Auftritt thematisiert.

Fischer: Wir sind drei Frauen im Uni-Rat, mit insgesamt zehn Kindern – eine für Innsbruck völlig ungewöhnliche Frauenquote. Die Stress-Situation "Frau, Karriere, Familie" ist uns keineswegs fremd, männertypische Initiationsrituale an Universitäten sind uns aus eigener Erfahrung leider bestens bekannt. Bewerbungs-Hearings sind zweifelsohne belastend, die vorhandene Stimmungslabilität wurde von allen in besonderer Umsicht berücksichtigt. Eine gewisse Stress-Resistenz muss allerdings geschlechtsunabhängig bewertet und vorhanden sein.

Standard: Die Frauenministerin und Frauenrechtsorganisationen haben kritisiert, Emotionalität werde nur Frauen negativ ausgelegt.

Fischer: Wo denken Sie hin? Sie glauben doch nicht ernsthaft, der Uni-Rat hätte einen brüllenden Mann akzeptiert. Wie beflissene Kritikerinnen vergessen haben, waren wir auch in der Vergangenheit nicht bereit, Derartiges zu akzeptieren. Ich verwahre mich daher ganz entschieden gegen die einseitigen und uninformierten Zurufe. Die Entscheidung des Uni-Rats hatte objektive Gründe, hier kam es zu keiner Diskriminierung aufgrund des Geschlechts.

Standard: Das hat Ihnen auch die Schiedskommission bescheinigt.

Fischer: Die sehr gründlich gearbeitet hat, alle involvierten Personen und Uni-Rat-Mitglieder einzeln lange befragt hat und demokratisch und geschlechts-paritätisch besetzt ist. Ein äußerst qualifiziertes unabhängiges Gremium hat uns somit bescheinigt, dass wir nicht diskriminiert haben. Wir haben die Entscheidung sofort transparent gemacht – die öffentlichen Zurufer müssten sie nur lesen.

Standard: Dennoch: Keiner Universität in Österreich steht eine Frau vor. Wie kann man das ändern?

Fischer: Die Situation ist äußerst unbefriedigend, auch was Gugging I.S.T. betrifft. Exzellenz ist keineswegs nur männlich. Zu meinem Leidwesen gibt es heute weniger Professorinnen an der Med-Uni Innsbruck als vor vier Jahren. Wir haben das im Uni-Rat vielfach – leider ergebnislos – urgiert; das Rektorat hat das nicht umgesetzt, der Arbeitskreis nie einen Einspruch gemacht. Ich halte Gender-Budgeting für den richtigen Weg. Es muss sanktioniert werden, wenn Frauen der Weg nach oben versperrt bleibt

Standard: Psychoanalytiker Josef C. Aigner hat in einem "Kommentar der anderen" im Standard gemeint, das jetzige Verständnis von Frauenförderung im Uni-Bereich schade Frauen eher. Stimmen Sie ihm zu?

Fischer: Ich stimme zu. Es kann nicht sein, dass man den Bestqualifizierten nicht nimmt, weil er keine Frau ist. Populistische Verkürzungen sind akademisch inadäquat und schaden der Frauenbewegung. Man darf aber die anhaltende Macht männlicher Netzwerke keinesfalls unterschätzen. Und die Qualifikation mancher männlicher Entscheidungsträger ist fraglich; allein Transparenz, Quoten und guter Journalismus können weiterhelfen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.7.2009)

Links

Der Spruch der Schiedskommission ist hier nachzulesen.

Männliche Scheuklappen? - Kommentar der anderen von Sabine Engel, Leiterin des Büros für Gleichstellung und Gender Studies an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck

  • Gabriele Fischer (49), Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie,
Leiterin der Drogenambulanz an der Med-Uni Wien, seit 2008 Vorsitzende
des Uni-Rats an der Med-Uni Innsbruck.
    foto: cremer

    Gabriele Fischer (49), Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, Leiterin der Drogenambulanz an der Med-Uni Wien, seit 2008 Vorsitzende des Uni-Rats an der Med-Uni Innsbruck.

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