Ein Spagat, der neun Wochen dauert

30. Juni 2009, 19:29
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Sommerferien sind für berufstätige Eltern eine organisatorische Herausforderung - Feriencamps sind teuer, die meisten schaffen es nur mithilfe der Familie

Die Feriencamps für ihre beiden Söhne planen Doris Höbart und ihr Mann bereits zu Jahresbeginn. "Um sicher einen Platz zu bekommen", sagte die kaufmännische Angestellte aus Wien. Dennoch sieht sich Höbart in einer privilegierten Situation. "Beide Großmütter leben in Wien, wenn man die Eltern auf dem Land hat, ist das sicher viel schwieriger. Ihr Elfjähriger ist im Sommer zwei Wochen in einem Volleyballcamp, danach folgen eine Woche Tennis- und eine Woche Segelcamp. Sein Bruder, der im Herbst in die dritte Volksschulklasse kommt, hat je eine Woche Tennis, Segeln und Englisch vor sich.

Immerhin schaffen es die Höbarts, drei gemeinsame Urlaubswochen miteinander zu verbringen. Viele Eltern nehmen im Sommer nur noch gestaffelt frei, um den betreuungstechnischen Spagat zu schaffen. "Kolleginnen, die Teilzeit arbeiten, sparen ihren ganzen Zeitausgleich auf", schildert Höbart, "um die Zeit dann während der Sommerferien für die Kinderbetreuung abzubauen."

"Was mich am meisten aufregt, ist die Tatsache, dass Kinderbetreuung in den Schulferien nicht selbstverständlich ist", sagt Gerda Zimmermann, Öffentlichkeitsarbeiterin. "Man braucht ein sehr stabiles Umfeld, helfende Omas und einen kooperativen Vater, wenn man über die Runden kommen will." Die alleinerziehende Mutter von Albert (7) "kratzt den ganzen Urlaub für die Sommerferien zusammen". Eine Woche Tenniscamp und eine Woche Sportcamp kosten die Bludenzerin pro Woche 120 Euro. "Betreut werden die Kinder dort von 9.30 Uhr bis 16 Uhr. Unmögliche Zeiten für Frauen, die ganztägig arbeiten", kritisiert Gerda Zimmermann. Drei der neun Wochen verbringt Albert bei seinem Vater. "Wäre das nicht möglich, wüsste ich nicht, was tun."

Neun Wochen Ferien - das stellt Eltern, aber vor allem Alleinerzieherinnen, vor Probleme. 56 Prozent der Eltern von Volksschulkindern und 48 Prozent der Eltern von Hauptschülern und Gymnasiasten bereitet die Organisation der Ferienbetreuung Schwierigkeiten, ergab eine Umfrage der Arbeiterkammer Wien.

Teilzeit wegen der Ferien

Die Sommerferien sind auch mit ein Grund, warum Teilzeitbeschäftigte, also vor allem Frauen, darauf verzichten, Vollzeit zu arbeiten. 78 Prozent der Eltern von Volksschulkindern und 79 Prozent jener von Gymnasiasten oder Hauptschülern gaben an, dass die Betreuung der Kinder während der Sommerferien bei Vollzeit schwierig bis unmöglich sei. Die Betreuung wird in den meisten Fällen (71 Prozent der Volksschüler, 66 Prozent der älteren Kinder) von den Großeltern übernommen. Über die Hälfte der Befragten hätte aber gerne professionelle Betreuung in der Schule und erschwingliche Feriencamps. Doris Höbart bezahlt für eine Feriencamp-Woche 150 Euro. "Und das ist das untere Minimum, finanziell gerät man da schon hart an die Grenze."

Susanne Schöberl, Bildungsexpertin der Arbeiterkammer Wien: "Die Eltern möchten durchgängige Betreuung mit Qualität, die pädagogische und spielerische Elemente umfasst." Bund, Länder und Gemeinden sollten sich Finanzierungsmöglichkeiten überlegen, sagt Schöberl.

Für die meisten Eltern sind Feriencamps kaum leistbar. Schöberl: "Die finanzielle Belastung ist für 80 Prozent der Befragten zu hoch." Die Schmerzgrenze beziffert die Hälfte der Eltern mit 150 Euro pro Monat. Zu diesem Preis könne man nicht anbieten, sagt Michaela Müller-Wenzel, Pressesprecherin der Kinderfreunde Wien. Camps kosten je nach Dauer und Ort zwischen 370 und 798 Euro. "Wir arbeiten kostendeckend. Für günstigere Angebote bräuchten wir mehr Förderungen." Müller-Wenzel wundert sich über das Umfrageergebnis: "Es gibt da eine Ambivalenz zwischen Forderung und Nachfrage." Aus der Praxis wisse sie, dass es in Horten freie Plätze gebe: "In manchen Gruppen sind nur fünf Kinder, dort werden Gastplätze angeboten." Genutzt würden aber nicht alle. "Da muss man sich schon fragen, warum dann jedes Jahr die Forderungen nach mehr Betreuung wieder laut werden." Es wäre an der Zeit, den Bedarf zu erheben, so Müller-Wenzel.

Tagesablauf

Wissenschaftlich erheben lassen möchte der Verband der Wiener Elternvertreter generell, ob der Tagesablauf, aber auch das Schuljahr nicht neu strukturiert werden müsste. "Dabei soll es auch darum gehen, ab wann Schüler überlastet sind, ab wann echte Erholungsphasen notwendig sind", sagt Andreas Ehlers zum Standard. Der Ablauf des Schuljahres sei historisch gewachsen und stamme aus einer Zeit, in der die Kinder den Eltern noch bei den Erntearbeiten helfen mussten. Als Appell zur Verkürzung der Ferien sei dies allerdings nicht zu verstehen, betont der Elternvertreter.

Für Gerald Netzl, den Bundeselternvertreter für den Pflichtschulbereich, wäre die beste Lösung, wenn an den Schulen erhoben würde, wer wann und wie lange eine Ferienbetreuung für seine Kinder braucht. "Je nach Bedarf müsste es dann ein verpflichtendes flächendeckendes Angebot geben." Die Frage der Finanzierung sei "für kleinere Gemeinden natürlich eine große Herausforderung". Größere Kommunen könnten nach der Ansicht Netzls aber sehr wohl ein strukturiertes Angebot bieten.

Ob die Ferien wirklich neun Wochen dauern müssten, werde von vielen Eltern immer wieder infrage gestellt, sagt Netzl. Die Mehrheit würde diese aber nicht verkürzt haben wollen. Netzl: "Im September hört man dann oft, 'die Ferien sind wieder so schnell vorbei gewesen'." (Jutta Berger, Bettina Fernsebner-Kokert/DER STANDARD - Printausgabe, 1.7.2009)

 

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    Vom Feriencamp zu den Großeltern, danach mit den Eltern in den Urlaub und später wieder zur Oma. Die Betreuung der Kinder während der Ferien erfordert logistisches Geschick und viel Geld.

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