"Ideologische Vorurteile gegen Alleinerzieherinnen"

30. Juni 2009, 18:55
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Sozialexperte Bernd Marin kontert die Kritik seines Kollegen Wolfgang Mazal am neuen Kindergeld

Wien - "Es ist jedem unbenommen, der 'heiligen Familie' aus dem 19. Jahrhundert nachzutrauern. Aber dann sollte man das nicht unter wissenschaftlichem Deckmantel tun": Bernd Marin kann sich die pointierte Replik nicht verkneifen.

Was den Direktor des Europäischen Zentrums für Sozialpolitik ärgert: Sein Standeskollege Wolfgang Mazal hatte gemutmaßt, dass das geplante einkommensabhängige Kindergeld der Verfassung widersprechen könnte. Für problematisch hielte der Sozialrechtler etwa, wenn Alleinerzieherinnen die Leistung genauso lang wie Paare beziehen könnten: Man dürfe Eltern nicht dafür bestrafen, meint Mazal, "dass sie als Paar und nicht allein leben".

"Mazal transportiert pauschalen Missbrauchsverdacht und rein ideologische Vorurteile gegen Alleinerzieherinnen", entgegnet Marin, der eine juristische Bemäntelung rein politischer Entscheidungen sieht. Er trete für partnerschaftliche Eltern- und vor allem für Kinderrechte ein: "Jedes Kind hat Anrecht auf die größtmögliche elterliche Zuwendung - ob diese nun der Papa, die Mama oder beide in Anspruch nehmen können." Ob solo oder als Paar - alle sollten als Eltern das gleiche bezahlte Zeitkontingent für ihren Nachwuchs bekommen, fordert Marin: "Sich als Paar zu trennen, ist ja kein schuldhaftes Verhalten. Alleinerzieherinnen und ihre Kinder sind ohnehin viel schlechter gestellt. Die Regierung sollte sie nicht noch einmal benachteiligen."

Wie die Koalition entscheidet, ist allerdings offen. Die SPÖ tendiert zu Marin, die ÖVP zu Mazal, diese Woche will Rot-Schwarz eine Einigung präsentieren. Herzstück ist ein einkommensabhängiges Kindergeld, das zu den bisherigen drei Varianten dazukommt: Die neue Leistung wird für maximal 14 Monate ausbezahlt (zwölf, wenn ein Elternteil in Karenz geht, 14 Monate, wenn der zweite Partner zumindest zwei Monate übernimmt). Sie beträgt 80 Prozent des letzten Nettojahresgehalts, mindestens 1000 Euro, höchstens 2000 Euro. (Gerald John, DER STANDARD-Printausgabe, 1.7.2009)

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