Paulus-Grab bestätigt historische Forschungen

30. Juni 2009, 18:55
10 Postings

Renate Johanna Pillinger, Expertin für frühchristliche Archäologie, zweifelt nicht an der Echtheit, mahnt aber zur Vorsicht beim Umgang mit Superlativen

"Ein sehr schöner Fund." Die österreichische Archäologin Renate Johanna Pillinger meint nach der Entdeckung von Knochenresten im Grab des Apostels Paulus in der römischen Basilika San Paolo fuori le Mura: "Es handelt sich hier um einen Wissenszuwachs, der bisherige historische Forschungen bestätigt." Und: "Es besteht kein Zweifel über die Echtheit."

Papst Benedikt XVI hatte zum Abschluss des Paulus-Jahres am vergangenen Sonntag medienwirksam die archäologische Sensation bekannt gegeben. "In dem steinernen Sarkophag, der niemals zuvor geöffnet wurde, sind mithilfe einer durch ein winziges Loch eingeführten Sonde Stoff- und menschliche Knochenreste entdeckt worden", sagte er.

"Die Entdeckung war uns bereits seit eineinhalb Jahren bekannt, aber es oblag allein dem Papst, das zu verkünden", erläuterte der für die Basilika zuständige Kardinal Andrea Cordero Lanza di Montezemolo gegenüber der römischen Tageszeitung La Repubblica. Nach dem sensationellen Fund von Knochenresten soll dessen Sarkophag unter dem Hauptaltar geöffnet werden. "Der Heilige Vater wird uns dies später gestatten, es wird aber eine lange und heikle Arbeit werden, denn es gilt, auch kleinste Schäden zu vermeiden", so der Kardinal.

Während es sich bei dem Stoff um purpurnes, mit Goldauflagen verziertes Leinen und blaue Stoffreste handle, habe man mit einer Analyse des radioaktiven Kohlenstoffgehalts (C-14-Methode) die Knochenreste auf das 1. oder 2. Jahrhundert nach Christus datieren können, berichtete der Papst in der abendlichen Predigt. Damit liege der um das Jahr 67 als Märtyrer gestorbene Apostel wohl dort, wo man ihn vermutet habe: In dem Sarkophag unter dem Altar der römischen Basilika. "So scheint also festzustehen, dass es sich hierbei wirklich um die Reste des Apostels Paulus handelt", erläuterte der Papst am Vorabend des Peter-und-Paul-Festes. "Diese Entdeckung berührt uns zutiefst." Pillinger mahnt aber zur Vorsicht beim Glauben an genaue Datierungen: "Die C-14-Methode ist nicht so exakt."

Paulus - oder hebräisch: Saulus - war der Sohn reicher jüdischer Eltern. Nachdem er zunächst an Christenverfolgungen teilgenommen hatte, veränderte dann eine wundersame Begegnung mit dem auferstandenen Christus vor Damaskus sein Leben, so lehrt es zumindest die Kirche. Er wurde Christ und Apostel und gilt zusammen mit Petrus als wichtigster frühchristlicher Missionar. 67 soll er in der Palude Salvia an der Via Ostiense enthauptet worden sein, wo dann im vierten Jahrhundert die mächtige Basilika San Paolo fuori le Mura über seinem Grab gebaut wurde. Als Bürger Roms wurde Paulus die Kreuzigung erspart. Nach der Legende soll an der Stätte der Enthauptung eine Quelle entsprungen sein. Pillinger: "Ich bin nicht überrascht über den Fund. Paulus muss ja in Rom begraben worden sein.".

Vor 500 Jahren wurde die Krypta mit dem Sarkophag geschlossen. Die Kenntnis von dem genauen Ort des Grabes ging dann im Laufe der Jahre durch Umbauten, Restaurierungen und einen Großbrand verloren. Nach jahrelangen Bemühungen entdeckten die Archäologen schließlich 2005 einen römischen Sarkophag. Seit Ende 2006 ist das Paulus-Grab wieder der Öffentlichkeit zugänglich - ein kleines Fenster unter dem Altar gibt den Blick auf eine Seite des großen Steinsarkophags frei, dessen Länge 2,55 Meter und dessen Höhe 97 Zentimeter beträgt. Die Sonde wurde durch eine kleine Öffnung in dem zwölf Zentimeter dicken Deckel eingeführt.

Dabei wurden neben einigen Knochen- und Stoffresten auch drei rötliche Weihrauchkörner geborgen und untersucht. Die Öffnung des Sarkophags sieht Pillinger als problematisch an: "Man weiß da nie, was zerstört werden kann." Mit Superlativen hat die Archäologin, die unter anderem in Ephesos arbeitet, Probleme: Das entdeckte Paulus-Fresko in den Katakomben von St. Thekla sei sicher nicht "das älteste Abbild des Apostels", wie Archäologen des Vatikan meinten. Ähnliche Fresken gäbe es in Rom und in Ephesos.

Der Vatikan ist derzeit bemüht, weitere Details geheimzuhalten. Damit will man Medienberichten wie bei der Untersuchung des Turiner Grabtuchs vorbeugen. (Gerhard Mumelter und Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 01.07.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Paulus-Fresko in Rom: Die österreichische Archäologin Renate Johanna Pillinger glaubt nicht, dass es das älteste seiner Art ist.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Im Paulus-Grab in der Basilika San Paolo fuori le Mura wurden Knochenreste des Apostels gefunden.

Share if you care.