"Redimensionierungen werden nötig sein"

30. Juni 2009, 18:54
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Klaus Taschwer sprach mit Helmut Denk, dem neuer Präsident der Akademie der Wissenschaften, über veraltete Strukturen und mögliche Folgen des knappen Budgets

STANDARD: Andere Menschen Ihres Alters genießen längst Ihre Pension. Warum tun Sie sich jetzt noch den nicht allzu dankbaren Job des Präsidenten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften an?

Denk: Das haben mich schon viele Leute gefragt. Ich bin mir der Tatsache völlig bewusst, dass das alles andere als eine bloße Ehrenposition ist, sondern viel Arbeit mit sich bringen wird. Ich denke, dass es in erster Linie Pflichtbewusstsein gegenüber der ÖAW ist, dieses Amt anzutreten.

STANDARD: Ihr Alter sah man bei der Anfrage nicht als mögliches Problem?

Denk: Es war meine erste Reaktion auf die Anfrage, darauf hinzuweisen, dass sowohl ich wie auch die neue Vizepräsidentin 69 Jahre alt sind und das nicht unbedingt als ein Zeichen der Verjüngung und des Aufbruchs ausgelegt werden wird.

STANDARD: Sie sind trotzdem gewählt worden. Fühlen Sie sich noch dynamisch genug für die Aufgabe?

Denk: Ja. Wenn man dynamisch und fortschrittlich ist oder es zumindest sein will, dann ist man das in der Jungend wie auch im Alter. Das ist meine Erfahrung. Ich hatte eine Reihe von halb so alten Mitarbeitern, bei denen ich nicht unbedingt die große Fortschrittlichkeit und Dynamik gesehen habe. Ich wage also zu behaupten, dass Dynamik eine Frage der Persönlichkeit und des Alters ist. Wahrscheinlich hätte ich eine solche Berufung vor zehn Jahren abgelehnt.

STANDARD: Warum?

Denk: Einerseits deshalb, weil ich damals noch mitten in der wissenschaftlichen Arbeit steckte. Andererseits aber auch deshalb, weil ich mich damals für so ein Amt noch nicht reif genug gefühlt hätte.

STANDARD: Jetzt tun Sie das augenscheinlich. Sie waren in Graz viele Jahre lang Vorstand des Grazer Instituts für Pathologie. Reicht das, um die Akademie in die Zukunft zu führen?

Denk: Ich hoffe es. Dazu muss man zum ersten sagen, dass das Grazer Institut unter Einschluss der Drittmittelstellen rund 180 Mitarbeiter zählt und man als Vorstand ein sehr umfangreiches Tätigkeitsfeld auf dem wissenschaftlichen und administrativen Sektor hat. Zum zweiten sollte man auch erwähnen, dass ich neun Jahre lang im Wissenschaftsfonds FWF tätig war, davon sechs Jahre lang als Vizepräsident, wo ich für die Biologie, die Medizin und die Stipendien zuständig war. Vieles wird aber sicher auch learning by doing sein.

STANDARD: Worin sehen Sie denn die größten Herausforderungen für die Akademie in den nächsten Jahren?

Denk: An erster Stelle steht die wissenschaftliche Qualität, die mehr denn je international konkurrenzfähig muss. Das muss zweitens derzeit mit eingeschränkten Budgetmitteln gelingen. Drittens ist der bereits sehr gut eingeleitete Reformprozess weiterzuführen.

STANDARD: Bleiben wir beim letzten Punkt: In welche Richtung soll denn die interne Reform weitergehen? Als eine Option gilt ja zum Beispiel die Herauslösung von ÖAW-Spitzeninstituten wie dem von Josef Penninger geleiteten IMBA, dem Gregor Mendel Instituts oder dem IQOQI der Quantenphysiker.

Denk: Ich bin der Meinung, dass diese Spitzeninstitute unter dem gemeinsamen Dach der Akademie angesiedelt sein sollen, weil das ein sehr gutes und prestigeträchtiges Dach ist. Aber zugleich sollte die Bürokratie möglichst wissenschaftsfreundlich und unkompliziert sein. Bei einigen dieser Institute gibt es die Trennung zwischen einer wissenschaftlichen und einer kaufmännischen Leitung. Eine ähnliche Konstruktion wird auch für die Akademie erwartet. Klar ist auch, dass niemand an der Notwendigkeit einer auch nach kaufmännischen Gesichtspunkten professionellen Verwaltung zweifelt. Ich stehe dem durchaus positiv gegenüber - unter einer Auflage: die wissenschaftliche Leitung muss immer Primat haben.

STANDARD: Wie sollen in Zukunft die großen Entscheidungen fallen? Soll das Plenum da weiterhin mitentscheiden können?

Denk: Selbstverständlich. Das entspricht der geltenden Geschäftsordnung. Wichtig wird sein, dass diese Entscheidungen gut vorbereitet sind.

STANDARD: Angesichts der eingeschränkten Mittel steht die Schließung oder Verkleinerung von Akademieeinrichtungen im Raum. Wie stehen Sie dazu?

Denk: Solche Redimensionierungen werden sicher nötig sein. Dabei wird das international hochrangig besetzte Forschungskuratorium der ÖAW eine wichtige Rolle spielen, das auf Basis der kontinuierlichen Evaluierungen darüber befindet, wie die bisherigen wissenschaftlichen Leistungen der Einrichtungen aussehen, was in der Zukunft wissenschaftlich notwendig und was weniger notwendig ist. Es ist aber auch die generelle Meinung der Gelehrtengesellschaft zu berücksichtigen und schließlich muss das Präsidium eine Entscheidung treffen und den Kopf dafür hinhalten.

STANDARD: Gibt es dafür schon einen Zeitplan?

Denk: Das Forschungskuratorium wird im Oktober tagen und dann in dieser Sache wesentlich zur Meinungsbildung beitragen. Die Entscheidungen werden dann sicher so rasch wie möglich gefällt.

STANDARD: Mit der Vizepräsidentin Sigrid Jalkotzy-Deger gibt es nun erstmal in der 162-jährigen Geschichte der Akademie eine Frau im Präsidium. Wird es an der Akademie womöglich sogar so etwas wie eine Frauenquote geben?

Denk: Ich bin mit Kollegin Jalkotzy-Deger völlig einer Meinung, dass eine Frauenquote eine Diskriminierung darstellen würde. Ich bin sehr dafür, dass mehr Frauen in der Wissenschaft und daher auch in der Akademie tätig sein sollen. Ich bin als Vater einer Tochter realistisch genug, zu sehen, dass das unter den gegenwärtigen Bedingungen für Frauen schwerer ist als für Männer. Deshalb braucht es in jedem Fall die geeignete Infrastruktur - wie zum Beispiel entsprechende Kinderbetreuungseinrichtungen.

STANDARD: Es gibt an der Akademie einige überkommene Organisationsformen wie die Aufteilung in eine mathematisch-naturwissenschaftliche und die philosophisch-historische Klasse - das klingt nicht unbedingt nach dem 21. Jahrhundert. Haben Sie diesbezüglich Änderungen vor?

Denk: Es gibt seit längerer Zeit Diskussionen, das Klassensystem entweder ganz abzuschaffen oder es noch weiter aufzugliedern. Im Moment sehe ich keine aktuelle Notwendigkeit, an dem derzeitigen System zu rütteln. Wichtig ist aber, die Querverbindungen und Synergien der Klassen auszubauen. Und das ist möglich, wie ich aus meiner Arbeit im Wissenschaftsfonds FWF weiß, wo die Sitzungen der unterschiedlichen Fachbereiche gemeinsam stattfanden.

STANDARD: Eine neue Einrichtung mit einem verstaubten Name ist die junge Kurie, die für vergleichsweise junge Wissenschafter eingerichtet wurde. Von der kam zuletzt heftige interne Kritik...

Denk: Der Name ist ein kleines aber nicht essentielles Problem, weil den im Ausland niemand versteht und er an die Kardinalskurie in Rom erinnert. Ich stehe der Einrichtung positiv gegenüber. Ich verlange aber von den Mitgliedern dieser Kurie, dass sie nicht nur über Altersfragen und Mitbestimmung diskutieren. Ganz wichtig ist es, dass die junge Kurie die neuesten wissenschaftlichen Aspekte und Entwicklungen in die Diskussionen und Aktivitäten der Akademie einbringt. Und ich bin auch dafür, dass die Mitglieder der jungen Kurie bei entsprechender fachlicher Qualifikation auch einen wichtigen Pool für korrespondierende oder wirkliche Mitglieder der ÖAW sein sollen - anders, als dies etwa bei der Leopoldina geplant ist.

STANDARD: Die jungen Forscher an ÖAW-Einrichtungen wiederum haben nur sehr begrenzte Dienstverträge. Planen Sie auch da Änderungen wollen Sie sich diese Flexibilität bei den Dienstverhältnissen erhalten?

Denk: Grundsätzlich glaube ich schon, dass man flexibel bleiben soll. Im Detail kann ich über diese Verträge noch nichts sagen. Es ist einerseits so, dass man wirklich guten Leuten natürlich schon eine längerfristige Perspektive bieten muss. Andererseits darf es auch zu keinen Einbetonierungen etwa in Form von Pragmatisierungen geben, wie das an den Universitäten der Fall und nicht unbedingt von Vorteil war.

STANDARD: Apropos Universitäten. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen der Akademie und den Unis?

Denk: Die Akademie soll im Wesentlichen das tun, was die Universitäten aus Gründen der Lehre oder anderer Restriktionen nicht ausreichend leisten können: nämlich exzellente Grundlagenforschung auf internationalem Niveau. Die ÖAW soll mit den Unis, wo es Sinn macht, kooperieren und keine Anti-Universität sein. Aber der Anspruch ist natürlich, in der Forschung besser zu sein als die herkömmlichen Universitätseinrichtungen. Wobei aber nicht verschwiegen werden soll, dass es in Österreich auch ganz hervorragende Universitätsinstitute gibt.

STANDARD: Wie wollen Sie das erreichen?

Denk: So wie es in den vergangenen sehr erfolgreichen Jahren der Akademie erfolgt ist: durch Gründunge von innovativen Forschungseinrichtungen und insbesondere durch die Berufung von exzellenten Wissenschaftlern, auch aus dem Ausland.

STANDARD: In den Satzungen der ÖAW steht, dass sie anwendungsoffene Grundlagenforschung betreiben soll. Wie sehen Sie, der Sie ja auch eine Firma mitgegründet haben, dieses Prinzip der Anwendungsoffenheit?

Denk: Ich denke, dass die Akademie keinerlei Berührungsängste im Hinblick auf Kooperationen mit der Industrie haben sollte und die Möglichkeit der Ausgründung von Spin-Offs auch genützt werden sollte, wenn sie sinnvoll ist. Das muss natürlich rechtlich geklärt und gut geregelt sein. Denn zu bedenken ist, dass in Österreich in diesem Bereich die dazugehörige Kultur noch wenig entwickelt ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 01.07.2009)

Zur Person
Helmut Denk (69) studierte Medizin. Der Professor für Pathologie in Graz war dort langjähriger Vorstand des Instituts für Pathologie. In den 1990er-Jahren Vizepräsident des Wissenschaftsfonds FWF. 2001 Mitgründer des Biotech- Unternehmens Oridis Biomed.

  • Helmut Denk ist gegen Frauenquoten in der Akademie, weil das, seiner Ansicht nach, eine Diskriminierung der Frauen wäre.
    foto: standard/corn

    Helmut Denk ist gegen Frauenquoten in der Akademie, weil das, seiner Ansicht nach, eine Diskriminierung der Frauen wäre.

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