Die Authentizität des Spontanen

30. Juni 2009, 18:27
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Nikolaus Harnoncourt dirigiert "Porgy and Bess"

Graz - Am Anfang standen ein Traum und eine Kindheitserinnerung. So überraschend es für manchen zunächst erscheinen mag, dass sich Nikolaus Harnoncourt nun statt für Monteverdi, Mozart, Haydn oder Schubert für George Gershwin einsetzt, so schlüssig leitet er selbst dies von seiner Biografie her: Sein Onkel war Direktor des New Yorker Museum of Modern Art, über ihn kamen die Noten von Porgy and Bess ins Elternhaus, wo sie der Vater am Klavier spielte.

Ein anderer, vielleicht noch überzeugenderer Weg führt über die Musikgeschichte: Harnoncourt betont, wie genau der Amerikaner die Werke seiner europäischen Kollegen studiert hatte, und weist besonders auf das Verhältnis zwischen Gershwin und Alban Berg sowie die Verbindungen zwischen Porgy and Bess und Bergs Wozzeck hin, das er bis ins kleinste musikalische Detail nachweisen möchte.

Vor Ideen berstendes Werk

Bei der Styriarte-Premiere, mit der sich Harnoncourt einen lang gehegten Wunsch erfüllte, ließ er am Montag denn auch keinen Zweifel daran, wie er die Oper verstanden wissen will: als unerhört modernes, vor Ideen berstendes, ausgeklügelt durchgearbeitetes Werk, das vollkommen auf der Höhe seiner Zeit steht und es an Kühnheiten durchaus damit aufnehmen kann, was zugleich in Europa komponiert wurde.

So hob der Dirigent denn auch besonders die Ecken und Kanten hervor, die Schärfen und Schroffheiten, meißelte das polyfone Gewebe heraus und ließ visionäre Klangfelder hervortreten. Und weil er bei allem, womit er sich ein wenig näher beschäftigt, geradezu zwangsläufig Entdeckungen macht und auf Verschollenes stößt, gab es auch eine rekonstruierte Schlagzeugimprovisation am Beginn der letzten Szene - wohlgemerkt mit echten afrikanischen Trommeln, die um Welten geiler klangen als die gängigen Kompromisse.

Auch sonst erfüllte das Chamber Orchestra of Europe mit swingendem Feinsinn offensichtlich alle seine Wünsche. Dazu gehörte es wohl auch, sich zu ebenso spontanem wie fundiertem Musizieren hinreißen zu lassen - nicht anders als der schlichtweg grandiose Arnold Schoenberg Chor, der zu unwillkürlich wirkendem, aber großteils recht überzeugendem Agieren verleitet wurde.

Noten in der Hand

Dass der Chor noch die Noten in der Hand hatte und meist in der üblichen Konzertformation Stellung bezog, war jedoch beinahe das Einzige, was noch auf die ursprünglich angekündigte konzertante Fassung schließen ließ. Vor einer bloß angedeuteten Kulisse wurde stattdessen mit wenigen Requisiten und Kostümen durchaus Theater gemacht.

Und zwar wesentlich mehr als jene „szenischen Andeutungen", von denen im Programmheft in einem eilig eingelegten Zusatzblatt ein wenig untertreibend die Rede war. Was Nikolaus Harnoncourt und sein Sohn Philipp in knapper Zeit erarbeitet hatten, zeigte somit zumindest den Charakter einer halbszenischen Aufführung, die sich über weite Strecken noch dramatisch zuspitzte und die hoffnungslose Liebesgeschichte auf sympathische, wenn auch ästhetisch und handwerklich nicht makellose Weise erzählte.

Ohne Opernklischees

Hier war wohl auch einiges an Eigeninitiative der Sänger dabei, die den Rollen allesamt unverwechselbare Charaktere gaben. Seien es Jonathan Lemalu und die kurzfristig eingesprungene Isabelle Kabatu als berührende Titelfiguren, sei es die stimmgewaltige Angela Renée Simpson als Serena, Michael Forest als schmieriger Sporting Life oder Bibiana Nwobilo als Clara, die für ein strahlendes Summertime sorgte.

Nicht nur durch die Verteilung von Erdbeeren ans Publikum spielte Roberta Alexander, die als Maria eine komödiantische Note ins Spiel brachte, eine Sonderrolle, sondern auch dadurch, dass die einstige Mozart-Sängerin bei der Besetzung beraten hatte.

Statt Opernklischees von Schönklang und - nach europäischem Maßstab - makelloser Gesangstechnik war dabei wohl ein authentischer Tonfall im Zentrum gestanden, den etwa Previn Moore, neben anderen kleinen Rollen, als Fischverkäufer beeindruckend beherrschte.

Und als sich am Ende alle Darsteller in einer guten Operntradition ans Publikum wandten, wie um mit dem Ausdruck eines umfassenden Humanitätsdenkens das diesjährige Styriarte-Motto „Der Menschheit Würde" zu illustrieren, gelang nochmals der Eindruck von Unmittelbarkeit, bei der die musikalische und szenische Ebene auf wundersame Weise zusammenkamen. (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 01.07.2009)

Weitere Aufführungen: 1., 3., 5. und 7. Juli, 19.00, 0316/82 50 00

Link:
www.styriarte.com

  • Hoffnungslose Liebe: Jonathan Lemalu, Isabelle Katabu.
    foto: kmetitsch

    Hoffnungslose Liebe: Jonathan Lemalu, Isabelle Katabu.

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