Der Kult der Unbildung

30. Juni 2009, 18:09
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Wenn die Meinungsführer der Republik aus kaltem Kalkül Unwissenheit verkünden, dann läuft etwas schief

Bundespräsident Heinz Fischer kann die ersten paar dutzend Verse der Ilias auswendig hersagen. Im altgriechischen Original des Homer. Bundespräsidentschaftskandidatur-Interessent Erwin Pröll hat nach eigener Aussage nur ein Buch gelesen, den Schatz im Silbersee von Karl May.

Was sagt das über ihre Eignung zum Bundespräsidenten? Relativ wenig, wobei hinzuzufügen wäre, dass Fischer auch Vorlesungen über Verfassungsrecht gehalten und dass Pröll mit Sicherheit mehr als ein Buch gelesen hat. Beide Herren sind übrigens Förderer der zeitgenössischen österreichischen Kunst, wobei Pröll immer noch umstrittenen Künstlern wie Hermann Nitsch oder dem verstorbenen Adolf Frohner bei der Errichtung eigener Museen in Niederösterreich massiv geholfen hat. Das macht kein bornierter Provinzler.

Nur, und damit sind wir beim eigentlichen Thema: Pröll und seine Unterstützer, aber auch eine ganze Politiker-Generation, halten es für richtig, den Anti-Intellektuellen herauszukehren. Sie glauben, das tun zu müssen, um als "volkstümlich" zu gelten. Sie betreiben aber damit den Kult der Unbildung, der immer mehr unser öffentliches Leben dominiert. Landeshauptmann Pröll sagte auf die übliche Schatz-im-Silbersee-Frage: "Der eine liest halt, und der andere hat's vom Herrgott bekommen". Na gut, eine kernig-niederösterreichische Ansage.

Aber Prölls langjähriger Begleiter, der nunmehrige EU-Abgeordnete Ernst Strasser, fühlte sich bemüßigt, da noch zuzulegen: "Das mögen die Leut'; damit wirkt der Landeshauptmann wenigstens net so obergscheit."

Jo mei, etliche Leut' mögen das durchaus mögen, aber ein wichtiger Politiker sollte den Kult der Einfältigkeit, des selbstgenügsamen Stolzes auf die eigene enge Weltsicht, nicht auch noch fördern.

Das tun andere - die Verblödungsmedien, die radikal-populistischen Politiker, die Stammtisch-Wortführer - schon genug. Österreich hatte traditionell eine dünne geistige Höchstleistungsschicht, genährt aus der Vielfalt der Monarchie, ein relativ breites Bildungsbürgertum und eine ziemlich ungebildete, weil arme Kleinbürger- und Unterschicht. Die Höchstleister gingen und gehen ins Ausland, das Bildungsbürgertum ist fast verschwunden, und der Masse geht es zwar materiell viel besser, aber sie will nichts mehr wissen (im Unterschied zu der beinahe bildungswütigen Arbeiterschaft im frühen 20. Jahrhundert). Im Gegenteil - viele scheinen stolz auf ihre Abgeschottetheit zu sein und konsumieren die Medien der Gegenaufklärung. Sie fahren ja nicht schlecht dabei - bisher.

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann definiert in seinem Buch Theorie der Unbildung sehr scharf: "Unbildung heute ist kein intellektuelles Defizit, kein Mangel an Informiertheit, kein Defekt an einer kognitiven Kompetenz - obwohl es das alles auch weiterhin geben wird -, sondern der Verzicht darauf, überhaupt verstehen zu wollen. Wenn aber die Meinungsführer eines Staates und einer Gesellschaft aus Angst, "obergscheit" zu wirken, oder aus kaltem Kalkül verkünden: "Nichts wissen und verstehen wollen, ist ok" - dann läuft was schief. (Hans Rauscher, DER STANDARD-Printausgabe, 1.7.2009)

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