Female Science Faction Reloaded

30. Juni 2009, 18:26
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Sammelband über Verhältnis von Frauen zu Naturwissenschaften und Technik

Gegen platte Klischees über Frauen und Technik anschreiben. Dies fordert der Lise Meitner Literaturpreis seit 1994 alle zwei Jahre in einer Ausschreibung. Gewinnerinnen des mit 2.200 Euro dotierten Preises können jene werden, die mit Erzählungen eine neue weitsichtige oder auch provokante Perspektive auf das Thema Geschlecht in Naturwissenschaften und Technik wagen. Die verstorbene österreichische Kernphysikerin Lise Meitner ist Namensgeberin für den Preis. Sie war die zweite Frau, die an der Universität Wien im Hauptfach Physik promovierte. 1933 wurde ihr die Lehrbefugnis aufgrund ihrer jüdischen Abstammung entzogen, nach ihrer Flucht konnte sie ihre Forschung in Schweden am Nobel-Institut fortsetzen. Gemeinsam mit Otto Frisch lieferte Meitner die erste physikalisch-theoretische Erklärung der Kernspaltung, die ihre Kollegen Otto Hahn und Fritz Straßmann 1938 entdeckten.

Das Buch "Female Science Faction Reloaded", das im Promedia Verlag erschienen ist und von Karin Ballauff, Helga Gartner, Roswitha Hofmann und Doris Nußbaumer herausgegeben wurde, präsentiert nun Texte darüber, in welcher Weise Frauen in Arbeitsfeldern und Ausbildungsbereichen wie Informatik, Maschinenbau oder Elektrotechnik mit den verschiedensten Vorurteilen und Hindernissen noch immer zu kämpfen haben. Die Herausgeberinnen wollten mit dem Buch dem Verhältnis „Frauen und Technik" literarisch nachspüren und bestimmte „Phänomene" aufzeigen, wie es im Vorwort heißt. Ein solches Phänomen war etwa, dass Lise Meitner irgendwie zur „Mitarbeiterin" Otto Hahns wurde, obwohl sie entscheidenden Einfluss auf Hahns Erkenntnisse hatte, den Nobelpreis nahm natürlich Hahn entgegen.

Siegerinnen-Texte

Der Sammelband präsentiert die Siegerinnen-Texte aus den Jahren 2003, 2005 und 2007 und andere Erzählungen. Preisträgerin (2003) Monika Vasik gewährt beispielsweise Einblick in Überlegungen und Umfeld einer Maturantin, deren Tante ihr gegenüber feststellt: "Du schlägst ganz aus der Art". Kommentiert hat die Tante damit die Erwägung der Schülerin, vielleicht "an der Technik" zu studieren. Aber nicht nur über die Tante muss sich die junge Frau empören. Auch von ihrer Professorin ist sie enttäuscht, die ihre Schützlinge kurz vor der Matura im Stich lässt um Drillinge zu bekommen. Eine Professorin, die ihr versicherte, dass sie an ihre Begabung und Intelligenz glaube. "Pah! alles Gelaber. wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich mich nicht für die mündliche Mathematik und Physikmatura angemeldet, niemals."

Wie sind Sie als Frau dazu gekommen?

Da Identifikationsfiguren für junge Frauen im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich selten sind oder eben abhanden kommen können, muss es auch ohne gehen. Über eine Heizerin, die in einem Museum die Arbeit als Schiffsheizerin nachstellt, nimmt das Erstaunen schier kein Ende: "Und wie sind Sie als Frau dazu gekommen, hier zu arbeiten?". "Hat ihr Vater in so einem Beruf gearbeitet, oder ihr Großvater?". Die Heizerin verneint. Und wieder "oh, eine Heizerin. Haha. Wie sind Sie als Frau dazu gekommen, das hier zu machen?" Antwort: "Ich wollte verstehen, wie das alles funktioniert." Und das Erstaunen scheint in Lisa Mandelartz Text "Die Wartung des Kessels darf nur zuverlässigen, gut ausgebildeten männlichen Personen über 18 Jahren übertragen werden" nicht mehr enden zu wollen.

Wenn noch immer kleine Kinder aufgeregt auf Frauen in bestimmten Berufen zeigen und rufen "Papa, das ist eine Frau!", scheint es nicht verwunderlich, dass es zu dem Selbstverständnis für Frauen und Mädchen, aus einer umfangreicheren Palette an Berufen zu wählen, noch weit ist. Dass es in den verschiedensten naturwissenschaftlichen und technischen Studienrichtungen und Arbeitsfeldern an Frauen mangelt, wissen wir. Über die vielen "Phänomene", die strukturellen und gesellschaftlichen Traditionen und kulturellen Erzählungen, die auch nicht durch einschlägige Förderungsmaßnahmen so einfach beseitigt werden können, geben aber Erzählungen, wie die in "Female Science, Faction, Reloaded" wichtige Aufschlüsse. (beaha, dieStandard.at, 30.6.2009)

  • Kaum zu glauben? Auch Mädchen haben Spaß an Technik und Naturwissenschaft. 
    foto: festo

    Kaum zu glauben? Auch Mädchen haben Spaß an Technik und Naturwissenschaft. 

  • Karin Ballauff, Helga
Gartner, Roswitha Hofmann, Doris Nußbaumer (Hg.innen), "Female Science,
Faction, Reloaded", Promedia Verlag, Wien 2008, EUR 15,90
    cover: promedia verlag

    Karin Ballauff, Helga Gartner, Roswitha Hofmann, Doris Nußbaumer (Hg.innen), "Female Science, Faction, Reloaded", Promedia Verlag, Wien 2008, EUR 15,90

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