Uni Wien erinnert an ein entsetzliches Unrecht

30. Juni 2009, 13:00
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Über 2.700 vorwiegend jüdische Uni-Angehörige wurden 1938 entlassen und vertrieben

Wien - Über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität Wien wurden bei Machtübernahme des NS-Regimes im Jahr 1938 aus "rassischen" und "politischen" Gründen entlassen; die meisten davon wurden in der Folge vertrieben oder ermordet. Davon waren Studierende und Lehrende betroffen, ebenso wie Verwaltungsmitarbeiter und über 200 Absolventen, denen ihr akademischer Grad aberkannt wurde.

Im Zuge der eigenen Vergangenheitsaufarbeitung widmete die größte Uni des Landes den NS-Opfern nun ein Gedenkbuch. Eine Online-Version ist im Internet seit Dienstagabend anlässlich der Buchpräsentation verfügbar.

Einer der über 2.000 Betroffenen war Alt-Bundeskanzler Bruno Kreisky. Er konnte allerdings "nach längerer Unsicherheit, doch noch sein Studium abschließen und am 30. September 1938 unter zahlreichen symbolischen Diskriminierungen im Rahmen einer 'Nichtarierpromotion' promovieren, bei gleichzeitig ausgesprochenem Berufsverbot im gesamten Deutschen Reich". Dem Schriftsteller Stefan Zweig wurde "aus rassistischen Gründe" der Doktorgrad aberkannt wie auch dem Psychologen Bruno Bettelheim. Zu den vertriebenen Studenten zähen etwa Kurt Elias und Maria Hertz-Levinson, zu den vertriebenen Lehrenden der Komponist Egon Wellesz (auch Doktorgradaberkennung) und die Psychologin Charlotte Bühler.

Erinnerungen an ein Unrecht

Mit dem von Friedrich Stadler und Herbert Posch vom Forum Zeitgeschichte der Uni Wien erstellten "Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938" wolle man an dieses Unrecht erinnern. Man sei sich "zugleich der Mitverantwortung für das unfassbare Leid bewusst, das den Angehörigen der Universität Wien damals zugefügt wurde", heißt es in der Präambel. Es wird im Denkmal Marpe Lanefesh, dem ehemaligen jüdischen Bethaus des Allgemeinen Krankenhauses, am Campus der Uni Wien aufbewahrt.

Die Online-Datenbank umfasst derzeit rund 2.200 Namen von Betroffenen der Uni Wien - auch unter Einschluss der inzwischen selbstständig gewordenen großen Medizinischen Fakultät. Bisher konnten laut Uni Wien die Namen von 1.770 der rund 2.230 vertriebenen Studierenden festgestellt werden sowie die Namen der 234 Betroffenen von Aberkennungen akademischer Grade und rund 200 Namen von vertriebenen Professoren und Dozenten.

Mit der Online-Version des Gedenkbuches seien Namen und Biografien Betroffener weltweit einsehbar. Das Gedenkbuch sei kein abgeschlossenes Werk, sondern werde weiter ergänzt. "Es handelt sich hier um eine späte symbolische Initiative, die niemals beendet sein wird", heißt es in der Präambel. (red/APA)

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    Auch Stefan Zweig wurde von den Nazis "aus rassischen Gründen" der Doktorgrad aberkannt.

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