Sie bauen das Schiff auf rauer See

29. Juni 2009, 20:28
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Der Staat allein kann die Krise nicht meistern - In Südosteuropa zeichnen unzählige Sozialinitiativen einen Weg vor, der auch für den reichen Teil Europas beispielgebend sein könnte

Bukarest/Wien - Als er reiste, wusste er nicht, wohin die Reise ging; als er ankam, wusste er nicht, wo er war; und all das tat er mit Staatsgeld: Diese Beschreibung des Christoph Kolumbus trifft für den slowenischen Ökonomen Jože Mencinger genau auf seine Branche in der aktuellen Krise zu. Von deren Seite konnte somit auch keine konkrete Antwort auf die Krise erwartet werden auf der jüngsten Bukarester Konferenz über den sozialen Wandel 20 Jahre nach 1989. Anlass war die Verleihung des Preises für Soziale Integration, den die Erste Stiftung heuer zum zweiten Mal vergab.

Sie wissen genau, was sie tun; sie kennen ihr Ziel; und sie bekommen wenig oder gar keine öffentlichen Gelder: Für die unzähligen Nichtregierungsorganisationen, die in Südosteuropa seit dem Ende der totalitären Systeme arbeiten, gilt genau das Gegenteil des Kolumbus-Syndroms. Zivilcourage, Verständnis und Hilfe für Ausgegrenzte, Benachteiligte, Minderheiten sind ihre Motive, eine Gesellschaft mit einem Mindestmaß an sozialem Zusammenhalt ist das Ziel. Meist geht die Wirkung weit über das konkrete Projekt hinaus.

"Lasst uns Freunde sein"

Beispiel 1: Im jungen Staat Montenegro strebte die 2001 gegründete Vereinigung körperlich behinderter Jugendlicher ursprünglich bessere Ausbildung für die Betroffenen an. Bald ging es in eine etwas andere Richtung. Auf Initiative der Vereinigung und nach einer Kampagne unter dem Motto "Lasst uns Freunde sein" beschloss das Landesparlament im März 2008 ein Gesetz über die Zulassung von Blindenhunden in öffentlichen Verkehrsmitteln, Plätzen und Ämtern.

Heute sind ein Blinden- und ein Assistenzhund im Einsatz, je ein weiterer folgt demnächst. Sie werden von der kroatischen Blinden- und Assistenzhunde-Vereinigung ausgebildet. Das Geld, 12.000 Euro je Hund, wird durch Spendenaktionen, Benefizkonzerte und andere Aktivitäten aufgebracht.

Hunde hatten in der montenegrinischen Gesellschaft bisher einen anderen Stellenwert als in wohlhabenden westlichen Ländern. Das hat sich durch die Aktion zumindest teilweise geändert. Marijana Mugosa und ihre Blindenhündin Xena sind landesweit bekannt. "Hallo Marijana, hallo Xena" , heißt es, wo immer sie auftauchen.

Nicht ganz. Denn an ihrem Arbeitsplatz hat Marijana inzwischen ein Problem. Dass es ausgerechnet der Gemeinderat der Hauptstadt Podgorica ist, macht daraus eine Grundsatzfrage im Verhältnis zwischen Staat und Bürger. Seit 2004 arbeitet die Juristin Marijana für den Gemeinderat. Am 10. Dezember 2008 wurde ihr nach einer Arbeitspause plötzlich die Rückkehr mit Xena ins Rathaus verwehrt - auf Anordnung von Bürgermeister Miomir Mugosa (mit dem sie nicht verwandt ist). Zwar gibt es mittlerweile ein vorläufiges Gerichtsurteil, wonach Marijana mit Xena an ihren Arbeitsplatz gelassen werden muss. Aber der wurde vom Magistrat inzwischen in ein eineinhalb Kilometer entferntes Gebäude verlegt. Dort kann Marijana nur per Telefon mit der Außenwelt kommunizieren.

Akzeptiert die Juristin diesen Arbeitsplatz nicht, kann sie entlassen werden. "Aber wir geben nicht auf. Wir gehen notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte" , sagt Milan Šaranović, Vorsitzender der Behindertenorganisation. "Denn das ist auch im Interesse anderer potenziell Betroffener."

Mit Wind durch die Stille

Beispiel 2: Mit Wind durch die Stille heißt ein Projekt in Kroatien, das Gehörlosen die wunderbare Welt des Segelns erschließt - und damit einen neuen Zugang zur Welt rund um sie. Seit sieben Jahren bildet die Adriatische Skipper-Vereinigung in Rijeka Gehörlose aus dem ganzen Land im Segeln aus. "Gehörlosigkeit ist kein physisches, sondern ein soziales Problem" , sagt Skipper-Chef Ivor Pliskovac: "Die Kommunikation nach außen ist gestört." Das ändert sich auf dem Segelboot sofort. "Sie werden extrovertiert, und man spürt, wie hier zwei Welten zusammenkommen und wie begeistert beide Seiten sind." 150 neue Zeichen der Gebärdengesprache wurden entwickelt, die 70 wichtigsten in einem Segel-Manual für Gehörlose zusammengefasst.

Bei der Ausbildung sind sechs bis acht Gehörlose mit einem Skipper ein bis zwei Tage auf dem Boot. Die Boote werden von Chartergesellschaften gratis zur Verfügung gestellt. Weitere erwünschte Sozialeffekte: das Verständnis zwischen den Menschen im Landesinnern und den Küstenbewohnern zu fördern und zu zeigen, dass Segeln nichts Elitäres ist. Derzeit gibt es ein großes jährliches Treffen in Nerezina auf Lošinj. Ziel ist ein Zentrum für ganzjährige Ausbildung mit einem eigenen Boot.

Un/Sichtbare Stadt

Beispiel 3: "Die Menschen haben geweint, sie hatten keine Ahnung davon, dass das ihre Rechte sind, und viele hatten noch nie eine Theateraufführung live erlebt." Die serbische Schauspielerin Sanja Krsmanović Tasić erzählt von der Publikumswirkung einer ganz speziellen Verkündung der Menschenrechte: in acht Sprachen in einem Bus in der multiethnischen Stadt Subotica in der Vojvodina.

Un/Sichtbare Stadt nennt sich das Projekt, mit denen eine junge Schauspielertruppe ihren Landsleuten mitten im Alltag den Reichtum einer multiethnischen Gesellschaft nahebringt. Gespielt wird in angemieteten Bussen der jeweiligen Verkehrsbetriebe. In den jeweiligen Stadtteilen, in denen der Bus hält, wird Beziehung zu den einstigen und jetzigen Bewohnern hergestellt. "Zum Beispiel: Hier lebte dieses jüdische Ehepaar ..."

Für Sanja ist die Kunst "ein "mächtiges Werkzeug, sie öffnet die Herzen, und die Leute verändern sich" . Deshalb sollten viel mehr Künstler bei solchen Konferenzen dabei sein. Da werde geredet, geredet, geredet, mit zweifelhafter Wirkung. "Aber wenn ich aus demselben Thema ein Lied mache, dann hören die Leute zu."

Ein Lied war es zwar nicht, mit dem die Bukarester Konferenz ihre Botschaft verkündete. Klar genug war sie trotzdem: Der Staat allein kann die Krise nicht meistern. Dazu braucht es eine starke Zivilgesellschaft, und für die müssen die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Was die angeblich besonders prekäre Lage der südosteuropäischen Länder betrifft, so meinte Florentina Constantin von der Caritas Rumänien, Koordinatorin eines Projekts zur sozialen Eingrenzung, sie könne die apokalyptischen Szenarien westlicher Experten nicht mehr hören. "Zuerst hat man uns gesagt, wir machen das Schiff auf hoher See wieder flott" , meinte sie in Anspielung auf eine Arbeit des Berliner Politologen Claus Offe, der in Bukarest mit dabei war. "Jetzt sagen sie, das Schiff droht zu sinken, und stellen Vergleiche zu den 1930er-Jahren her. Da fühlt man sich wie Sisyphus. Wir arbeiten einfach - ohne jemals ein Schiff gesehen zu haben." (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2009)

 

  • Marijana Mugosa mit Blindenhündin Xena und Milan Saranović von Montenegros Vereinigung körperlich behinderter Jugendlicher: nach Etappensieg mit neuem Widerstand konfrontiert.
    foto: standard/kirchengast

    Marijana Mugosa mit Blindenhündin Xena und Milan Saranović von Montenegros Vereinigung körperlich behinderter Jugendlicher: nach Etappensieg mit neuem Widerstand konfrontiert.

  • Ivor Pliskovac: Segeln mit Gehörlosen.
    foto: standard/kirchengast

    Ivor Pliskovac: Segeln mit Gehörlosen.

  • Schauspielerin Sanja Krsmanović Tasić: "Mach ein Lied aus dem Thema, und die Leute hören zu."
    foto: standard/kirchengast

    Schauspielerin Sanja Krsmanović Tasić: "Mach ein Lied aus dem Thema, und die Leute hören zu."

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