Eine Betondecke über die dunkle Vergangenheit

29. Juni 2009, 20:16
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Streit um Sanierung der ehemaligen NS-Stollen in Gusen - Historiker: "Problematisch"

Linz - Notwendige Sicherungsarbeiten oder eine bedenkliche Form der Baulandgewinnung? Zwischen diesen beiden Fronten bewegt sich derzeit ein Streit um das größte NS-Bauwerk Österreichs: die ehemalige Stollenanlage "Bergkristall" in St. Georgen an der Gusen. Fakt ist, dass die Bundesimmobiliengesellschaft BIG als Besitzerin derzeit beträchtliche Teile der Stollen mit Beton auffüllt. Künftig werden dadurch von den bisher sieben Kilometern nur mehr gut zwei Kilometer des weitläufigen Gangsystems begehbar sein.

Vonseiten des "Gedenkkomitees Gusen" ist jetzt der Aufschrei groß. "Weder wir noch das Innenministerium wurden informiert. Der Verdacht liegt nahe, dass die Anlage bewusst zerstört wird, um Bauland zu gewinnen", glaubt Martha Gammer, Vorsitzende des Gedenkkomitees, im Standard-Gespräch. "Völliger Blödsinn", kontert BIG-Sprecher Ernst Eichinger. Nur im "geringstmöglichen" Ausmaß würden die Stollen aus Sicherheitsgründen verfüllt werden. "Dazu sind wir verpflichtet. Wir haften ja auch dafür, wenn der Bauer auf der Wiese mit seinem Traktor einbricht und tot ist", so Eichinger.

Gammer bleibt trotzdem dabei: "Es soll zwar nicht unmittelbar auf dem Gelände über den Stollen, dafür aber auf einem nahen Hang gebaut werden, der bereits zur angrenzenden Gemeinde Luftenberg gehört. Um ein künftiges Abrutschen zu vermeiden, schüttet man die Stollen zu." Karl Buchberger, SP-Bürgermeister von Luftenberg, weist aber jegliche Bauvorhaben zurück: "Dort is' nix geplant."

Für den Wiener Historiker Bertrand Perz ist die Vorgehensweise der BIG angesichts der "zehntausenden Menschen", die in Gusen ermordet wurden, dennoch "problematisch". Und noch etwas erstaunt Perz: "Als man 2004 mit den Sanierungen begann, wurde ich als Historiker zur Beratung herangezogen. Damals wurde angedacht, dass auf jeden Fall zwei Drittel der Gesamtfläche erhalten bleiben müssen - davon sind wir jetzt weit entfernt." Pikantes Detail: Ein Teil des gesamt acht Millionen teuren Sanierungsbudgets floss bereits 2004 in die Absicherung des jetzt zur Diskussion stehenden Stollenteils. Fünf Jahre später ist dort, laut BIG, bereits wieder "Gefahr im Verzug", und weitere vier Millionen Euro werden unter Tage gepumpt. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. Juni 2009)

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