Nüchtern betrachtet

29. Juni 2009, 19:23
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Frauen bleiben wider besseren Wissens so lange wie möglich zu Hause bei den Kindern. Eine fortschrittliche Familienpolitik stößt damit an ihre systembedingten Grenzen - Kommentar

Die Autorität von Zahlen in der Politik war noch nie so groß wie heute. Für jede erdenkliche politische Entscheidung wird heute evidenzbasiertes Wissen herangezogen, um Meinungen von Tatsachen zu trennen, wie es so schön heißt. Manchmal dienen Statistiken aber auch einfach nur dazu, gesellschaftliche Realität zu demonstrieren, wo sie vielleicht sonst von vernunftgeleiteten Politiken gern übersehen wird. Zu letzterem gehört die aktuelle Auswertung der BezieherInnen des Kindergelds in Österreich: Die Zahlen für Mai 2009 zeigen, dass der Väteranteil bei den KindergeldbezieherInnen weiterhin bei sehr geringen 4,5 Prozent liegt. Darüber hinaus belegt die Statistik, dass die Mehrheit (79 Prozent) die längste Variante für den Kindergeldbezug gewählt hat (436 Euro für 36 Monate, 30 plus 6 für den/die andere/n PartnerIn). Auf die anderen beiden kürzeren Modelle mit höheren Zahlungen teilen sich die restlichen 20 Prozent auf.

Betrachtet man die Neuzugänge isoliert, also nur jene, die ab 2008 überhaupt erst die Möglichkeit hatten, zwischen den drei Modellen zu wählen, so zeigt sich, dass sich immer noch die Mehrheit, nämlich 64 Prozent aller BezieherInnen, für die längste Variante entscheidet (siehe Grafik links).

30 Monate indoor

Nicht nur, dass es weiterhin Frauen sind, die die Kinder aufziehen, nein, sie entscheiden sich außerdem trotz der nun vorhandenen Wahlmöglichkeiten dafür, die längstmögliche Bezugsdauer in Anspruch zu nehmen. Nur 19 Prozent der KindergeldbezieherInnen nehmen darüber hinaus die Möglichkeit eines regelmäßigen Zuverdienstes wahr (laut Statistik vom Mai 2009). Die Risiken in Bezug auf ihr berufliches und persönliches Fortkommen (verfallener gesetzlicher Kündigungsschutz, gesunkene Chancen am Arbeitsmarkt, geringere Pensionszahlungen, etc.) scheinen dabei in Kauf genommen zu werden.

Somit bleibt die Gewissheit, dass die Mehrheit der österreichischen Jung-Mütter zweieinhalb Jahre mit 436 Euro in der eigenen Geldtasche leben. In totaler Abhängigkeit von ihrem meist erwerbstätigen Partner. Ohne Anschluss an eine Erwachsenenwelt außerhalb des Kinderspielplatz-Universums. Und das auch noch freiwillig?!

Fakten kommen nicht an

Wenn die Politik versucht, Frauen durch diverse Anreize zu kürzeren Karenzzeiten zu bewegen, dann passiert das nicht aufgrund persönlicher Meinungen. Auch eine fortschrittliche Familienpolitik hat Fakten im Auge - etwa die Einkommensschere zwischen den Geschlechtern, die im Alter fehlende finanzielle Absicherung von Frauen oder ganz allgemein die nachlassende gesellschaftliche Teilhabe von Frauen durch eine Mutterschaft, die geprägt ist von Rückzug aus der Öffentlichkeit. Nur zeigt sich, dass diese Fakten bei den Betroffenen offensichtlich nicht ankommen, oder eben in Kauf genommen werden.

Sie stellen auch die politischen Verantwortlichen vor eine heikle Grenze: Wie eine fortschrittliche Familienpolitik umsetzen, wenn sie von den Frauen nicht angenommen wird? Für die Frauen- und Familienpolitik ist es zentral, herauszufinden, warum sich ihre Wählerinnen in der Phase der Mutterschaft so beratungsresistent gegenüber ihrem eigenen Schicksal erweisen: Können sie ihren Job nicht leiden, vertrauen sie ihrem Partner mehr als sich selbst, mangelt es an Kinderbetreuung, gibt es nicht genügend Jobs für sie oder haben sich Frauen quer durch alle Bildungsschichten einfach noch nicht gelöst von den traditionellen Ansprüchen einer Mutterschaft "made in Austria"? Gerade jetzt, wo bereits die vierte Variante des Kindergeldes in Arbeit ist, sollte endlich Klarheit darüber geschaffen werden, welche komplexen gesellschaftlichen Vorgänge Frauen so zählebig von einer nüchteren Betrachtung ihrer prekären Situation abhalten. (freu, dieStandard.at, 29.6.2009)

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    Mütter in Österreich entscheiden sich immer noch für lange Auszeiten vom Berufsleben, wenn sie ein Baby bekommen.

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