Amriya kommt gut ohne US-Armee zurecht

29. Juni 2009, 17:54
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Amriya, im Westen Bagdads, war einer der am heftigsten umkämpften Bezirke

Seit der neue Sicherheitsplan in Kraft getreten war, kehrte die Ruhe zurück. Die US-Armee hat sich bereits graduell zurückgezogen.

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Das kleine Dienstzimmer Morbadas liegt im Obergeschoß des Hauses, unmittelbar an der Einfahrt von Amriya, im Westen Bagdads. Energisch empfängt der kleine Mann die Hereintretenden, steht schnell von seinem Schreibtisch auf und bittet, Platz zu nehmen. Seine Uniform weist drei Sterne an den Schulterklappen auf. An den Füßen trägt er Flip-Flops. Man sieht sofort, dass der Hauptmann der irakischen Armee die meiste Zeit seines Tages hier verbringt. Um ihn herum hängen Marien- und Jesusbilder, unzählige kleine Teetässchen stehen leergetrunken auf dem Kühlschrank.

Seine Miene erhellt sich, als einer seiner Untergebenen eintritt und ihm zwei Pistolen auf den Schreibtisch legt, versehen mit einer Nummer und dem Identitätsnachweis des Besitzers. "Es darf keine Waffe nach Amriya mitgenommen werden" , erklärt der Kommandeur, "selbst wenn der Besitzer einen Waffenschein hat." Beim Verlassen des Bezirks könne er sich die Pistolen dann wieder abholen. Auch wenn Herr Bush anfangs meinte, so wie die Amerikaner hätte auch jeder Iraker das Recht, eine Waffe zu besitzen: "In Amriya entwaffnen wir radikal!"

Christ als Vermittler

Morbada greift hart durch in seinem Bezirk. Als Christ und Vermittler zwischen Sunniten und Schiiten hat sich der 35-jährige Iraker Respekt verschafft. Amriya galt lange als Hochburg sunnitischer Rebellen und Terrororganisationen, war einer der am bittersten umkämpften Bezirke Bagdads. Fast täglich explodierten in den schlimmsten Terrorjahren 2006 und 2007 Bomben und Sprengsätze, wurden Busse in die Luft gejagt, Menschen erschossen und entführt, Leichen auf offener Straße einfach weggeworfen.

Die sunnitischen Aufständischen mischten sich hier mit ausländischen Jihadisten vom Schlage Al-Kaidas. Als die Amerikaner vor zwei Jahren ihre Truppen aufstockten und einen neuen Sicherheitsplan ausriefen, wurde um Amriya eine Betonmauer gezogen und der Bezirk zur Festung. Seitdem gibt es einen Eingang und zwei Ausgänge. Jedes Auto wird einzeln kontrolliert. Amriya gilt heute als sicher.

Ohne Stämme geht es nicht

Das werde auch so bleiben, wenn die Amerikaner aus der Stadt abgezogen seien, sagt Morbada selbstbewusst. Nach wie vor werde es eine enge Zusammenarbeit mit den Sahwat, den sogenannten "Erweckungsräten" geben. Der Pakt der Stämme im Kampf gegen Al-Kaida, den US-General David Petraeus geschmiedet hatte, trug maßgeblich zur Verbesserung der Sicherheitslage bei.

Abu Miriam ist ein Mitglied des lokalen Sahwa-Rats und arbeitet Hand in Hand mit Hauptmann Morbada. "Die Hinweise über Waffenlager oder verdächtige Personen werden von der Bevölkerung an uns herangetragen" , erzählt der korpulente Iraker von seiner Arbeit. Er gebe dann die Information an die Armee weiter. Nur in Ausnahmefällen dürften die Sahwa-Kämpfer Verhaftungen selbst vornehmen. Patrouillen und Streifen würden gemeinsam durchgeführt.

Seit mehr als einem Monat habe man keinen US-Soldaten mehr in Amriya gesehen, berichtet Abu Miriam - und seit drei Monaten keinen Lohn mehr bekommen. Dem Versprechen der Regierung, die Sahwa-Kämpfer in die irakischen Sicherheitskräfte einzugliedern, ist man bis jetzt nur zu fünf Prozent nachgekommen, wobei von offizieller Seite oft behauptet wird, es seien bereits zehn Prozent.

Schwierige Integration

Parlamentsabgeordnete behaupten, dass einige wieder zu Al-Kaida übergelaufen seien und für die neuerlichen Bombenanschläge mitverantwortlich sind. Auf keinen Fall werde man mehr als zehn Prozent der Truppenstärke mit ehemaligen Milizionären besetzen, winkt General Abdullah ab. Derzeit bietet die neue irakische Armee 262.000 Soldaten auf, und "wir haben Einstellungsstopp." Aufgrund der gesunkenen Ölpreise werden bis auf weiteres keine neuen Mitarbeiter im öffentlichen Dienst mehr eingestellt.

Überkonfessionelle Armee

Doch das ist nicht der einzige Grund für die ausbleibende Eingliederung der Milizen - der kurdischen Freiheitskämpfer Peshmerga - die von den Kurden selbst jedoch nicht als Milizen gesehen werden -, der Schiitenmiliz Mahdi-Armee von Moktada al-Sadr, der ebenfalls schiitischen Badr-Brigaden oder wie jetzt der sunnitischen Sahwa-Kämpfer in die Armee. "Milizen sind Klientelsoldaten" , weist der General das Ansinnen zurück. "Die irakische Armee soll dem Land dienen und nicht den Parteien." Die schiitisch geführte Regierung scheut sich vor allem, den Sicherheitskräften eine große Anzahl von Sunniten - in Form der sunnitischen Sahwa-Kämpfer - zuzuführen.

Das Büro des Generals ist nicht ganz so schlicht wie das des Hauptmanns, aber improvisiert ist es auch. Nachdem Saddam Husseins Verteidigungsministerium im Herzen Bagdads bei der Invasion vor gut sechs Jahren zerbombt wurde, hat die neuentstandene irakische Armee jetzt ihren Sitz am anderen Tigrisufer, in der schwer bewachten Grünen Zone. Teile des Stabes sind in Bungalows untergebracht, bis das ehemalige Ministerratsgebäude renoviert und von Einschusslöchern befreit ist: ein üppiger, tempelartiger Bau mit faschistisch wirkender klassizistischer Architektur. Wenn es fertig ist, werden General Abdullah und die anderen dort einziehen.

Die USA im Hintergrund

Die Frage, ob seine Armee eine ähnliche Baustelle sei wie sein Ministerium, quittiert der 56-Jährige mit einem Lächeln. Er habe mehrere "Hard Talks" mit den Amerikanern geführt, weicht der Offizier geschickt aus, habe den Sicherheitsplan für Bagdad mit ausgearbeitet und war nach seinem Inkrafttreten im Februar 2007 der Kommandeur der Operation in Rusafa, dem östlich des Tigris liegenden Bagdad.

Mit seiner Strategie will er nach dem Rückzug der Amerikaner aus der Stadt flexibel bleiben, sich der jeweiligen Situation anpassen, noch näher an die Bevölkerung heranrücken. "Sogar die Kinder sollen uns über Verdächtiges informieren." Doch entgegen seinem obersten Dienstherrn, Premierminister Nuri al-Maliki, der kürzlich in einer Rede einen Hilferuf an die Amerikaner ausschloss, zieht General Abdullah schon ein Eingreifen der US-Truppen in Betracht, "wenn's hart auf hart kommt". (Birgit Svensson aus Bagdad/DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2009)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Zahlreiche Mauern um ganze Stadtteile herum sollen Sicherheit in der irakischen Hauptstadt Bagdad schaffen.

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