Uni-Räte im Bann des "männlichen Blicks"?

29. Juni 2009, 17:25
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Frauen besser fördern? Gut - Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugen? Auch gut - Wo aber bleibt der Protest gegen eine Gleichstellungspolitik, die Männer mit höherer Qualifikation benachteiligt? - Ein Fallbeispiel aus der Medizin-Uni Innsbruck - Von Josef C. Aigner

Dass der Umstand, in ganz Österreich nur Männer an der Spitze der Universitäten zu haben, absolut nicht begrüßenswert ist, ist wohl keine Frage! Deshalb aber in Einzelfällen - wie jüngst an Innsbrucks Medizin-Uni - einen männlichen Erstgereihten auch bei noch so klaren mehrheitlichen Entscheidungen wüst anzuzweifeln, als handle es sich um sexistische Willkür, ist ebenso fehl am Platz. Könnte, ja darf es denn nicht (mehr) sein, dass ein Mann wirklich der Bestqualifizierte ist? Und sind die beschlussfassenden Gremien nicht langsam auch davor gewarnt, solche Entscheidungen mutwillig oder fahrlässig gegen Frauen zu treffen?

Um die Bestellung von Innsbrucks neuem Medizin-Uni-Rektor spielt sich gerade ein Geschlechterkampf ab: hat doch der Uni-Rat einen Mann als Bestqualifizierten zum Rektor gewählt - und das mit der absolut eindeutigen Mehrheit von 6 zu 1 Stimmen zum Nachteil der bisherigen Vizerektorin. So etwas darf offenbar nicht sein - jedenfalls ließ die SPÖ-Frauenministerin umgehend verlauten, es sei "ein Skandal, dass in Innsbruck ein Mann zum Medizin-Rektor bestellt werden soll"!

Sie sagte nicht etwa, dass es ein Skandal sei, dass die bisherige sozialdemokratische Hochschulpolitik jahrzehntelang eine bessere Frauenförderung verabsäumt habe, sodass die Auswahl an hochqualifizierten Bewerberinnen bislang geringer ist als die an Männern, nein. Auch nicht, dass Verfahrensmängel vorlägen, nein. Dass ein Mann Bestqualifizierter ist und Rektor werden soll, das sei - eindeutiges Universitätsratsvotum hin oder her - ein Skandal!

Ist das, Frau Ministerin, nicht letztlich eine sexistische, eine konkrete Person wegen ihres Geschlechts in ihren Qualitäten entwertende Aussage? Zudem wird der Uni-Rat - und mithin seine (auch zu 40 Prozent weiblichen) Mitglieder - mehr oder weniger als dumpfbackig-frauenfeindlich hingestellt, als könnten sie die Qualifikation gar nicht wirklich feststellen. Keiner sagte etwas, hätte es sich um eine äußerst knappe und umstrittene Entscheidung gehandelt, aber bei dieser Eindeutigkeit!? Im Gesetz heißt es ja, dass bei gleicher Qualifikation einer Frau der Vorzug zu geben ist - wo aber war hier eine gleichqualifizierte Bewerberin?

Wie in solchen Fällen offenbar schon unvermeidlich, erhebt der Arbeitskreis für Gleichbehandlungsangelegenheiten, der mir in solchen Augenblicken eher als "Arbeitskreis für Frauen um jeden Preis" erscheint (und dessen Mitglied Frau Hochleitner lange war), Einspruch - trotz dieses eindeutigen Ergebnisses! Und nach Abweisung des Einspruchs durch die Schiedskommission wird emsig nach Formalfehlern des Vorgehens dieser Kommission gesucht! Lauern denn in den Uni-Gremien und Schiedskommissionen immer noch jede Menge uneingestandener Machos samt bewusstloser weiblicher Komplizinnen, die nach wie vor nichts anderes im Sinn haben, als gleichqualifizierte Frauen zu verhindern?

Die nicht zum Zug gekommene Bewerberin - an der ohnehin von Konflikten erschütterten Medizin-Uni übrigens alles andere als unumstritten - verfügt nach vorliegenden Informationen in den entscheidenden Punkten schlicht und einfach in geringerem Maße als ihr Konkurrent über ausschreibungsadäquate Qualifikationen, insbesondere internationale Erfahrungen und dem Unirat geeignet erscheinende Zukunftskonzeptionen. Und das mit 6 zu 1 Stimmen! Denkt man den Fall zu Ende, dann dürfte kein (Uni-)Gremium mehr so deutlich für einen Mann entscheiden, ohne einen mittleren öffentlichen "Skandal" zu riskieren?

Ich frage also, ob dieser Weg der "Frauenförderung" weiter zielführend sein kann. Ich habe selbst in Berufungskommissionen erlebt, dass z. B. ein Antrag auf Ausscheidung einer deutlich und objektiv nicht den Ausschreibungsbedingungen entsprechenden Bewerberin mit "Das ist Ihr männlicher Blick!" von einer Kollegin zu verhindern versucht wurde. Diese unsinnige Art von "Parteilichkeit" hat mit Qualitätsfeststellung ebenso wenig zu tun wie mit "Frauenförderung" .

Gerade wegen der langen Geschichte der Benachteiligung von Frauen in so vielen Bereichen sollte deren breite Förderung "unten" endlich ernsthafter forciert werden: bei den vielen jungen Wissenschafterinnen, die oft wegen Alleinerzieherstatus, Babypause, zu wenig neoliberalen Marktgeschreis und weiß ich was alles aus Bewerbungsprozessen oder dem laufenden Betrieb rausfallen. "Oben" hingegen, wo die "weibliche Luft" offenbar noch "dünn" ist, im Ernstfall auch minderqualifizierte Frauen hineinzwingen zu wollen (was übrigens dem Gleichbehandlungsgesetz widerspricht!), dient niemandem - und am wenigsten dem Image der Gleichberechtigung.

Das "Fördern" von Grund auf sollte krampfhaftes "Befördern" in den oberen Etagen ablösen - bei gleichzeitiger Beachtung geschlechtersensibler Qualifikation aller Führungskräfte schon bei deren Bestellung! Das würde Frauen mit der Zeit für höchste Ämter unumgehbar machen. Diese Unumgehbarkeit scheint - mit Verlaub - in diesem Fall nicht gegeben gewesen zu sein. Deshalb sollte der als bestqualifiziert ausgewiesene künftige Rektor und sollten auch andere männliche Erstgereihte künftig weder direkt noch indirekt wegen ihres Geschlechts entwertet werden. (Josef C. Aigner, DER STANDARD-Printausgabe, 30.6.2009)

Zur Person

Josef C. Aigner, Erziehungswissenschafter und Psychoanalytiker, lehrt an der Uni Innsbruck.

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