Nach dem Wassereinbruch: Staubschutz-Bleche verhinderten eine Katastrophe
Am 23. Juni drang Wasser in das Depot der Albertina ein. Die Hälfte der 950.000 Kunstwerke wurde bereits evakuiert. Die Schuldfrage ist ungeklärt. Die Burghauptmannschaft lehnte eine bombensichere Decke ab.
Wien - Dass die Betenden Hände von Albrecht Dürer und all die anderen anbetungswürdigen Zeichnungen nicht nass wurden: Dies sei nicht nur ein "kleines Wunder", sondern "so etwas wie ein moderner Gottesbeweis". Klaus Albrecht Schröder, der Direktor der Albertina, gestaltete die Pressekonferenz, zu der er am Mittwoch in den Musensaal lud, als Dankgottesdienst.
Noch einmal rekapitulierte er die dramatischen Ereignisse: Am 23. Juni um 8.51 Uhr meldeten die Leckage-Sensoren im Zentraldepot den Eintritt von Wasser. Wie sich später herausstellte, waren insgesamt 2100 Liter Regenwasser über drei Stellen im Flachdach in das Hochregallager eingedrungen.
Das in die Bastei integrierte Depot wurde von 1999 bis 2003 errichtet und 2006 in Betrieb genommen. Es beherbergte 95 Prozent des Sammlungsbestandes, darunter Meisterwerke von Michelangelo über Klimt bis zu Warhol.
Die Rettung der Preziosen scheiterte zunächst: Die beiden Roboter der vollautomatisierten Anlage fielen um 8.54 Uhr aufgrund eines Kurzschlusses aus, der durch einen Tropfen Wasser ausgelöst worden war. Ab 10 Uhr versuchte man, die ersten Kunstwerke manuell zu retten, was sich als kontraproduktiv herausstellte. Um 12.50 Uhr deckte die Feuerwehr bei strömenden Regen die Bastei mit einer riesigen Plastikplane ab: Von da an drang kein Wasser mehr ins Depot.
Um 15 Uhr endlich konnte mit der Auslagerung der 300 bedeutendsten Kunstwerke begonnen werden. In den vom Wassereintritt betroffenen Sektoren befanden sich insgesamt 120.000 Objekte.
Sie sind längst in der Basteihalle, in der zum Glück derzeit keine Ausstellung läuft, in Sicherheit. Am Mittwoch waren bereits knapp 50 Prozent aller Werke evakuiert. Die Totalräumung wird in rund acht Tagen abgeschlossen sein.
Zu dieser hatte sich Schröder entschlossen, weil die genaue Ursache (und damit die Frage nach der Schuld) noch nicht feststeht. Tatsache ist lediglich, dass das Wasser bei drei der vier Einlassöffnungen in der Decke eindrang. Diese waren in die Betondecke geschnitten worden, um die Roboter implantieren zu können.
Elisabeth Thobois, die Chefrestauratorin der Albertina, versicherte, dass keines der bisher geborgenen Kunstwerke Schaden erlitten hätte. Aufgrund der zu hohen Luftfeuchtigkeit hätten sich Blätter gewellt; die Gefahr von Schimmelbildung sei aber äußerst gering.
Rettende Blechdächer
Dass die größtmögliche Katastrophe derart glimpflich ausging, sei, so Schröder, einer rein "atavistischen Vorsorgemaßnahme" zu verdanken gewesen: Über den Regalen mit den tausenden Kassetten, in denen die Kunstwerke aufbewahrt werden, hatte man ohne logischen Grund - das Depot galt ja als wasser- und staubdicht - Blechdächer montiert. Das Wasser fiel daher nicht direkt auf die Kassetten aus Karton, sondern wurde in die Schächte abgeleitet.
Alfred Weidinger, bis 2007 Vizedirektor der Albertina und als solcher mit den Bauprojekten betraut, sagte dem Standard: "Die Architekten und das Bauunternehmen, die Porr, beteuerten immer wieder, dass die Decke wasserdicht sei. Ich brauche mir keine Sorgen zu machen, sagten sie. Für mich gab es trotzdem ein Restrisiko. Deshalb wies ich an, die Blechdächer zu montieren. Deshalb ließ ich das Leckage-Warnsystem einbauen. Deshalb wurde auch eine Wasserabpumpanlage gekauft."
Dickere Decke abgelehnt
Weidinger, nun bei der Esterhazy-Privatstiftung, sagt, er sei immer vom Worst-Case-Szenario ausgegangen. "Deshalb habe ich auch eine bombensichere Decke gefordert. Sie wurde aber von der Burghauptmannschaft als Bauherrn aus Kostengründen abgelehnt."
Burghauptmann Wolfgang Beer bestreitet dies nicht. Aber: "Weidinger hat seinen Wunsch nicht schriftlich beantragt." Dieser kontert: "Wir hatten ja kein Mandat, konnten nur Vorschläge machen. Der Wunsch nach einer bombensicheren Decke wurde in Bausitzungen geäußert - und protokolliert."
Errichtet wurde das Depot nach der Ö-Norm für Flachdächer; die Betondecke ist derart stark, dass sie von einem Bergepanzer befahren werden kann. "Eine Autobombe hält die Decke aus", sagt Beer.
Der Standard fragte beim nicht involvierten Architekten Wolfgang Vasko nach. Er sagt: "Die Uno rechnet mit Anschlägen - und definiert daher die Bombenstärke, der zum Beispiel die Uno-City trotzen muss. Mit einer besonders dichten Betonhülle hat man sehr wohl eine gewisse Sicherheit gegen das Eindringen von Wasser." (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.7.2009)
Untersuchung, Ordnung, Übersiedlung, Kosten
Untersuchung der Kunstwerke: Jedes einzelne der 950.000 Werke aus
dem Depot muss einzeln auf Schäden überprüft werden, jedes der 9.000
Behältnisse wird geöffnet und einer Messung der Luftfeuchtigkeit
unterzogen. "Alle Kassetten sind feuchter, als sie sein sollen", so
Elisabeth Thobois, die Leiterin der Restaurierungsabteilungen. Zu
befürchten sind Verwellungen des Papiers, je höher ein Werk innerhalb
seiner Kassette gelagert war, desto mehr Feuchtigkeit war es
ausgesetzt. Noch über "Wochen und Monate" müssen die Werte künftig
immer wieder kontrolliert werden, um Folgeschäden, darunter auch
Schimmelbildung, auszuschließen. Ob Sporen von
Mikroorganismen auf Kunstwerken bereits aktiviert seien, ließe sich
gegenwärtig jedoch noch nicht sagen. Gleichzeitig sind Luftentfeuchter im
Einsatz, um zu verhindern, dass zu viel Feuchtigkeit vom Speicher in
die Basteihalle "mitgebracht" wird.
Ordnung der Sammlung: In der Basteihalle, die seit Ende der
Rembrandt-Ausstellung am Wochenende vor dem Unglück leer steht, wird
ein "möglichst geordnetes" Übergangslager eingerichtet. Derzeit
werden Regale eingebaut, die Räume sind nach der alten "Schulordnung"
des Albertina-Gründers Albert von Sachsen-Teschen in Schulen,
Herkunft und Technik der Werke gegliedert. "Auch in diesen
schwierigen Zeiten soll die Sammlung zugänglich bleiben für Forschung
und für Leihgaben", erklärte die stellvertretende Direktorin Marie
Luise Sternath. Die wichtigsten Werke der Sammlung, wie der
"Feldhase" oder die "Betenden Hände" wurden in ein eigenes Depot
gebracht.
Übersiedlung in externes Lager: Für Ersatzdepots, in die die
Sammlung mittelfristig übersiedeln könnte, hat das Museum "viele
Angebote bis nach München" erhalten, wie Schröder lobte. Von der
Nationalbank bis zur Nationalbibliothek gibt es mögliche
Lagerflächen, Schröder würde am liebsten "die ganze Zeichensammlung
in der Albertina behalten" und "so schnell wie möglich wieder den
Betrieb im Depot aufnehmen". Dort sollen einige Maßnahmen gesetzt
werden, um künftig ein menschliches Eingreifen im Notfall zu
ermöglichen. Prinzipiell wird der Speicher aber "nicht infrage
gestellt": "Bei Zugriff, Sicherheit und Nutzung bietet er Vorteile,
die kein anderes Depot bieten kann."
Ursachenforschung: Am Depot wird unterdessen weiter nach den
Gründen für den Wassereintritt geforscht, bisher ist auch die genaue
Stelle, an der das Wasser von außen durchdringen konnte, nicht
bekannt. Die Bitumenisolierung wird derzeit "maximal vorsichtig"
freigelegt, wie Burghauptmann Wolfgang Beer erklärte. Dies könnte
noch lange dauern: 1.000 bis 1.200 Quadratmeter der 6.000
Quadratmeter umfassenden Basteifläche liegen über dem Kunstdepot, ein
halber Quadratmeter wurde bisher untersucht. Erst wenn der Mangel
festgestellt sei, werde man auch wissen, wer für die Ereignisse
verantwortlich ist: "Es waren hier sehr viele Firmen am Werk, und sie
alle werden am Ende des Tages genau angeschaut werden", so Schröder.
Kosten: "Das Geld darf im Augenblick keine Rolle spielen",
betonte
Schröder. Beim Krisenmanagement werde nicht gespart, weder mit der
Anmietung von Räumlichkeiten, der Installation neuer Notfallsysteme
noch der Anstellung zusätzlicher Mitarbeiter. "100-prozentige
Rückendeckung" gebe es dafür von Kulturministerin Claudia Schmied. Erst
im Anschluss an die notwendigen Maßnahmen wollen Bildungs-,
Wirtschafts- und Finanzministerium über die Kostendeckung sprechen.
Falls der Fehler gefunden und einer Firma zugeordnet werden kann,
könnte deren Versicherung für Folgeschäden aufkommen müssen.
Vonseiten der Albertina gibt es weder für die Sammlung, noch für
eventuelle Ausfälle im Ausstellungsbetrieb Versicherungen. Dazu soll
es aber auch nicht kommen. "Das Herbstprogramm wird wie geplant
durchgeführt", versicherte Schröder.
Auch ins MUMOK schwappte schon Wasser
Nur schleppend ging die Räumung der Kunstdepots der Wiener Albertina
voran. Vor allem verzögern Ausfälle des automatisierten
Roboter-Beschickungs-Systems die Evakuierung. Bereits wenige Minuten
waren nach dem Feststellen des Wassereintritts bereits
Absaugvorrichtungen in Betrieb genommen worden. Die Gewitterregen vom
Wochenende haben zu keinen neuerlichen Wassereintritten geführt. "Die
ausgelegten Planen scheinen das Wasser abzuhalten", sagte Schröder, der
daher derzeit von einem Schaden in der Depot-Decke ausgeht, am Montag.
Die Albertina hat zwölf Arbeitsgruppen eingesetzt, die sich mit dem
Problem befassen, und in den betroffenen Abteilungen eine Urlaubssperre
erlassen.
Zum Vergleich: Zweimal gab es übrigens bereits wassereinbruchsbedingte Schadensfälle im
Museum Moderner Kunst (MUMOK), seit es seinen Neubau im
Museumsquartier (MQ) bezogen hat. "2003 trat über einen Schaden im
Kanalisationssystem Wasser nach starken Regenfällen ins Depot, die
Evakuierung von Kunstwerken folgte als Vorsichtsmaßnahme - man
fürchtete hohe Luftfeuchtigkeit", hieß es auf Anfrage. "2008
drang nach einem Unwetter erneut Wasser ins Depot, ohne Folgen für
die Werke, daraufhin wurden Bauschäden als Ursache für die
Wassereintritte ermittelt und von der MQ Errichtungs- und
Betriebsgesellschaft behoben."
Aktivismus zum Abschluss: BZÖ-Kultursprecher Stefan Petzner, zuletzt durch Thesen zu einem "politisch motivierten Attentat" auffällig,
verlangt
per Aussendung die sofortige Einsetzung einer Untersuchungskommission
und stellte eine parlamentarische Anfrage an die Kulturministerin.
"Hier wird seitens der öffentlichen Hand mit unersetzlichen
Kunstschätzen und damit auch unschätzbaren Werten der Republik
russisches Roulette gespielt. Das ist einer Kulturnation wie
Österreich unwürdig." In ihrer Beantwortung stimmte Ministerin Schmied
zu, nach der Sicherung der Kunstwerke
sei die Schuldfrage zu klären.
Petzner sieht laut BZÖ-Aussendung "einen ersten Erfolg. Jetzt gilt es
den Worten
Taten folgen zu lassen. Mein Vorschlag ist die Einsetzung einer
Untersuchungskommission, auch hier soll sich die Kulturministerin der
BZÖ-Position anschließen, um für objektive Aufklärung zu sorgen".
(APA)