Diabetes: Diskussionen um Insulin-Analogon

29. Juni 2009, 15:55
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Besonders lang wirksames Insulinpräparat wird mit erhöhtem Krebsrisiko in Verbindung gebracht

Wien/Bochum/Berlin - Heftige Diskussionen unter Diabetologen und Typ-2-Diabetikern: Das durch einen Aminosäure-Austausch gegenüber herkömmlichen Humaninsulinen extrem lang wirksame Insulin-Analogon Glargin ("Lantus"/Sanofi-Aventis) wird zumindest in einer aktuellen Beobachtungsstudie aus Deutschland mit einem erhöhten Krebsrisiko in Zusammenhang gebracht. Der Pharmakonzern betont die Sicherheit des Produkts. Thomas Wascher, Diabetologe an der MedUni Graz, verwies am Montag auf bereits längere Diskussionen. Es bestehe keine akute Gefahr für Patienten.

Diabetiker haben höheres Krebsrisiko

"Es ist bekannt, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes ein erhöhtes Risiko haben, an Brust-, Darm- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken. Übergewicht und Bewegungsmangel fördern nicht nur das Entstehen von Diabetes Typ-2, sondern auch das Entstehen verschiedener Krebsarten. Studien aus Deutschland, Schweden, Schottland und England haben jetzt untersucht, ob die Gabe unterschiedlicher Insuline das Krebsrisiko erhöhen könnte. Ingesamt wurden 301.136 Menschen mit Typ 2 Diabetes beobachtet. 34.392 von ihnen erhielten ausschließlich das lang wirksamen Analoginsulin Lantus. In drei der vier Studien wurde insbesondere die Entstehung von Brust-, Darm-, Prostata- und Bauspeicheldrüsenkrebs untersucht", hieß es in einer Aussendung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft.

Keine erhöhte Krebsgefahr durch Humaninsulin

Demnach hätte sich in allen vier Studien keine erhöhte Krebsgefahr durch herkömmliches Humaninsulin gezeigt. Hinweise dafür gebe es aber in zwei Untersuchungen. Aus den Daten einer deutschen Studie errechne sich ein Erkrankungsrisiko von einem Patienten von 100 pro Jahr Glargin-Therapie mehr. In der schwedischen Studie entwickelte eine Frau von 1.000 mehr einen Brustkrebs als in Vergleichsgruppen. Allerdings, wurde das Analogon mit anderen Insulinen in der Therapie kombiniert, zeigte sich wieder gar nichts bzw. sogar ein geringeres Risiko.

Hersteller betont Sicherheit

In einer Aussendung nahm Hersteller Sanofi-Aventis zu den Diskussionen Stellung: "Nimmt man die Daten von 70.000 Patienten in klinischen Studien und von Erfahrungen mit 24 Millionen Patienten-Jahren der Anwendung (von Insulin Glargin, Anm.), steht Sanofi-Aventis weiterhin hinter der Sicherheit von 'Lantus'." Das extrem lang wirksame Insulin-Analogon bedeutet für Typ-2-Diabetiker vor allem deshalb eine Erleichterung, weil es nur einmal täglich injiziert werden muss und auch das Risiko für Unterzuckerung (Hypoglykämien) reduziert ist.

Bedächtiges Vorgehen

Der Grazer Diabetologe Thomas Wascher riet zu einem bedächtigen Vorgehen: "Insulin selbst ist nicht harmlos. Wir wissen, dass Typ-2-Diabetiker ein erhöhtes Tumorrisiko haben. Das Insulin Glargin war immer in Diskussion. Man muss jetzt schauen, was da herauskommt." Typ-2-Diabetiker sollten zur richtigen Zeit, aber nicht zu früh, von oralen Antidiabetika auf Insulin umgestellt werden. Wascher: "Bei Bedenken sollten Patienten mit ihrem Arzt reden. Eine akute Gefahr besteht nicht."

"Kein Grund, Patienten umzustellen"

" Es gibt derzeit keinen Grund, Patienten von diesem Langzeit-Insulin umzustellen. Es gibt vier Studien, die zum Teil von der Methode her nicht völlig in Ordnung sind. Aus den klinischen Studien und aus der Postmarketing-Beobachtung gab es keine Hinweise auf eine erhöhte Krebsrate", erklärte der Wiener Diabetologe Bernhard Ludvik, auch Präsident der Österreichischen Diabetes-Gesellschaft (ÖDG) am Montag zu den Diskussionen über das lang wirksame Insulin-Analogon Insulin Glargin. Die ÖDG will in wenigen Tagen eine offizielle schriftliche Stellungnahme zu der Sachlage abgeben. (APA)

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    In vier Studien aus Deutschland, Schweden, Schottland und England zeigte sich keine erhöhte Krebsgefahr durch herkömmliches Humaninsulin

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