Rutschende Hänge und Millionenschäden

29. Juni 2009, 19:17
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Die Hochwasserlage bleibt ernst - In der Steiermark begannen aufgeweichte Hänge zu rutschen - Die Flut könnte hunderte Millionen Euro kosten

Wien - Schäden? Nein, Schäden habe man eigentlich keine gravierenden zu verzeichnen, sagt Martin Ploderer. Was insofern bemerkenswert ist, da Ploderer Bürgermeister von Lunz am See ist - und die niederösterreichische Gemeinde der Ort mit den größten Regenmengen Österreichs. 116 Liter Regen prasselten zwischen Samstag- und Montagfrüh auf jeden Quadratmeter des 2000-Einwohner-Dorfes, alleine in der Nacht zum Montag fielen 55 Liter.

"Wir sind aber schon seit 1000 Jahren besiedelt, da wissen die Leute, wo man die Häuser hinbauen kann." Auf den Hängen nämlich, über die das Wasser in die Ybbs läuft.

Weniger Glück als in Lunz hat man allerdings in der Steiermark mit Hängen. Über 450 davon sind durch die dauernden Regenfälle ins Rutschen gekommen und bedrohen Häuser. 20 Gebäude mussten vorsichtshalber geräumt, über 70 Menschen in Sicherheit gebracht werden.

Schlimmeres soll das Bundesheer verhindern. Mit Panzersperren und Sandsäcken operiert man beispielsweise in Tagensdorf im Bezirk Feldbach. "Nach Absprache mit einem Geologen haben wir einen Schutzwall errichtet. Der soll dafür sorgen, dass der Schlamm seitlich abgeleitet wird, das Rutschen des Hanges werden wir nicht komplett verhindern können", ist Gerhard Schweiger vom Militärkommando Steiermark realistisch. Die Soldaten wird das Hochwasser noch länger beschäftigen. "Der Einsatz wird sicher noch zwei bis drei Wochen dauern."

Weiter Wasser von oben

Denn die Wetterprognose verheißt nichts Gutes. Im Norden und Osten des Landes drohen in den nächsten Tagen immer wieder Gewitter und Schauer. Die für sich genommen nicht so dramatisch wären. Da die Böden aber kaum mehr Wasser aufnehmen können, werden die Pegel der Bäche und Flüsse zumindest gleich hoch bleiben, und es werden wohl weitere Hänge die Bodenhaftung verlieren.

Auch in Steyr, entlang der Donau und im Burgenland schwappten die Flüsse wieder über. So beispielsweise in Wieselburg, wo die Kleine Erlauf das Gelände des Volksfestes überschwemmte: Der Beginn der Landwirtschaftsmesse musste um einen Tag auf Donnerstag verschoben werden.

In der Versicherungswirtschaft rechnet man mit rund 100 Millionen Euro an "versicherten Schäden" - die Gesamtschäden liegen damit weit höher. Denn zum Vergleich: Beim "Jahrhunderthochwasser" im August 2002 gingen Schadensmeldungen über 420 Millionen Euro bei den Assekuranzen ein. Insgesamt wurden die Schäden aber auf über zwei Milliarden Euro geschätzt.

Alleine in Ober- und Niederösterreich wurden damals von Hausbesitzern Anträge für Wiederaufbauhilfen eingereicht, aus denen sich ein Schaden von rund 1,3 Milliarden Euro errechnete. Für die Versicherungen ist das aktuelle Elementarereignis Grund, neuerlich die Einführung einer verpflichtenen Naturkatastrophenversicherung wie etwa in Spanien zu fordern.

In der Politik hat man aus der 2002er-Flut andere Lehren gezogen: Eine Gefährdungskarte wurde produziert, Schutzbauten wurden um rund drei Milliarden Euro in Angriff genommen. Eine weitere Erkenntnis von damals bekräftigte wenig überraschend eine am Montag von Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich (ÖVP) und Infrastrukturministerin Doris Bures (SPÖ) präsentierte Studie: Mehr Überflutungsflächen sind nötig. Oder mehr Erfahrung wie in Lunz. (Michael Möseneder, DER STANDARD Print-Ausgabe, 30.06.2009)

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    Auch in Steyr ist die Situation am Montag wieder kritisch.

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    Bundesheersoldaten verankern Panzersperren auf einem Hang am in Tagensdorf um bedrohte Haeuser vor Hangrutschungen zu schützen.

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    Mittlerweile "so gut wie trocken" ist die Ortschaft Strem bei Güssing, hier auf einer Aufnahme von Samstag.

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