Ein Journalist, die Taliban und Wikipedia

29. Juni 2009, 10:03
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Berichte über entführten New York Times-Reporter sollten aus den News gehalten werden - was bei der Wissens-Enzyklopädie nicht so einfach war

Als der New York Times-Mitarbeiter David Rohde vor mehr als sieben Monaten von den afghanischen Taliban entführt wurde, entschloss man sich bei der Zeitung schnell dazu den Vorfall geheim zu halten. Aus den Erfahrungen der Vergangenheit hatte man gelernt, dass die Öffentlichkeit die Verhandlungen mit den Kidnappern erheblich erschweren kann - und somit die Chancen für sein Überleben reduziert würden.

Erfolgreich

Eine Taktik, die als durchaus erfolgreich bezeichnet werden kann: Der Reporter und der mit ihm entführte Übersetzer, Tahir Ludin, konnten fliehen, größere Berichte über ihre Abwesenheit hatte es bis zu diesem Zeitpunkt keine gegeben. Doch während es noch relativ einfach war die Berichterstattung in klassischen Medien zu verhindern - meist reichte hier ein Anruf von Chefredakteur zu Chefredakteur - stellte eine andere Informationsquelle eine wesentlich größere Herausforderung da: Die freie Wissens-Enzyklopädie Enzyklopädie Wikipedia.

Edits

Deren Wissen wird schließlich aus der Summe der Informationen der Online-Community zusammengetragen, eine Gruppe von MitarbeiterInnen, die man unmöglich vollständig unter Kontrolle halten konnte. Dies zeigte sich bereits kurz nach der Entführung von Rohde und Ludin: Nachdem zwei kleinere Nachrichtenagenturen und einige Blogs über den Vorfall berichtet hatten, wurde er auch auf Wikipedia vermerkt. Ein Mitarbeiter der New York Times bemühte sich in Folge - unter einem Pseudonym - die Nachricht immer wieder aufs Neue zu löschen, ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel war die Folge.

Administratoren

Also kontaktierte die New York Times Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, der sich kooperationsbereit gab, und dem Eintrag von Rohde die nötige spezielle Aufmerksamkeit der Wikipedia-Administratoren zukommen ließ. Eine Entscheidung, die ihm nicht leicht gefallen ist, wie Walles unumwunden zugibt "Es hat wirklich geholfen, dass die Nachricht von keiner zuverlässigen Quelle kommuniziert wurde, sonst wäre es wohl schwer geworden, sie herauszuhalten"

Sperren

In den folgenden Monaten wurde der Beitrag immer wieder um den Fakt der Entführung erweitert, bis schließlich eine temporäre Sperre ausgesprochen wurde. Dies brachte zwar eine Atempause, was allerdings nur von kurzer Dauer war: Würde man den Artikel dauerhaft sperren, würde dies wohl Aufmerksamkeit auf sich ziehen, immerhin passiert dies nur in absoluten Ausnahmefällen. Also wechselten sich kürzere Sperren und ein ewiges Korrigieren des Artikel laufend ab, ein Ende sollte das Ganze erst finden als Rohde und sein Begleiter ihren Entführern entkommen konnten - und Jimmy Wales persönlich die Sperre für die Seite umgehend aufhob. (red)

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    New York Times-Reporter David Rohde

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