Weniger Sprache, viel mehr Welt

28. Juni 2009, 18:37
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Mit seinem Text "Bis dass der Tod" gewann der Deutsche Jens Petersen hochverdient den 33. Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt

Trotzdem ließ die Veranstaltung Fragen offen - und verordnete Sprachdiät.

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Klagenfurt - Vor 32 Jahren, der Ingeborg-Bachmann-Preis war gerade zum ersten Mal über die Bühne gegangen, schrieb die FAZ, die Veranstaltung sei "ein deprimierendes und zugleich erregendes Schauspiel, für die Autoren schädlich", nützlich aber für die Literatur. Eineinhalb Jahrzehnte später glaubte dann die Badische Zeitung, im Klagenfurter Wettlesen eine Viehauktion zu erkennen, "auf der Züchter und Händler die besten Milchkühe und Preisbullen aus ihrem Stall mit einem Klaps in die Arena schicken".

Viel ist in den vergangenen drei Jahrzehnten darüber nachgedacht worden, ob es sich bei diesem zwischen Autoren- und Juryschauen, zwischen Textlektüre und Liveauftritt oszillierenden Bewerb um eine Literaturbörse, eine Show oder ein bloßes Event handelt. Es bleibe einmal dahingestellt, ob die "Tage der deutschsprachigen Literatur" wirklich die am längsten sich behauptende "Castingshow" des deutschen Sprachraums sind, wie ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz am Eröffnungsabend meinte. Unter Überflüssigkeitsverdacht stand der Bachmann-Preis jedenfalls von Anfang an, in der Krise war er immer, im Gespräch jedoch ist er geblieben. Vielleicht auch, weil er samt Liveübertragung und umfangreichem Internetauftritt mit der Zeit gegangen ist.

Die Krise aber ist, wie Jurymitglied Paul Jandl seinen Namensvetter Ernst Jandl zitierte, ein Riese, "der in jedem Zwerg Platz hat". Und Krisentexte, Texte über persönliche Extremsituationen vor allem, hat man von Donnerstag bis Samstag hier im Klagenfurter ORF-Theater einige gehört.

Ein Pilot verliert nach der Ermordung seines Sohnes den Boden unter den Füßen (Andreas Schäfer), eine Gruppe von Menschen im Laderaum eines Schleppertransports ist auf dem Weg "dahin, wo der Himmel blau ist" (Linda Stift), ein Computerprogrammierer verwandelt sich in Hongkong in seinen Schatten (Christiane Neudecker). Von Verunsicherungen, Verstörungen und dem Handgemenge mit der Wirklichkeit, mit der Welt, dem Leben handeln auch die Texte von Philipp Weiss, Lorenz Langenegger, Bruno Preisendörfer und Karl Gustav Ruch.

Gewonnen hat den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis am Schluss und völlig zu Recht der 33-jährige Norddeutsche Jens Petersen, der als Neurologe in Zürich praktiziert. In seinem Text Bis dass der Tod macht sich ein Paar auf seine letzte, apokalyptische Fahrt. Die Frau ist krank, todkrank, und schnell wird klar: Es kann und wird nicht gut enden. Am Schluss erschießt der Mann seine Freundin, anschließend aber nicht, wie geplant, auch sich selbst.
Motivik des Todes

Das alles ist in einer klaustrophobischen, mit Todesmotiven aufgeladenen Endzeitstimmung und einer gottverlassenen Gegend angesiedelt. Und wäre da nicht seine Sprache, könnte der in der Er-Form aus der Perspektive des Mannes erzählte Text schnell ins Plakative abrutschen. Der unsentimentale, verhaltene Ton, der manches ungesagt lässt, rettet den Text nicht nur, er macht ihn zu einem Wurf. "Wir sind nicht die Ärzte, wir sind der Schmerz", meinte Tankred Dorst einmal. Eine Vorgabe, die Petersen mit seinem kunstvollen Text um Mut und Feigheit, Mitgefühl, Sterbehilfe und einen Liebenden, der zum Mörder wird, einlöst.

Der Kelag-Preis (10.000 Euro) ging an den zum zweiten Mal hier antretenden studierten Physiker Ralf Bönt. Sein eigenwilliger, aus der Perspektive eines Lichtteilchens erzählter Beitrag Der Fotoeffekt nimmt anhand der Physiker Michael Faraday und Heinrich Hertz, die mit Quecksilber experimentierten und sich mit Dämpfen vergifteten, nicht nur Wissenschaftsgeschichte auf, sondern schildert auch die Gefahren der Wahrheitssuche.

Um deutsch-deutsche Geschichte, das Leben in der DDR und ein Beziehungsnetz, das brüchig wurde, geht es in Gregor Sanders reportageartigem Text, in dem auch Dorsche und Barsche eine Rolle spielen. Winterfisch brachte ihm den 3sat-Preis (7500 Euro) ein. Katharina Born, die wie Sander die Berliner Journalistenschule absolvierte, wurde für fifty fifty, einen Text, in dem eine Tochter in das Spannungs- und Liebesfeld ihrer 68er-Eltern gerät, mit dem Ernst-Willner-Preis (7000 Euro) ausgezeichnet. Der per Internet ermittelte Publikumspreis (7000 Euro) ging für seine Geschichte über Spitzeltum in der DDR und eine Republikflucht in den Tod an den sympathischen Berliner Karsten Krampitz.

Viele der heuer in Klagenfurt gelesenen Texte waren mehrheitsfähig und handwerklich gelungen, gut gemacht, aber auch harm- und risikolos. Es ist noch nicht lange her, dass es hier unter Androhung des literarischen Standrechts gleichsam verboten war, erzählende oder gar lustige Texte zu lesen, was sich zum Glück geändert hat.

Und die Sprache?

Nur haben es mittlerweile sprachlich elaborierte Beiträge wie jener Andrea Winklers oder der des Schweizers Karl-Gustav Ruch schwer. Die Dynamik in der mit vier neuen Mitgliedern erheblich umgebauten Jury stimmt noch nicht ganz: Karin Fleischanderl stand mit ihrem Pochen auf sprachliche Qualität meist auf verlorenem Posten, Paul Jandl gefiel durch Witz und etwas Sarkasmus, die Schweizer Elisabeth E. Keller und Alain Claude Sulzer waren sachlich-nüchtern, Meike Feßmann biss sich zuweilen am Inhalt fest, Ijoma Mangold suchte nach Zeitgeschichte, und Burkhard Spinnen krachte ab und zu mit der Literaturpistole ("Dezenz ist etwas für Inneneinrichtungen").

Realismusdebatten wurden in diesen drei Tagen viele geführt, Sprachdiskussionen wenige. Bleiben wird vom 33. Bachmann-Preis Josef Winklers Eröffnungsrede, der angenehme Umstand, dass sich in Klagenfurt trotz allem alles um Literatur dreht - und ein "Was machen wir eigentlich alle hier?" - Gefühl. (Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe, 29.06.2009)

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    Gruppenbild der Preisträger (von li.): Gregor Sander (3sat-Preis), Karsten Kampitz (Hypo-Group-Preis), Jens Petersen (Haupttreffer), Katharina Born (Ernst-Willner-Preis) und Ralf Bönt (Kelag-Preis).

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