Licht am Horizont

28. Juni 2009, 18:04
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Es gibt einen Werbespot, der sich anschickt, jenem mit der Bawag-Familie nahezukommen

Lange Zeit war es die Bawag-Familie. Diese begleitete ganze Generationen durch die Werbepausen. Euphorisch wurde da jahrelang eine immergrüne Sommerwiese heruntergehüpft, und der Spot erinnerte nicht nur wegen der 1970er-Mode an freiere Zeiten. Kinder balgten sich um die Sparbüchse - die Familie schien in einem Zeitloch ewiger Sicherheit und ewig sprudelnder Zinsen zu verharren. Nun ist diese Werbung Geschichte, und das mit der Bawag eine ganz andere.

Doch es gibt einen Werbespot, der sich anschickt, jenem mit der Bawag-Familie nahezukommen. In diesem steht am Ende Walter Nettig vor fast schon blickdichten grauen Gardinen und predigt in einem auch schon länger nicht mehr topmodischen Anzug den Umstieg zwecks Aufstiegs. In Zeiten wie Krisen ist ein Spot wie dieser eine Motivationshilfe. Er hält der grassierenden Angst vor drohendem Arbeitsplatzverlust mit unerschütterlichem Optimismus entgegen: "Ich lerne, wo ich will und wann ich will." Genau! Jeder kann ein Werkmeister werden, jede die Matura nachmachen. Fast mit links, und mehr Gehalt gibt's auch.

Ein Netzwerkadministratorkurs mag zwar stauben wie ein abgelaufener Reiskeks, einen Lichtstreifen am Horizont der persönlichen Karriere garantiert er allemal. Die Humboldt-Familie, wie wir diese Wegbegleiter unseres Fernsehlebens nennen wollen, sie macht uns dieser Tage Mut. Das Leben ist ein Kurs. Manchmal zeigt dieser nach oben, manchmal nach unten, die Richtung können wir aber selbst beeinflussen.

Und vielleicht findet sich einmal jemand, der bei Humboldt einen Gardinenreinigungskurs belegt. Nicht auszudenken, wie das den Spot zurück in die Gegenwart katapultieren würde. (Karl Fluch, DER STANDARD; Printausgabe, 29.6.2009)

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