Schwarzkappler 2

28. Juni 2009, 18:09
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Schwarzfahrer H. hat erneut geschrieben – und will ein paar Dinge klarstellen

Es war vorhin. Da war bereits ein geöffnetes File mit dem Titel „Stadtgeschichte" am Desktop. Eine ganz andere Geschichte. Doch da bimmelte es im Maileingang - und H. meldete sich wieder. Jener H., der hier zuletzt von seinem etwas seltsamen Erlebnis mit Kontrollorganen der Wiener Linien berichtet hatte. Wobei ich das "seltsam" ausdrücklich auch auf H.s Verhalten angewandt wissen möchte.

H. erklärte, er schriebe erneut, weil es da in den Reaktionen auf seinen Bericht allerlei Dinge gegeben hätte, die er so nicht stehen lassen könne. Oder wolle. Er sähe, las ich aus seinem Mail, keinen Grund, sich von seinem Verhalten zu distanzieren - aber ein paar Dinge müsse er da doch klarstellen.

Und da die Vielzahl der Antworten, schrieb er, nahe lege, dass das Thema das Publikum interessiere und bewege, stünde es mir frei, auch diesen zweiten Brief zu veröffentlichen. Und da ich H. zumindest in diesem letzten Punkt zustimmen kann, sei es so: H. darf noch einmal ungekürzt, unhinterfragt und unkommentiert.

H. schreibt

Sehr geehrter R!

Sie haben also meine Geschichte veröffentlicht, ich hatte es nicht für sehr wahrscheinlich gehalten.
Zur Klarstellung: Ich bin tatsächlich schwarzgefahren. Als ich auf der Rolltreppe nach oben die Kontrolle sah, schickte ich ein SMS-Ticket ab, das aber auf sich warten ließ. Es kam erst an, als ich die erste Kontrolle und den Sturz schon hinter mir hatte.

Der zweite Kontrollor bemerkte sofort, dass ich das Ticket erst vor einer Minute bestellt hatte. Sein Beinstellen rührte also daher, dass er wusste, dass ich "eigentlich" ein Schwarzfahrer war, aber mich trotzdem passieren lassen musste.

Die meisten Poster haben die Essenz der Geschichte nicht verstanden oder verstehen wollen. Zum Thema Beinstellen hatten die meisten nichts zu sagen. Die einen meinten, Schwarzfahrer seien per se Schmarotzer, die anderen meinten, Schwarzfahrer, die Kontrolloren nicht sofort ein Bündel Scheine samt Anerkennungsurkunde überreichen, verräten per se den Kodex.

Beide Gruppen zusammen meinten, zu Sturz gebrachte Schwarzfahrer, die das an die Öffentlichkeit bringen, seien per se feige, wehleidige Querulanten.

Die Essenz ist, dass auch Schwarzfahrer von Kontrolloren nicht in Gefahr gebracht werden sollten. Wo ist die Grenze? Ich habe noch keinen Kontrollor angefasst (bis auf den zweiten an jenem Tag, den ich im Affekt mit den Händen gestoßen habe, weil er mir das Bein stellte). Ich halte auch nichts davon, Geschichten von vergessenen Monatskarten, Notfällen oder gestohlenen Geldbörsen aufzutischen, um davonzukommen.

Entweder ich entgehe bzw. entwische den Kontrolloren, oder mein SMS-Ticket geht durch (was es bisher immer getan hat, offenbar sind die Kontrollore angewiesen, es gelten zu lassen). Ich lüge nicht gerne.

Ich meine: Selbst ein ertappter und sich losreißender Schwarzfahrer sollte kein Bein gestellt bekommen, auf jeden Fall nicht, wenn er dann auf die Rolltreppe nach unten fällt. Jemandem ein Bein zu stellen (hintertückisch), das ist so zirka das letztklassigste Mittel, jemanden zu stoppen.

Ich hätte noch ein paar Absätze zum Thema Tenor der Postings in petto inklusive Hinweisen zu Omofuma und Wague, aber ich möchte nicht anmaßend sein. So anmaßend möchte ich aber sein, mich als Retter des unbekannten potenziell zu Tode gekommenen Schwarzfahrers zu fühlen, dessen, der blöd gefallen wäre und sich das Genick gebrochen hätte, dessen, dem ein Kontrollor oder -in das Haxl gestellt hätte, wenn dem Kontrollor oder -in nicht vorher eingeschärft worden wäre, flüchtenden Schwarzfahrern auf keinen Fall das Haxl zu stellen, das könne Konsequenzen haben.

Dafür nehme ich die Häme und Überlegenheitsposen der Postings gerne in Kauf. MfG, H.

(derStandard.at, 29. Juni 2009)

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