
2002 verschaffte die Belgierin Natalie Borgers den ÖsterreicherInnen einen der seltenen Einblicke in die Welt des Boulevardjournalismus. "Kronen Zeitung - Tag für Tag ein Boulevardstück" hieß der Dokumentarfilm, dessen Realsatire für Aufregung bis Erheiterung sorgte. Die Kommunikationswissenschafterin Karin Zauner versuchte sich an einer ebenso seltenen akademischen Annäherung an den Boulevard. Sie befragte für ihre Magisterarbeit ChronikjournalistInnen zum Thema Migration und betrat damit ein in Österreich noch gänzlich unerschlossenes Forschungsfeld.
Zauner interviewte jeweils die Chronik-Ressortleitung sowie die Verantwortlichen für das Thema Migration von zwölf Tageszeitungen und der APA, was die respektable Anzahl von 26 Gesprächen ergibt. Konkret wurden z.B. Fragen zu persönlichen Erfahrungen mit MigrantInnen, zu deren medialer Teilhabe und zum Arbeitsalltag in der Redaktion gestellt.
Guter Wille
Die Ergebnisse zeichnen insgesamt ein recht positives Bild der Branche. 85 Prozent der befragten JournalistInnen können demnach als problembewusst und differenziert denkend bezeichnet werden. Die Hälfte von diesen hält es sogar für wichtig nach Problemlösungen zu suchen und nicht nur einfach Fakten widerzugeben. 15 Prozent der Befragten bezeichnet die Autorin als
"Verständnislose", die undifferenziert und stereotyp denken. Ihre Einstellungen zu MigrantInnen reichen von neutral-distanziert bis offen negativ. Exemplarisch sei hier die Aussage eines/r Befragten zitiert: "Wo es dann langsam angefangen hat, wo die Ostkriminellen dann rüberkommen sind nach der Wende. Wo es dann plötzlich geheißen hat: Diese Wende war gar nicht so positiv, wie wir alle gejubelt haben, denn da kommt ja auch ein ganz ein Haufen G'sindel zu uns und ja auf einmal stiegen die Einbrüche, die Vergewaltigungen und die Drogen-Geschichten an und das hat sich dann auch in der Berichterstattung niedergeschlagen."
Diese Gruppe von JournalistInnen gab auch häufig an, dass ihr erster direkter Kontakt mit MigrantInnen ein negatives Erlebnis war. Ihre Einstellungen argumentieren sie aber damit, dass sie immer an Ort und Stelle sind und hautnah an der Wirklichkeit recherchieren.
Bad news
Auch wenn die Mehrzahl der ChronikjournalistInnen um eine positive bis ausgewogene Berichterstattung über MigrantInnen bemüht zu sein scheint, sind über 80 Prozent der Meinung, dass überwiegend negativ zum Thema geschrieben wird. Eine häufig genannte Begründung: es dominiere die Anlassberichterstattung und die "interessanten" Anlässe seien fast immer negativer (meist krimineller) Natur. Alles andere käme bei den Redaktionssitzungen einfach nicht durch.
Neben der empirischen Untersuchung hat Karin Zauner auch umfangreiches Material zu Migration und Medien in Österreich zusammengetragen. Insgesamt ergibt das eine
empfehlenswerte Lektüre für jene, die weiter in diese Richtung forschen wollen. Was nicht ganz befriedigt wird, ist die Neugier auf die Personen hinter den Zeilen, z.B. deren Weg in den Journalismus und deren Beweggründe oder die soziale Herkunft.
Durch die Anonymität der Befragung kann hier nur vermutet werden, dass die 15 Prozent mit eher negativer Einstellung überwiegend für die auflagenstärksten Tageszeitungen in Österreich arbeiten. Die Medienprodukte jedenfalls sprechen eine klare Sprache. Bei den JournalistInnen scheint das zwar nicht der Mainstream zu sein, umso mehr aber bei den LeserInnen.
Die Magisterarbeit "Einstellungen von ChronikjournalistInnen österreichischer Tageszeitungen zu den Themen Migration und mediale Integration von MigrantInnen im Kontext ihres Rollenverständnisses" (2008) ist auf textfeld.ac.at im Volltext nachzulesen.
Die Autorin
Karin Zauner (Jg. 1978) studiert seit 2004 Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind "Migration, Integration und Medien" und dabei vor allem die Kommunikatorenforschung (Journalismusforschung). Derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation zum genannten Themengebiet.
Der Rezensent
Thomas Müller ist Mitarbeiter beim Verein textfeld.
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selektiv Menschen aus der Unterschicht eingewandert sind.
Die Ablehnung dieser bildungsfernen Schicht hat nichts mit Vorurteilen zu tun, da sie sich ja auch auf die autothone bildungsferne Schicht erstreckt.
Zumindest bei mir verhält es sich so: ich kann mit Mundls nicht, gleich woher sie kommen. Umgekehrt komme ich sehr gut mit weltoffenen Menschen aus, gleich aus welcher Ecke der Welt sie stammen.
der (positive) inhalt:
"Die Ergebnisse zeichnen insgesamt ein recht positives Bild der Branche. 85 Prozent der befragten JournalistInnen können demnach als problembewusst und differenziert denkend bezeichnet werden"
die (negative) headline dazu:
"... da kommt ein Haufen G'sindel zu uns"
sind solche reißerischen überschriften exemplarisch für (angeblich seriösen) journalismus in Österreich?
schon zum Selbstschutz. Oder wie sonst soll man täglich die Berichte über Mord, Vergewaltigung, Schlägereien, Entführungen, Einbrüche etc. etc. aushalten? Während die Kommunikationswissenschafter unbehelligt im Büro sitzen, müssen sich die Chroniker tagtäglich mit wirklkichem Gsindel - egal ob inländisch oder ausländisch - herumschlagen. Und Tatorte besuchen und darüber schreiben.
Auch Chirurgen reden - wenn sie unter sich sind - wie Fleischhauer.
insbesondere bei Boulevardblättern, besucht seine Tatorte im Internet und in Agenturaussendungen. Das Blut saugt er sich aus den Fingern, und der Ferialpraktikant würzt das Ganze dann noch ein bisschen mit Rechtschreibfehlern.
Wohl zuviele Hollywoodfilme, wie "Extrablatt", gesehen...?
August Gächter lauscht, wird man bemerken, daß die österreichische Politik den "intellektuellen" einwanderungswilligen Menschen, den Menschen mit den höchsten Ausbildungsstandard die Türen verschlossen hat, die Einwanderung möglichst unattraktiv gemacht hat oder sie am Arbeitsmarkt damit diskriminiert, das man Atomphysiker die Häusln am Westbahnhof reinigen läßt. Ja, das mit der Nostrifikation ... ist nicht so einfach ....
Es gibt kein Ausländerproblem, es gibt kein Migrantenproblem - das Problem haben und sind wir "ÖSTERREICHER" selber!
Dass bestimmte Delikte mit der Ostöffnung signifikant angestiegen sein sollen könnte sich überprüfen lassen, was ich aber nicht getan habe, weil es mir zu blöd ist.
Jedenfalls könnten diese 15% auch recht haben.
Wichtig sind immer die eigenen Erfahrungen. Ich habe in meinem Studium eher positive Erfahrungen mit Ausländern gemacht. Im Alltagsleben aber sind die Erfahrungen eher negativ bis neutral. Das wiederum täte die Erfahrung, dass eine Mengen G'sindel mitkommt bestätigen.
Aussage einer türkischen Austauschstudentin vor einigen Jahren: Mit den Türken hier möchte ich nichts zu tun haben, das sind im Besten Fall Dorftrottel. Als Kind hätten ihre Eltern ihr den Kontakt mit solchen Leuten verboten (G'sindel).
Aus der Mittel- und Oberschicht in Istanbul hört man sowas: Die "Gastarbeiter" der 60er hatten den Ruf, besonders rückständige "Bauern" aus den Provinzen zu sein; teils wird behauptet, dass viele die Türkei verließen, weil man in Deutschland (anders als in der Türkei) die Kinder noch zum Kopftuch zwingen dürfe.
Vermutlich entstammte deine Gaststudentin eben der wohlhabenderen, säkulären Schicht, die gern über "Proleten" oder "Gesindel" jammert. (Was ja in Österreich auch nicht ganz selten ist).
(1) "Positiv ist... die Hälfte von diesen hält es sogar für wichtig nach Problemlösungen zu suchen und nicht nur einfach Fakten widerzugeben."
das ist dieser alte irrglaube von journalisten, die welt verändern zu wollen. ich sehe darin nichts positives. journalisten sollen berichten, nicht lehrer oder politiker sein wollen. siehe dichand.
(2) 15 Prozent der Befragten bezeichnet die Autorin als "Verständnislose", die undifferenziert und stereotyp denken.
diesen satz versteh ich nicht. das klingt eher nach einer stammtischmeinung - die ich im übrigen teilen würde - als nach wissenschaftsjargon.
fazit: eine der interessanteren arbeiten auf der publizistik wien, würd ich sagen.
wenn man sich die Krone-TV-Doku ansieht dann wird man anhand der Formulierungen und des Sprachstils durchaus eine Zuordnung treffen können. Dass die ausländerfeindlichsten Aussagen von dort kommen dürfte auf jeden Fall klar sein.
Abgesehen davon wär's sicher auch interessant, aber ohne Anonymisierung hätte man kaum aussagekräftige Interviews führen können. Alleine weil dann jede Antwort potentiell eine Werbung für oder gegen das jeweilige Medium dargestellt hätte, und man sich daher eher zwei Mal überlegt was man sagt.
anscheinend ist es staatsbürgerliche pflicht, allem fremden gegenüber differnziert positiv eingestellt zu sein. (dass da vielleicht auch ein gehörige portion naivität mitspielt, wird übersehen.) hat jemand argwohn (woher auch immer) und steht fremdem (und fremden) distanziert gegenüber, ist sie/er schon verdächtigt, zur dumpfbackenfraktion zu gehören. sehr differenzierte sicht in der studie...
Wenn hier schon vom Staat die Rede ist: der basiert darauf, dass wir uns positiv gegenüberstehen, sonst steht am Ende die Wolfsgesellschaft. Und das Rechtssystem kennt als Grundprinzip sowas wie die Unschuldsvermutung.
Den Verdacht, nicht sehr differenziert zu denken, müssen sich die Fremdenscheuen schon gefallen lassen. Ist auch nicht besonders klug anderen aufgrund ihrer Herkunft argwöhnisch oder oder distanziert zu begegnen. Das Zusammenleben wird dadurch nicht gerade erleichtert.
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