"... da kommt ein Haufen G'sindel zu uns"

28. Juni 2009, 16:17
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Was denken Österreichs ChronikjournalistInnen über Migration? Eine Studentin suchte für ihre Magisterarbeit das Gespräch

2002 verschaffte die Belgierin Natalie Borgers den ÖsterreicherInnen einen der seltenen Einblicke in die Welt des Boulevardjournalismus. "Kronen Zeitung - Tag für Tag ein Boulevardstück" hieß der Dokumentarfilm, dessen Realsatire für Aufregung bis Erheiterung sorgte. Die Kommunikationswissenschafterin Karin Zauner versuchte sich an einer ebenso seltenen akademischen Annäherung an den Boulevard. Sie befragte für ihre Magisterarbeit  ChronikjournalistInnen zum Thema Migration und betrat damit ein in Österreich noch gänzlich unerschlossenes Forschungsfeld.

Zauner interviewte jeweils die Chronik-Ressortleitung sowie die Verantwortlichen für das Thema Migration von zwölf Tageszeitungen und der APA, was die respektable Anzahl von 26 Gesprächen ergibt. Konkret wurden z.B. Fragen zu persönlichen Erfahrungen mit MigrantInnen, zu deren medialer Teilhabe und zum Arbeitsalltag in der Redaktion gestellt.

Guter Wille

Die Ergebnisse zeichnen insgesamt ein recht positives Bild der Branche. 85 Prozent der befragten JournalistInnen können demnach als problembewusst und differenziert denkend bezeichnet werden. Die Hälfte von diesen hält es sogar für wichtig nach Problemlösungen zu suchen und nicht nur einfach Fakten widerzugeben. 15 Prozent der Befragten bezeichnet die Autorin als
"Verständnislose", die undifferenziert und stereotyp denken. Ihre Einstellungen zu MigrantInnen reichen von neutral-distanziert bis offen negativ. Exemplarisch sei hier die Aussage eines/r Befragten zitiert: "Wo es dann langsam angefangen hat, wo die Ostkriminellen dann rüberkommen sind nach der Wende. Wo es dann plötzlich geheißen hat: Diese Wende war gar nicht so positiv, wie wir alle gejubelt haben, denn da kommt ja auch ein ganz ein Haufen G'sindel zu uns und ja auf einmal stiegen die Einbrüche, die Vergewaltigungen und die Drogen-Geschichten an und das hat sich dann auch in der Berichterstattung niedergeschlagen."

Diese Gruppe von JournalistInnen gab auch häufig an, dass ihr erster direkter Kontakt mit MigrantInnen ein negatives Erlebnis war. Ihre Einstellungen argumentieren sie aber damit, dass sie immer an Ort und Stelle sind und hautnah an der Wirklichkeit recherchieren.

Bad news

Auch wenn die Mehrzahl der ChronikjournalistInnen um eine positive bis ausgewogene Berichterstattung über MigrantInnen bemüht zu sein scheint, sind über 80 Prozent der Meinung, dass überwiegend negativ zum Thema geschrieben wird. Eine häufig genannte Begründung: es dominiere die Anlassberichterstattung und die "interessanten" Anlässe seien fast immer negativer (meist krimineller) Natur. Alles andere käme bei den Redaktionssitzungen einfach nicht durch.

Neben der empirischen Untersuchung hat Karin Zauner auch umfangreiches Material zu Migration und Medien in Österreich zusammengetragen. Insgesamt ergibt das eine
empfehlenswerte Lektüre für jene, die weiter in diese Richtung forschen wollen. Was nicht ganz befriedigt wird, ist die Neugier auf die Personen hinter den Zeilen, z.B. deren Weg in den Journalismus und deren Beweggründe oder die soziale Herkunft.

Durch die Anonymität der Befragung kann hier nur vermutet werden, dass die 15 Prozent mit eher negativer Einstellung überwiegend für die auflagenstärksten Tageszeitungen in Österreich arbeiten. Die Medienprodukte jedenfalls sprechen eine klare Sprache. Bei den JournalistInnen scheint das zwar nicht der Mainstream zu sein, umso mehr aber bei den LeserInnen.

Die Magisterarbeit "Einstellungen von ChronikjournalistInnen österreichischer Tageszeitungen zu den Themen Migration und mediale Integration von MigrantInnen im Kontext ihres Rollenverständnisses" (2008) ist auf textfeld.ac.at im Volltext nachzulesen.

Die Autorin

Karin Zauner (Jg. 1978) studiert seit 2004 Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind "Migration, Integration und Medien" und dabei vor allem die Kommunikatorenforschung (Journalismusforschung). Derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation zum genannten Themengebiet.

Der Rezensent

Thomas Müller ist Mitarbeiter beim Verein textfeld.






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Topfenbaby  
18.11.2009 16:45
Das Problem ist halt, daß mangels geeigneter Bestimmungen in jüngster Vergangenheit

selektiv Menschen aus der Unterschicht eingewandert sind.
Die Ablehnung dieser bildungsfernen Schicht hat nichts mit Vorurteilen zu tun, da sie sich ja auch auf die autothone bildungsferne Schicht erstreckt.

Zumindest bei mir verhält es sich so: ich kann mit Mundls nicht, gleich woher sie kommen. Umgekehrt komme ich sehr gut mit weltoffenen Menschen aus, gleich aus welcher Ecke der Welt sie stammen.

Timagoras 
20.08.2009 18:16
only bad news are good news. das zeigt dieser artikel (unfreiwillig) sehr deutlich:


der (positive) inhalt:
"Die Ergebnisse zeichnen insgesamt ein recht positives Bild der Branche. 85 Prozent der befragten JournalistInnen können demnach als problembewusst und differenziert denkend bezeichnet werden"

die (negative) headline dazu:
"... da kommt ein Haufen G'sindel zu uns"

sind solche reißerischen überschriften exemplarisch für (angeblich seriösen) journalismus in Österreich?



Elisabeth Jarok
08.07.2009 20:35
Chroniker sind Zyniker

schon zum Selbstschutz. Oder wie sonst soll man täglich die Berichte über Mord, Vergewaltigung, Schlägereien, Entführungen, Einbrüche etc. etc. aushalten? Während die Kommunikationswissenschafter unbehelligt im Büro sitzen, müssen sich die Chroniker tagtäglich mit wirklkichem Gsindel - egal ob inländisch oder ausländisch - herumschlagen. Und Tatorte besuchen und darüber schreiben.

Auch Chirurgen reden - wenn sie unter sich sind - wie Fleischhauer.

Meine Wenigkeit mit viel Senf
09.07.2009 19:28
Der heutige Chroniker,

insbesondere bei Boulevardblättern, besucht seine Tatorte im Internet und in Agenturaussendungen. Das Blut saugt er sich aus den Fingern, und der Ferialpraktikant würzt das Ganze dann noch ein bisschen mit Rechtschreibfehlern.

Wohl zuviele Hollywoodfilme, wie "Extrablatt", gesehen...?

Spock von Shi'Kahr
01.07.2009 21:34
Wenn man einmal den Ausführungen von ...

August Gächter lauscht, wird man bemerken, daß die österreichische Politik den "intellektuellen" einwanderungswilligen Menschen, den Menschen mit den höchsten Ausbildungsstandard die Türen verschlossen hat, die Einwanderung möglichst unattraktiv gemacht hat oder sie am Arbeitsmarkt damit diskriminiert, das man Atomphysiker die Häusln am Westbahnhof reinigen läßt. Ja, das mit der Nostrifikation ... ist nicht so einfach ....
Es gibt kein Ausländerproblem, es gibt kein Migrantenproblem - das Problem haben und sind wir "ÖSTERREICHER" selber!

Spock von Shi'Kahr
01.07.2009 21:24
zu Natalie Borgers

Einblicken in die Welt des Österreichischen Boulevardjournalismus: Aus welchem Grund ist die Ausstrahlung dieser Dokumentation im ORF nicht gestattet?

Agent Provocateur!
29.07.2009 09:35
Dichand non vult.

Threonin 
01.07.2009 08:36
Dass ein Haufn G'sindel mitkommt ist logisch.

Dass bestimmte Delikte mit der Ostöffnung signifikant angestiegen sein sollen könnte sich überprüfen lassen, was ich aber nicht getan habe, weil es mir zu blöd ist.

Jedenfalls könnten diese 15% auch recht haben.

Wichtig sind immer die eigenen Erfahrungen. Ich habe in meinem Studium eher positive Erfahrungen mit Ausländern gemacht. Im Alltagsleben aber sind die Erfahrungen eher negativ bis neutral. Das wiederum täte die Erfahrung, dass eine Mengen G'sindel mitkommt bestätigen.

Aussage einer türkischen Austauschstudentin vor einigen Jahren: Mit den Türken hier möchte ich nichts zu tun haben, das sind im Besten Fall Dorftrottel. Als Kind hätten ihre Eltern ihr den Kontakt mit solchen Leuten verboten (G'sindel).

Spock von Shi'Kahr
04.07.2009 18:35
... die Lösung liegt darin ...

... sich mit dem/den Menschen in Verbindung zu setzen, der sich seit 25 Jahren mit allen Aspekten der (Im-)Migration beschäftigt - bspw. August Gächter. Er kann genau sagen, wo die Probleme wirklich liegen und wie man sie angehen kann.

Threonin 
05.07.2009 20:04

Das ist sicherlich einer der Wege, die beschritten werden sollten. Und das ohne Ideologische Vorurteile. Kommen sie von links oder von rechts.

Spock von Shi'Kahr
01.07.2009 21:25
(Gsindel)

... vielleicht hätten mir meine Eltern den Umgang mit dir auch verboten - bist Du deshalb auch gleich ein "Gsindel"?

Mucosaprolaps
01.07.2009 12:32

Aus der Mittel- und Oberschicht in Istanbul hört man sowas: Die "Gastarbeiter" der 60er hatten den Ruf, besonders rückständige "Bauern" aus den Provinzen zu sein; teils wird behauptet, dass viele die Türkei verließen, weil man in Deutschland (anders als in der Türkei) die Kinder noch zum Kopftuch zwingen dürfe.

Vermutlich entstammte deine Gaststudentin eben der wohlhabenderen, säkulären Schicht, die gern über "Proleten" oder "Gesindel" jammert. (Was ja in Österreich auch nicht ganz selten ist).

Dyrn
29.06.2009 19:38

(1) "Positiv ist... die Hälfte von diesen hält es sogar für wichtig nach Problemlösungen zu suchen und nicht nur einfach Fakten widerzugeben."

das ist dieser alte irrglaube von journalisten, die welt verändern zu wollen. ich sehe darin nichts positives. journalisten sollen berichten, nicht lehrer oder politiker sein wollen. siehe dichand.

(2) 15 Prozent der Befragten bezeichnet die Autorin als "Verständnislose", die undifferenziert und stereotyp denken.

diesen satz versteh ich nicht. das klingt eher nach einer stammtischmeinung - die ich im übrigen teilen würde - als nach wissenschaftsjargon.

fazit: eine der interessanteren arbeiten auf der publizistik wien, würd ich sagen.

0Geiserich0
29.06.2009 21:56
ach so?

ohne die arbeit von frau zauner schlecht zu machen, aber wieviele andere arbeiten der publizistik kennen sie denn?

Dyrn
30.06.2009 16:47

zu viele. ;)

aus meinem weiteren bekanntenkreis. aus seminaren. etc. hab auf der publizistik wien einige nebenstunden belegt. irgendwie war da viel müll dabei. ist meine persönliche meinung. möchte da niemanden beleidigen.

Thomas_Mueller  
29.06.2009 20:17

Nach Problemlösungen suchen heiß für mich auch nach ihnen zu Fragen, und das bei verschiedenen Quellen und nicht nur beim Innenministerium oder der FPÖ.
Was es nicht heißt, ist eine bestimmte Lösung auszuwählen und durchsetzen zu wollen (siehe Dichand).

Wuki - Wuki 
29.06.2009 20:38

Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Sicht der Dinge auch bald mal gegen das "Patentrezept", die Anzahl der Polizeikräfte zu verdoppeln und die Anzahl der Zuwanderer zu halbieren, durchsetzt.

Drew R. Man
29.06.2009 16:41
schade, dass man die aussagen nicht bestimmten zeitungen zuordnen kann.

wäre wirklich nett gewesen. so kann man halt nur vermuten (auch wenn sich da in puncto ausländerfeindlichkeit und vorurteile doch gewisse kleinformate penetrant aufdrängen).

Cr S
29.06.2009 23:22
Also ich glaube

wenn man sich die Krone-TV-Doku ansieht dann wird man anhand der Formulierungen und des Sprachstils durchaus eine Zuordnung treffen können. Dass die ausländerfeindlichsten Aussagen von dort kommen dürfte auf jeden Fall klar sein.

Abgesehen davon wär's sicher auch interessant, aber ohne Anonymisierung hätte man kaum aussagekräftige Interviews führen können. Alleine weil dann jede Antwort potentiell eine Werbung für oder gegen das jeweilige Medium dargestellt hätte, und man sich daher eher zwei Mal überlegt was man sagt.

per verser 
29.06.2009 16:03

wenn es nach dem hahn ginge, wäre für diese intelligente und kritische frau spätestens nach dem bachelor schluß gewesen mit studieren. fängt spät an und schreibt dann auch noch so unangenehme sachen, das geht doch nicht!

Mucosaprolaps
29.06.2009 16:42

Unter einem Kanzler Strache würd man solche kritisch denkenden Personen vermutlich "auf der Saualm konzentrieren", wie es BZÖ-Politiker leider formulierten ...

something in the air
29.06.2009 15:12
staatsbürgerInnenpflicht

anscheinend ist es staatsbürgerliche pflicht, allem fremden gegenüber differnziert positiv eingestellt zu sein. (dass da vielleicht auch ein gehörige portion naivität mitspielt, wird übersehen.) hat jemand argwohn (woher auch immer) und steht fremdem (und fremden) distanziert gegenüber, ist sie/er schon verdächtigt, zur dumpfbackenfraktion zu gehören. sehr differenzierte sicht in der studie...

Truhe   
27.07.2009 00:21

Also das mit der Differenzierung sollten Sie noch mal nachrecherchieren, das haben Sie nicht verstanden.

Mucosaprolaps
29.06.2009 16:43

Dauerbehauptung von extremrechts: Wer in das rassistische Geheul nicht einstimmt, ist "naiv". Gehts noch?

Thomas_Mueller  
29.06.2009 16:28

Wenn hier schon vom Staat die Rede ist: der basiert darauf, dass wir uns positiv gegenüberstehen, sonst steht am Ende die Wolfsgesellschaft. Und das Rechtssystem kennt als Grundprinzip sowas wie die Unschuldsvermutung.
Den Verdacht, nicht sehr differenziert zu denken, müssen sich die Fremdenscheuen schon gefallen lassen. Ist auch nicht besonders klug anderen aufgrund ihrer Herkunft argwöhnisch oder oder distanziert zu begegnen. Das Zusammenleben wird dadurch nicht gerade erleichtert.

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