Nachlese 2009

Jens Petersen gewinnt

28. Juni 2009, 11:26
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    foto: reuters/daniel raunig

    Der diesjährige Gewinner des Bachmann-Preises: Jens Petersen - Arzt und Autor.

Österreicher gingen leer aus - Jury glücklich über Änderungen in der Struktur - Guter Einstand für Clarissa Stadler - Vielbeachtete Eröffnungsrede von Josef Winkler

Klagenfurt - Die 33. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt hat einige Höhepunkte, aber auch Überraschungen geboten. Zu den Highlights gehörte sicherlich die Eröffnungsrede von Büchner-Preisträger Josef Winkler, zu den Überraschungen, dass Andrea Winkler nicht einmal auf die Shortlist der potenziellen Preisträger kam. Die Kür des in der Nähe von Hamburg geborenen und seit einiger Zeit in Zürich lebenden Arztes und Autors Jens Petersen zum Bachmann-Preisträger war nach den Lesungen allerdings keine Überraschung.

25.000 Euro Preisgeld für den Sieger

Petersen (der auf der Bachmannpreis-Homepage als Schweizer Teilnehmer geführt wurde, Anm.) gewann mit dem Bachmann-Preis auch 25.000 Euro. Mit dem Kelag-Preis gingen 10.000 Euro an den Deutschen Ralf Bönt, der mit 7.500 Euro dotierte 3sat-Preis wurde seinem Landsmann Gregor Sander zugesprochen. Den Ernst-Willner-Preis (7.000 Euro) erhielt die Deutsche Katharina Born, der per Internet-Stimmabgabe vergebenen Hypo-Group-Publikumspreis (7.000 Euro) ging an Karsten Krampitz.

Winkler polarisierte

Petersen polarisierte mit seinem Text "Bis dass der Tod" die siebenköpfige Jury zwar, aber doch nicht so sehr, dass sie in zwei Lager zerfallen wäre. Genau das dürfte der Österreicherin Andrea Winkler passiert sein, bei ihr gab es vehementes Pro ebenso wie kategorisches Kontra. Überraschend auf die Shortlist schaffte es hingegen die Wienerin Caterina Satanik. Philipp Weiss half es auch nichts, dass er seinen Text aufaß, er fiel aber wenigstens nicht so arg durch wie Linda Stift, die gehörig zerzaust wurde. Generell war zu bemerken, dass realistische Texte derzeit offenbar wieder groß in Mode sind, die wenigsten Beiträge gingen darüber hinaus.

Stadler moderierte

Clarissa Stadler legte einen guten Einstand als Moderatorin hin, was Juryvorsitzender Burkhard Spinnen bei seinem Resümee auch eigens hervorhob. Sie legte ihre Rolle sehr aktiv an, beging aber nicht den Fehler ihres Vorgängers Dieter Moor, die Jury dominieren zu wollen. Die Neuen in der Jury, Karin Fleischanderl, Meike Feßmann, Hildegard Keller und Paul Jandl, fügten sich nach leichten Anlaufschwierigkeiten sehr gut ins Team ein, es wurde kompetent und lebhaft diskutiert, auch der Spaßfaktor kam dabei nicht zu kurz.

Spinnen ließ bei seiner Schluss-Statement durchklingen, dass er gerne weitermachen würde und zeigte sich mit der derzeitigen personellen Konstellation "sehr zufrieden". Für Heiterkeit sorgte er mit seiner Feststellung, der Bachmann-Wettbewerb sei "eine Zumutung", sowohl für die Autoren als auch für Jury und nicht zuletzt für das Publikum. Dies sei die Wahrheit, und diese sei laut Ingeborg Bachmann den Menschen zumutbar.

Winkler eröffnete

Getreu diesem Motto hatte Josef Winkler bei seiner Eröffnungsrede der heimischen Politik einen Spiegel vorgehalten. Er geißelte Verschwendung und Missachtung der Literatur und erntete minutenlangen Applaus im vollbesetzten ORF-Theater. Die Gesichter der Honoratioren in der ersten Reihe, unter ihnen ÖVP-Obmann Josef Martinz, BZÖ-Kulturstadtrat Albert Gunzer und Jörg Haiders Witwe Claudia, waren allerdings eher versteinert. Stadler bezeichnete Winklers Rede als Detonation, die noch lange nachwirken werde. Gelernte Kärntner neigen allerdings eher der Ansicht zu, dass alles so weiterlaufen werde wie bisher.

Für den Lesewettbewerb ist diese Kontinuität jedenfalls zu erhoffen, denn das Interesse für die von Michaela Monschein nahezu perfekt organisierte Veranstaltung ist nach wie vor enorm. Journalisten, Agenten und Verleger aus dem gesamten deutschsprachigen Raum strömten heuer in noch größerer Zahl nach Klagenfurt als in den vergangenen Jahren. Und die im Vorjahr eingeführte Innovation "Bachmann goes Europe" - die Texte werden in sieben Sprachen übersetzt und ins Internet gestellt - hat den Tagen der deutschsprachigen Literatur eine neue Dimension erschlossen und sollte unbedingt beibehalten werden. (APA)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 51
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athene
00
gerade preisendörfer gelesen

die idee ist zwar witzig, aber meine haltung entspricht am ehesten der fleischanderls. voller klischees, vom gott als vater bis zu einer frau, die sich für schneewittchen hält, und auch die psychologenskizze. für eine ironie zu blöd. banale morgengedanken, wie spinnen schon sagt.

Marc Bollmann
12
29.6.2009, 16:12
Zeugnis

Autoren:
Petersen hat eindeutig verdient gewonnen.

Die meisten anderen Texte waren leider langweilig, obgleich meist handwerklich ok. Recht interessant waren noch die Texte von Schäfer, Ruch und Satanik).

Jury:
Eher Gut waren: Jandl, Feßmann, Spinnen, Sulzer, Mangold

Schlecht: Fleischanderl, Keller.

Frau Keller: selbstgefällig fröhlich, ihre Urteile waren nebulös, unpräzise, professoral.

Keller scheint der Beweis dafür, dass es dem Denken von Professoren schadet, dass ihr Job sie nur wenig zum Denken zwingt, lediglich zum Wiederholen.

Allgemein:
Die Klickenwirtschaft in der Literatur zähmt die Juroren, präzise Urteile sind selten.

Die Juroren wirkten oft mäßig vorbereitet (v.a. Keller, Fleischanderl).

athene
00
28.6.2009, 22:35
die verschränkung der

schreib-/text und essensmetapher/verdauungsmetapher ist nicht neu, sondern fast ein klischee. sehr mit psychoanalyse arbeitender text.

athene
01
28.6.2009, 22:29
habe gerade den text von

weiss gehört und finde eindeutig, dass er zu kurz gekommen ist. hat mir super gefallen, erinnert mich an das fröhliche wohnzimmer, vor allem fritz widhalm. weiss ist, da hat frau fleischanderl natürlich recht, einer der die postmorderne als solche exponiert. (sie dagegen geriert sich sehr modern).

donnie darko
00

hab den weiss auch gehört. und gelesen. finde den text sehr selbstverliebt, bemüht komisch aber leider eben nicht komisch und das ende / die pointe war so vorhersehbar. gähn. kein mitleid mit weiss, der sich nach seiner kritik selbst sehr leid getan hat statt ein bisschen würde zu zeigen (vielleicht hat auch nur das verdrückte papier noch tagelang im magen oder sonstwo gedrückt ; )

aereo
01
28.6.2009, 22:38

Es waren ja auch die Kritiken der Juroren recht wohlwollend. Ich glaube er hat es sich mit seinem Aktionismus verscherzt. Am Schluss tatsächlich das halbe Manuskript aufzuessen fanden die Juroren vielleicht zu erpresserisch konstruiert. Dem kann ich folgen.

athene
01
29.6.2009, 11:11
ich glaube, der grund war eher, wie spinnen

meinte, "variation". es ist eben leider so, dass viele meinen, die variationsmethode als solche experimentell exponiert, seinen geniewürfe. das aber nur allgemein. im besonderen, hier, bin ich der meinung, der text war perfekt elaboriert. von mir aus variation. aber diese variation war besser als etwa eine gut gestrickte prosa mit kardinalfehlern (stift). oder diskussionswürdig, ob sie nicht perfekter war als eine gute prosa (mini-sinfonie) auf mittlerem niveau. mit weiss hätte die jury die möglichkeit gehabt, diese gattung auszuzeichnen. denn eine variation bringt ja auch einen anderen genuss als eine sinfonie. man will nicht immer sinfonie.

lorinwstein
76
28.6.2009, 19:12

Frau Fleischdingsa ist jedenfalls die unsympathischste Person, die ich jemals im Fernsehen gesehen habe. Und wahrscheinlich auch die bösartigste, neben Ahmadinejad.

Der Boss der Bosse
10
*lol*

Musste wirklich laut auflachen, als ich dieses Posting - leider erst jetzt - las!
Genial die geradezu Bernhardesk übertriebene Abwertung. Bravo! Bitte mehr davon!

georg horstmann affenkopf
01
treffen sich frau fleischanderl und herr ahmadinedschad ...

und erst ihre beschreibung der mundwinkel linda stifts: genial, infernalisch-danteesk, mindestens.
sie lachen immer noch als einziger?

mollwitz
00
29.6.2009, 19:12
döblinger pöbel

nana, wahren sie ihre contenance!
dieses rüpelhafte benehmen paßt ja gar nicht zu ihnen.
oder spricht ihnen fr. fleischanderl nicht hochdeutsch genug (ehmehm).

aereo
01
28.6.2009, 20:35

sah ich gar nicht so. Etwas unangebracht patriotisch hatte ich den Eindruck.

Marc Bollmann
12
29.6.2009, 15:41

ja, sie war patriotisch bis zur Lächerlichkeit.

Die Frau belferte zu jedem Text zweidrei provokante Pauschaluteile in die Runde und schaute herausfordernd in die Kamera.

Ihr ging es darum, mit wenig Aufwand (sie war offenbar schlecht vorbereitet) Eindruck zu machen und österreichische Autoren zu fördern.

Ein peinlicher Auftritt.

Sehr gut hingegen: Herr Jandl. Manchmal etwas zu betont eigenwillig. Aber immerhin meist interessante Kritiken!

athene
01
von den neuen können wir ja erst mal nur erste

eindrücke haben. z. b. war ich richtig überrascht, wie sulzer sich gefangen hat. der kam mir beim ersten mal hypernervös vor und dieses mal richtig vorbereitet. an jandl gefällt mir, dass er seine argumente aufspart, bis er herausgefordert wird. das muss man erst einmal durchschauen. noch besser gefällt mir (auch wenn ich sein argumente nicht immer teile), dass er fair statt "wienerisch" (pardon) agiert, wie schon nüchtern und ich glaube, strigl. auch wenn seine petersen-korrektur zum falschen zeitpunkt kam, sie kam ehrlich. bei fleischanderl argwöhne ich bislang auch eher in richtung cliquenwirtschaft (die konservative wien-methode), und eher blödsinn reden, denn fehler eingestehen (s. stift), bislang nur (m)ein vorurteil.

Der Tod als Ziel
11
28.6.2009, 17:32
Und ja, Linda Stifts Betroffenheitsprosa hat mich

peinlich berührt.
Hätte es ein Gesamtergebnis gegeben, sie wäre ganz bestimmt verdiente Letzte geworden.

aereo
01
28.6.2009, 20:46

So schlimm wars wieder nicht. Obwohl der technische Kardinalfehler (das Nichtauseinanderhalten von einzelner- und Gruppen-wahrnehmung) fast stümperhaft erschien.

athene
00
28.6.2009, 21:34
avantgardeströmungen.

spätestens seit jacques derrida (ein beispiel) ist es zum glück poetologisch angekommen, dass - natürlich! - eine propositionale erzählform all das an sprachzweifel enthält, was dichtung enthält. da steht eines neben dem anderen. natürlich!!!!! waren die avantgarden nötig. aber bitte frau fleischander, frau ujvary et al.: lösen sie sich doch bitte von diesem konservativen 60erjahre denken. das sagt eines aus der sprachzweifeltradition. mfg. p.s. ich finde diese spannung in der ganzen jury-diskussion war total aufgesetzt. nein: wien ist der mittelpunkt der poesie. und was hoffmanstal und wittgenstein spürten, spürten auch schon moralisten, strukturalisten, philosophen auf der ganzen welt. als beispiel sei nietzsche genannt.

athene
00
28.6.2009, 21:29
3 erzählprosa zu schreiben

sei leichter als dichtung zu schreiben. postulat: kommt darauf an, wie ein hirn gestrickt ist. ich kenne dichter, denen die prosa einfach schwerer fällt, die, auch wenn sie sich anstrengen würde, eine dichte, psychologisch gut gestrickte erzählung nicht schreiben könnten, oder auch nicht in der 3. person. und es gibt prosaisten, die so auf details aus sind und prima ihre erzählung strukturieren können, aber kein metapherngewebe zustande bringen. das ist formenpluralismus. das eine dem anderen überzustülpen ist einfach nicht nur anachronistische verkennung unseres zeitalters, sondern ich, auch biologischer ausstattungen des gehirn. es DUMM zu sagen, ein dichter wäre erkenntnismäßig weiter oder einer in der tradition gewisser avantgarde-

athene
00
28.6.2009, 21:25
2

der sprachzweifel könne keinesfalls in der prosa stecken ist poetologisch und erkenntnistheoreisch so was von anachronistisch. das war a)
b): das schwierige unterfangen realistisch zu schreiben und dennoch den poetischen zauber drüber zu legen, ist einfach wirklich verdammt schwierig. wer sich diesen maßstab setzt geht ein risiko ein. das ist der grund, warum viele texte durchfallen.
a) noch mal zu a) konservativ war es beispielweise, sorry, und da ist frau fleischanderl offenbar nicht so sehr geschult, die metonymie konservativ der prosa zuzuschreiben. das hat, vermute ich stark, mit ihrem peotologischen missverständnis zu tun
c) gibt es immer noch einzelpersonen, darunter durchaus hochintelligente intellektuelle, die meinen erzählpro

aereo
00
28.6.2009, 21:51
Falls du selbst Bücher schreibst

schreib mir bitte deinen Namen damit ich nicht aus Versehen ein Buch von dir kauf...:)
Zu Realismus + Poesie = 'verdammt schwierig'. Stimmt, aber niemand ist der Meinung daß es leicht sei ein guter Schriftsteller zu sein.

athene
00
ích versteh nicht, was du meinst,

natürlich glaubt das keiner, wir sind einer meinung

athene
10
28.6.2009, 21:20
ich finde, was man bei linda stift sehr wohl gemerkt

hat, ist ihre literarische begabung, sie hat mich neurgierig auf weiter texte gemacht. die struktur war gut und ihr duktus gefällt mir. allerdings ist dieser text aus den von der jury genannten gründen einfach ein durchfaller gewesen, das war von vornherein klar. und dass das keine realismusdebatte war, sieht man auch sofort. ich hatte eher den eindruck, dass es noch ein paar vereinzelte konservative residuen in österreich gibt, die auf teufel komm raus den - nicht existenten - unterschied zwischen der ach so poetischen begabung der österreicher und der ach so starren prosaischen steifheit der deutschen pochen. dieser (ja toten, gut poststrukturalistisch aus erkenntnistheoretischen gründen gesagt) echt, ich glaubt fast reliöse glaube, der

Der Boss der Bosse
00
Nein, diesen Unterschied

gibt es sehr wohl.
Es ist umgekehrt: Der Glaube, dass es den Unterschied nicht gibt, ist fast religiös, weil kontrafaktisch.

athene
00
der der glaubt es gibt ihn,

ist auf der seite der nicht-sprachzweifler. machen sie sich nicht lächerlich. es gibt nicht das ö-poesie-gen.

es gibt avantgardeströmungen. das ist war. und ich kenne die österreichische gut und schätze, dass sie sich radikaler exponiert hat als vereinzelte deutsche. deutschland hatte zu dieser zeit ganz andere probleme, auf literaten reagierten. (politische.) österreich reagierte später als andere auf die ersten avantgardebewegungen (expressionismus, surrealismus), und weil später (50er, 60er) dabei in einer anderen Zeit industriellen Umbruchs, kam natürlich eine eigene Formspielerei heraus, die eher Affinität zur frz. Avantgarde hatte. Ich meine oben Erkenntnistheorie, Ö bildet sich ein, weiter zu sein, als andere. unrichtig wie naiv.

aereo
00
28.6.2009, 22:42

Mich haben die Ungereimtheiten der Perspektive schon genervt. Aber der Text hat wach gehalten, immerhin.

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