Danzig, Ankunft an der Ostsee

28. Juni 2009, 17:01
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Danzig durchlebte seine Blütezeit zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert. Mit Solidarność nahm hier das Ende des Sowjetimperiums seinen Anfang

An der Ostsee anzukommen war so etwas wie ein vorzeitig erreichtes Ziel. Zwei Meere hatte ich zu Fuß miteinander verbunden, war fast ein halbes Jahr lang längs durch Europa gewandert, hatte sechs Länder durchquert. Jetzt ließ ich mich, nach einer eisigen Ostseetaufe, glücklich in den Sand fallen und schaute den Wolken zu, wie sie über die Stadt hinaus ritten auf das offene Meer.

Wenn man heute durch Danzig geht, sieht man kaum noch etwas von den Verwüstungen seit 1939. Proper präsentiert sich die Stadt, aufgeräumt und freundlich, und man braucht Zeit, mehr zu sehen als die in den vergangenen 20 Jahren wiederhergestellte Oberfläche.

Die erste schriftliche Erwähnung Danzigs stammt aus dem Jahr 997, seine Blütezeit hatte die Stadt vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, nachdem König Kazimierz Jagiellończyk Danzig der Krone einverleibt und - die Verdienste der Danziger Bürger anerkennend - zahlreiche Privilegien verliehen hatte. In dieser Periode, die gemeinhin das Goldene Zeitalter genannt wird, gehörte Danzig zu den reichsten und bedeutendsten Städten in Europa. Danzig war Heimat für Polen, Deutsche, Holländer, Schotten, Franzosen, Skandinavier. Die Stadt hatte den Ruf, tolerant zu sein, und der durch den Handel entstandene Reichtum kam der Förderung von Wissenschaft und Kunst zu Gute.

Mit den Schüssen des Panzerkreuzers "Schleswig Holstein" auf die polnische Stellung auf der Westerplatte begann hier der zweite Weltkrieg, der die einst blühende Stadt in ein Meer von Trümmern und Ruinen verwandelte. Und vierzig Jahre später sprossen hier mit Solidarność die Keime der Freiheit, die sich durch die Betonplatten des kommunistischen Regimes zwängten, sie auseinander schoben und so mit vereinter Kraft nicht nur das totalitäre System in Polen zum Einsturz brachten, sondern auch den Impuls gaben für einen Dominoeffekt, der nach und nach den gesamten Ostblock erfasste und schließlich das gesamte Sowjetimperium in sich zusammenbrechen ließ.

Tagelang streiche ich durch die Stadt, gehe durch das hohe Tor, am großen Zeughaus vorbei, besuche das Uphagen-Haus, das Museum für Geschichte der Stadt Danzig im Rechtsstädtischen Rathaus und die Marienkirche, die größte Backsteinkirche in Europa. Die Nikolaikirche, deren Entstehung bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht ist die älteste Kirche der Stadt. Immer wieder finde ich mich bei meinen Erkundungen in der Frauengasse wieder, wo unzählige Juweliere und Galerien Bernsteinschmuck ausstellen. 

Ja, und natürlich das Bernsteinmuseum. Stolz nennt sich Danzig "Welthauptstadt des Bernsteins" und verkauft das "Gold des Nordens" nicht nur an die Touristen, sondern zeigt die schönsten Stücke auch in dem im Jahr 2000 gegründeten Bernsteinmuseum. Eine sehr interessante Sammlung, aufbereitet für ein breites Publikum, das freudig strömt. Ich bekomme eine Privatführung und die Erlaubnis zu photographieren, sodass ich, obwohl ich keine für diese Zwecke notwendige Spezialausrüstung bei mir habe, einen ganzen Vormittag mit den prächtigen, kiloschweren Exemplaren, mit den Inklusen und Schmuckstücken zubringe.

Und dann, ich hatte begonnen, mich an meine tagelangen Streifzüge durch Stadt und Geschichte zu gewöhnen, trifft das Visum für Kaliningrad ein. Eines Morgens wird mir der Kurierumschlag ins Zimmer gebracht und ich weiß, jetzt muss ich weiter. 

Ein paar Tage werde ich noch an der polnischen Ostseeküste entlanggehen, dann werde ich dieses weite Land verlassen, das ich in den Wochen meiner Wanderschaft liebgewonnen habe, und hinüberspazieren nach Russland, in die Enklave Kaliningrad. (Markus Zohner)

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    Blick von der Marienkirche auf die Altstadt von Danzig.

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