Alle Neune für 9,90

30. Juni 2009, 15:33
  • Taschwers neun Gänge in Barcelona mit einmal Taschwer, hoffentlich in der richtigen Reihenfolge.
SURENYAdresse: Plaça Revolució, 17, BarcelonaTelefon: +34 93 932137556
    foto: marija podnar

    Taschwers neun Gänge in Barcelona mit einmal Taschwer, hoffentlich in der richtigen Reihenfolge.

    SURENY
    Adresse: Plaça Revolució, 17, Barcelona
    Telefon: +34 93 932137556

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Von phallischen Pilzen in Barcelona schwärmt Klaus Taschwer, und lässt sich weder durch Hugh Grant noch Alicia Keys aus seinen Tapa-Träumen von grünen Punkten reißen

Man soll sich von der einen oder anderen Weinflasche in der Auslage nicht irritieren lassen. Auf den Etiketten haben nämlich eher prominente Gäste des Hauses ihre Unterschriften hinterlassen: Hugh Grant zum Beispiel oder Alicia Keys. Wer jetzt glaubt, dass das Sureny im hippen Gracia-Viertel Barcelonas ein Schickimicki-Restaurant für die Schönen und Reichen dieser Welt ist, hat sich gründlich getäuscht.

Denn bis auf dieses leicht zu übersehende Detail präsentiert sich die Tapas-Bar auf der Plaça Revoluciò von außen wie von innen alles andere als prätentiös: Die Fassade ist unauffällig und das Interieur wirkt mehr als bodenständig, um es einmal so zu sagen: Dunkle abgenützte Holztische, darauf bunte Tischtücher und Nullachtfünfzehn-Gedecke.

So schmeckt die Krise

Die überaus sympathische Mannschaft des Sureny glänzt augenscheinlich lieber mit ihren Speisen als mit Tafelsilber und anderem Firlefanz, die ja auch nur von den Köstlichkeiten ablenken würden. Der Preis tut es jedenfalls auch nicht, im Gegenteil: So hat man aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise im Frühjahr beschlossen, den Preis für das Menü auf schlanke 9 Euro 90 zu reduzieren - eine Mezzie angesichts der gebotenen Qualität, die ist selbst im gastronomisch verwöhnten Barcelona schwer zu toppen ist. (Damit Sie am Schluss nicht überrascht sind: Klaus Taschwer aß noch um 33 Euro im Sureny, und fand auch das jeden Cent wert, Anm. fid)

Kaum wo sonst in Europa lässt es sich im Moment wohl ausgefallener speisen als in der und rund um die katalanische Hauptstadt, wo im letzten Jahrzehnt in so ziemlich allen Bereichen der Kultur durch fröhlichen, globalisierten Stilmix ganz Neues kreiert wurde - egal ob nun in der Kunst, dem Fußball, der Mode, der Musik und eben: dem Essen. Von der molekulargastronomischen Küche eines Ferran Adrià einmal ganz abgesehen, der zwar nicht sein Restaurant El Bulli, aber doch sein Labor in Barcelona betreibt, in dem er monatelang an neuen Kreationen getüftelt wird. 

Achten Sie auf den grünen Punkt

Überraschende Kombinationen mit einer Prise molekulargastronomischer Innovationsfreude sind auch die wichtigsten Ingredienzien der Küche des Sureny, die zudem einem kulinarischen Charakteristikum der Region Reverenz erweist: Das nennt sich mar i muntanya, auf Deutsch Meer und Gebirge, was wiederum nichts anderes bedeutet als die bei uns eher unübliche Verbindung von Fleisch und Fisch bzw. Meeresfrüchten.

Ende der Vorrede und rein ins pure Gaumenvernügen, das mit einem zarten Entenfleischcarpaccio beginnt, das mit Pistazien und einer deftige Olivencreme daherkommt. Mit Sojasauce und frischen Kräutern wird das Ganze asiatisch gedeutet. Und das wiederum sollte mit dem grellgrünen Kichererbsensößchen das Leitmotiv für die acht weiteren Gänge werde.

Nie wieder Tun ohne Senf

Japanisch-andalusisch - Tapas sind ja eine südspanische Erfindung und erst seit gut zwei Jahrzehnten in Barcelona heimisch - geht es weiter: Zwei kräftig marinierte Tunfischstückchen mit oben drauf Senf. Sobald die beiden Würfelchen auf der Zunge mit leichtem Gaumendruck erst zerschmolzen sind, fragt man sich instantan, warum man nicht immer und überall den Tune mit Senf kombiniert.

Dann die erste warme Tapa: Ein Tomatencemesüppchen mit etwas Kürbis und darinnen ein fischiger Maki als japanisches Zitat. Auch da darf der grüne Punkt nicht fehlen - und ein wenig frischer Koriander obenauf. Weil ja auch das Auge mitisst.

Der erotische Pilz

Nummer vier ist die erste echte Sensation des Abends, die allein optisch ein kleinwenig abfällt: eine mit Entenfleisch gefüllte Riesennudel in einer pikanten Morchelsauce mitsamt einem Köpfchen des apart-erotischen Pilzes (lateinisch: Phallus). Diesmal ist Schnittlauch das würzende Grünzeug.

Von nun an folgt ein Tapa-Traum auf den nächsten. Zuerst eine Kürbiscremesuppe, in dem eine kreisrunde Kabeljaufiletscheibe liegt, bedeckt mit Maracujakernen. Eine pikant-exotische Erleuchtung, auf den dann die Kreation des Abends folgt: Entenfleisch in einer schweren Teriyaki- Erdbeersauce, dazu Erdbeeren in weiteren drei Konsistenzen (Ferran Adrià lässt grüßen): irgendwie luftgetrocknet, was auf der Zunge sich sofort hocharomatisch in ein Fastnichts auflöst, in einer Art nicht wirklich süßen Zucker und schließlich auch noch schön marmeladig. Sen-sa-tio-nell!

Gänseleber orange

Nummer sieben stellt dann den raffinierten Querpass zu den Nachspeisen her: Eine Gänseleberscheibe mit einem Hauch eines karamellisierten Orangen-Zucker-Spiegels und einem ebensolchen Sößchen, optisch und geschmacklich verziert mit einer eleganten Balsamico-Signatur. Daneben ein paar Rucola-Blätter als gelungener Kontrast.

Für die Desserts ist übrigens eine gebürtige Deutsche namens Cristina zuständig (im Sureny wird prinzipiell nur geduzt), die zuerst einmal ein Kokosmousse in Ananassauce herbeizaubert. Dem Mousse zur Seite baden kandierte Ananasstückchen, endlich wieder grüne Pünktchen - und statt Anton ein wenig Dille.

Milchreis mit Mandarine

Alle Neune, das Maß und meinen Bauch macht dann eine deliziöse Milchreissauce voll, in dem ein Cava-Sorbet mit Mandarinenaroma thront. Aber nicht lange. Und bald ist auch der grandiose Abschluss eines grandiosen Degustationsmenüs vollständig leergelöffelt, für das man gut und gerne auch das Dreifache der 33 letztlich zu bezahlenden Euro hingelegt hätte. Selbst wenn man nicht Hugh Grant oder Alicia Keys heißt. Und was man auch immer von den künstlerischen Qualitäten der beiden halten mag: Einen Sinn für großartige Tapas scheinen sie allemal zu haben.

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

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10 Postings

will ich auch essen.

Phallus?

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass man Ihnen einen Stinkmorchelkopf (Phallus impudicus) serviert hat, da von diesem Pilz nur die sog. Hexeneier, das heißt die noch nicht "geschlüpften" Fruchtkörper, essbar sind.
Und die Speisemorchel (Morchella sp.) hat mit Phallus (außer dem Aussehen) nix zu tun.
Hätte trotzdem gerne mit Ihnen gespeist, Barcelona ist IMMER eine Reise wert!

lol!

jaja... man kann sich in vielerlei hinsicht verarschen lassen *ichlachmichschief*

tapas in bcn ...

... erst seit 20 Jahren? Lieber Herr Fidler, da sind Sie einer Falschmeldung aufgesessen.

schmecks
00

und Sie, geschätzter gluthammer, haben nicht gelesen, wer das geschrieben hat. zwei sachdienliche hinweise: a) steht im vorspann, und b) es waren nicht hugh grant und alicia keys. ich kann ja nicht alles selber essen (obwohl...).
besten gruß,
fid

Richtig

War zum ersten Mal vor knapp 30 Jahren (seitdem mehr als 10x) in BCN und da gab es bereits Tapas, und ich glaube nicht erst seit kurzem.
Leider gibt es Tapas nicht mehr (wie früher) gratis zu jedem Getränk sondern sind recht teuer. Das waren Interrail-Zeiten. Abends in ein Beisl in BCN und zu jedem Bier gab es eine Kleinigkeit (Stückerl Blunzn, 2 Streifen Sardellen, ein par Patatas bravas usw).

Tapas zum Getränk gibt vereinzelt noch in Gallizien.

Vor 10 Jahren

in Madrid und Andalusien auch noch allgemein üblich. Wenn man wusste, wo man reingeht.

In Granada, Jaen und Cordoba (Provinzen) noch allgemein üblich, auch im Hinterland von Málaga, Almería...

hatte im vorjahr sogar in burgos und león selbst

noch das vergnügen..

ich steh eher

auf cepavcici, gefüllt mit leberkäs und pommesdeko.

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