Andrea Winklers poetischer Text polarisierte

27. Juni 2009, 14:23
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Gregor Sanders "Winterfisch" erhielt großes Lob - Beziehungsgeschichten zum Abschluss

Klagenfurt - Gregor Sander hat am Samstag im Klagenfurter ORF-Theater den Schlusstag des Lesewettbewerbs um den Ingeborg-Bachmann-Preis eröffnet. Er las die Erzählung "Winterfisch". Anschließend präsentierte Andrea Winkler ihren Text "Aus dem Gras".

In "Winterfisch" geht es um das Wiedersehen zwischen einem inzwischen erfolgreichen Anwalt aus der ehemaligen DDR, der nach der Wende in den Westen gegangen war, und einem Jugendfreund seiner Mutter. Sander verwebt DDR-Schicksale mit persönlichen Impressionen. Der Protagonist ist vor kurzem von seiner Frau verlassen worden, so wie der Jugendfreund der Mutter, der einst Vaterfigur für den Mann gewesen war, nach der Öffnung der Grenze gegangen war.

Alain Claude Sulzer befand, es sei ein sehr schöner, sehr ruhiger Text. Auch Paul Jandl, fand Lob, er sah einen "Text der Krisen", stimmungsvoll verpackt. Meike Feßmann zeigte sich verwirrt, beim Lesen habe sie ihn handwerklich sehr schlecht gefunden, beim Vortrag habe der Text funktioniert. Karin Fleischanderl widersprach, es sei handwerklich "sehr gut gemacht". Ijoma Mangold sah ein tolles Sujet, der Verschränkung von politischen Schichten und individuellen Biografien. Doch mache der Autor zu wenig daraus. Dem schloss sich auch Juryvorsitzender Burkhard Spinnen an.

Verrätselte Erzählung

"Aus dem Gras" der Österreicherin Andrea Winkler könnte ebenso "meine ausgesprochen wirkliche Hand" heißen, dieser Begriff taucht wie ein Leitmotiv ständig in der hochartifiziellen, verrätselten Erzählung der Autorin auf. Es ist ein lyrischer Text über eine Frau, die anscheinend nach einem Unfall behindert ist. Es geht um Verlust, Verrat und Angst, aber auch um Körperlichkeit und Sehnsucht. Auch nach mehrmaligem Lesen erschließt sich der Text nur teilweise, lässt viele Interpretationen zu.

Fleischanderl meinte, es sei eine Wohltat, Andrea Winkler zu lesen, sie dampfe die Literatur auf ihr Wesentliches ein, der Text habe eine große Musikalität. Mangold gab offen zu, er habe den Text nicht verstanden. Feßmann zeigte sich unglücklich. Spinnen meinte, er habe sich ein Computerprogramm vorgestellt, das diesen Text in Musik umwandeln könne. "Das würde Musik ergeben, die ich verstehe."

Der Grad der Hermetik Winklers sei aber für ihn zu hoch. Diese Art der Literatur müsse aber trotzdem weiter verbleiben, in ökonomisierten Zeiten sei dies ohnehin schwierig. Jandl bezeichnete es als bravourösen Text der Selbstvergessenheit, der mit Bildern arbeite, die sich zu Poesie fügten: "Es ist keine Beschreibung von Wirklichkeit, sondern eine Erfindung von Wirklichkeit." Hildegard Keller gestand Verwirrung ein. Sulzer meinte, "mich geht das alles eigentlich gar nichts an". 

Beziehungsgeschichten zum Abschluss

 

Mit den Lesungen von Katharina Born und Caterina Satanik ist schließlich das "Wettlesen" bei den 33. Tagen der deutschsprachigen Literatur abgeschlossen worden. Born las die Erzählung "Fifty fifty", Satanik beschloss als vierte österreichische Teilnehmerin den Bewerb und erhielt für ihren Romanauszug "leben ist anders" sehr viel Lob.

Born erzählt in ihrer Geschichte von einem Ehepaar aus der "Generation '68" und seiner Tochter. Die Geschichte der beiden ist schwierig und wechselvoll, der beste Freund des Mannes spielt mit hinein, hatte auch einmal ein Auge auf die Frau geworfen. Als die Tochter des Paars nun ausgerechnet zu diesem Mann zieht, erzeugt das bei den Eltern ein emotionales Erdbeben. Am Schluss kehrt das Mädchen schwanger nach Hause zurück.

Alain Claude Sulzer fand eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten, "die mir sauer aufgestoßen sind". Meike Feßmann lobte die Beweglichkeit des Textes, ihr habe sehr gut gefallen, dass es um zwischenmenschliche Beziehungen gehe. Hildegard Keller sah "Spannung durch Andeutung". Burkhard Spinnen meinte, wenn er dem "Text gut wolle", lese er ihn wie den Entwurf einer Geschichte. Karin Fleischanderl blieb die Geschichte "zu sehr an der Oberfläche". Ijoma Mangold unterstrich die "Gewaltstrukturen", von denen der Text durchzogen sei. Paul Jandl konstatierte eine sehr konventionelle Erzählweise.

Satanik las einen Auszug "leben ist anders", wo es um eine verlassene Frau geht, die mit dem Verlust ihres Freundes nicht wirklich zurechtkommt. Sie versucht es mit allen möglichen esoterischen Mittelchen, die aber allesamt nichts fruchten. Über ihren Freund "wolf" erfährt man aus Rückblenden, in denen sich die Protagonistin an Szenen aus der Beziehung erinnert.

Feßmann gefiel der Text gut, obwohl sie nicht sagen könne, warum eigentlich. Mangold konstatierte eine "Kunst der Leichtigkeit". Jandl meinte, dieser Text bestätige sich der Verdacht, dass "Heimwerkerei nichts anderes ist als fehlgeleitete männliche Zärtlichkeit". Als Debüt sei er "wirklich beachtlich". Sulzer sah einen "wunderbaren Text". Hildegard Keller ortete Liebenswürdigkeit, auch durch die verwendeten Austriazismen. Fleischanderl monierte eine gewisse Umgangssprachlichkeit, die nicht angebracht sei. Spinnen, der Satanik eingeladen hatte, sah den Text als "Hinweis auf Wege" in der Literatur. Es müsse erlaubt sein, aus der zeitgenössischen Umgangssprache modernes literarisches Kapital zu schlagen, so Spinnen und gestand: "Ich habe mich in den Text verknallt." (APA)

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