"Alles ist eine große Lüge"

28. Juni 2009, 19:11
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Während andere Verluste in ihren Depots hatten, verbuchte Bernard Madoff nur Gewinne. Bis sich herausstellte, dass alles Betrug war. Jetzt erwartet ihn Lebenslang

Wien - Am 11. Dezember 2008 erfasst eine Schockwelle Anleger weltweit. Das FBI nimmt Bernard Madoff wegen Verdachts auf Anlagebetrug fest. Madoffs Worte bei seiner Festnahme "alles ist eine große Lüge" lassen erkennen, dass das, was einige schon vermutet haben, offenbar stimmt. Stunden später ist klar: Das Anlage-System Madoff war mutmaßlich ein Betrugssystem - und zwar das größte in der Geschichte. Mehr als 4000 Anleger sollen um 50 Milliarden Dollar (35 Mrd. Euro) gebracht worden sein.

Der 71-jährige Madoff bekennt sich vor dem Bezirksgericht in Manhattan schuldig. Elf Anklagepunkte werden ihm zur Last gelegt, darunter Betrug, Geldwäsche und Untreue. Der Staatsanwalt fordert 150 Jahre Haft für Madoff - Anleger rund um den Globus bangen um ihr Geld. Neben professionellen Investoren sind prominente Persönlichkeiten darunter wie Regisseur Steven Spielberg oder Schauspieler Kevin Bacon. Auch Stiftungen (etwa die des Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel) und Hilfsorganisationen verlieren Millionen. Andere treibt der Madoff-Betrug in die Pleite.

Eine Handvoll Dollar

Die Madoff-Fonds, die auch in Wien über die Bank Medici vertrieben wurden, haben bis auf ein paar Monate immer einen gleichmäßig hohen Gewinn ausgewiesen. Und das losgelöst vom Auf und Ab an den Börsen. Dass es sich beim "Veranlagungserfolg" um ein Schneeball-System handelt, bei dem die Erträge nicht durch reale Gewinne, sondern durch die Einlagen neuer Kunden bezahlt wurden, wussten die Anleger nicht. Nicht einen einzigen Dollar habe er wie vereinbart am Kapitalmarkt investiert, sagt Madoff später.

Begonnen hat alles mit ein paar Investoren und einer Handvoll Dollar. Madoff schließt 1960 das College ab und wird Wertpapierhändler. Nebenbei arbeitet er als Anlageberater und baut sich langsam einen Kundenstock auf. Die ersten Kontakte macht Madoff im Freundeskreis, später will jeder, der Rang und Namen hat, Zutritt zu Madoffs exklusivem Geld-Club. Angelockt werden die Anleger von dem Renditeversprechen von bis zu 20 Prozent.

Das System wächst schnell. Anfang der 1990er-Jahre berät Madoff bereits mehr als 3000 Kunden. Dass er das ohne Konzession eigentlich nicht dürfte, bleibt unbeachtet. Vielleicht auch deswegen, weil Madoff offiziell noch immer als Wertpapierhändler arbeitet - mittlerweile im eigenen Unternehmen, der Bernard L. Madoff Investment Securities LLC, im 19. Stock des sogenannten Lip-Stick-Gebäudes in der 53rd Street in New York. Zwei Stockwerke darunter passiert der Betrug. Dort werden Kontoauszüge gefälscht und angebliche Investitionen dokumentiert.

Skepsis erwacht

Der stetige Erfolg von Madoff ruft Zweifler auf den Plan. Die US-Börsenaufsicht wird aktiv - prüft das Unternehmen mehrmals. Gefunden haben will sie nichts. Madoff wird sogar als Verwaltungsratschef an die Tech-Börse Nasdaq geholt.

Die Summen, die bei Madoff angelegt werden, werden immer größer, die Namen der Anleger immer schillernder. Daher hält sich Madoff zunehmend bedeckt. Für die Geldannahme gibt er eine Bedingung aus: Sein Name darf nicht aufscheinen. In keinem Prospekt, auf keinem Papier. Das System hält - bis im Frühjahr 2008 die Finanzkrise über die Börsen hereinbricht und Anleger wegen der Kursstürze große Verluste hinnehmen müssen. Nun wollen viele ihre Madoff-Gewinne realisieren. Zu viele, wie sich herausstellt. Denn die geforderten Auszahlungen übersteigen die Einnahmen, das Kartenhaus fällt zusammen. In Österreich beträgt der Schaden durch die Madoff-Pleite rund 350 Mio. Euro.

Seit März lebt der geständige Finanzjongleur als Häftling Nummer 61727-054 in einer fünf Quadratmeter großen Zelle im Stadtgefängnis von New York. Heute, Montag, wird das Strafausmaß erwartet. Im Verfahren sprach Madoff von Reue, von Scham und von dem unwiderstehlichen Reiz des Geldes, der seinen kühnen Anlagebetrug erst möglich gemacht habe.

Stanford-Medici-Connection

Verbindungen zur Wiener Bank Medici (hat im Zuge der Madoff-Pleite ihre Lizenz verloren, heißt jetzt "20.20 Medici AG" und spezialisiert sich auf Dienstleistungen im Finanzbereich) gibt es auch im Zusammenhang mit dem mutmaßlichen Betrüger Allen Stanford. Ihm wird vorgeworfen, von seiner Bank in der Karibik aus rund 6000 Anleger um sieben Mrd. Dollar betrogen zu haben.

Sonja Kohn, Chefin der 20.20 Medici AG, ist Standford nicht unbekannt. Am 26. April 2007 war Kohn mit Stanford-Mitarbeitern bei Pioneer Investments (die auch Madoff-Fonds vermittelt haben). Ihr Begehr: Infos über Osteuropa. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.6.2009)

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    Das ruhmlose Ende eines einstigen Börsenstars: Bernard Madoff wartet auf sein Straf-ausmaß, er soll Anleger mit einem Schneeballsystem betrogen haben.

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