Ich als kleiner blauer Punkt

26. Juni 2009, 21:17
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Früher fuhr man die Reiseroute mit dem Finger auf der Landkarte ab, heute eröffnen uns Navigations­systeme vollkommen neue Welten

21. 6. 2009, 18.30 Uhr, 52° 22' 38'' N, 9° 44' 30'' O - im Sauseschritt: Ich verlasse den Bahnhof Hannover mit erhobenem Haupt. Über dem Bahnhofsplatz spannt sich ein Juniabendhimmel auf, Skateboarder, Zierbuchen, Glaskaskaden, auf rechts verblitzt eine rote Sonne ihre letzten Strahlen, die Neon-lichter an den Fassaden versprechen eine Urbanität, die man von der niedersächsischen Landeshauptstadt nicht unbedingt erwartet hätte. Ich bin zum ersten Mal in Hannover und habe nicht die geringste Ahnung, wo ich bin und wo genau ich mich laut Plan in 30 Minuten einfinden werde. Ich bin ganz entspannt. Dunkel nur, ganz dunkel erinnere ich mich, als ich über den hellen Platz gehe, an andere Zeiten, an andere Arten von Ankunft und Landung. In dieser anderen Zeit wäre ich aus dem Zug gesprungen, über den Bahnsteig gehastet, hätte hektisch eine Schautafel des öffentlichen Personennahverkehrs gesucht, hätte dann eine Stadtkarte gekauft, Maßstab 1:50.000 für 3,50 Euro, 100 Prozent recyceltes Altpapier, hätte meinen Kopf in die Karte gesteckt und bis zum Erreichen des Ziels auch nicht mehr herausgenommen. Die Sommerstimmung und die Skateboarder auf dem Bahnhofsplatz, sie wären mir wohl entgangen.

Nur manchmal blicke ich auf meinem Weg auf den kleinen Bildschirm meines Mobiltelefons, nicht etwa, weil es klingelt, oder eine SMS-Nachricht einblinkt; das Gadget zeigt mir eine Karte von Hannover, auf der die aktuelle Route als gelbe Linie eingezeichnet ist und meine Position per GPS auf wenige Meter genau feststellbar ist. In der Karte bin ich als kleiner blauer Punkt zu erkennen, der aussieht wie der Kopf einer Antenne, und konzentrische Kreise absendet - der Mensch als Sender und Empfänger. Das Navigationssystem gehört schon seit einigen Jahren zur Standardausstattung von Autos, genau wie Servolenkung und Klimaanlage. Mittlerweile aber hat sich das "Navi" , wie die Ego-Black-box zärtlich von ihrem Nutzer genannt wird, vom Automobil und der eigenen Automatenexistenz emanzipiert und steckt als Prinzip in jedem besseren Mobiltelefon und Computer. iPhone, Google-Handy und ihre Klone sind durch die Verschaltung von GPS- und WLAN-Chips zu mächtigen Navigationssystemen geworden, für das Agenten mit der Lizenz zum Töten noch vor wenigen Jahren getötet hätten. Es ist eine kartografische Revolution, welche die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt nachhaltig verändern wird.

Die totale Verfügbarkeit

Im Programm Google Earth sieht man den Erdball aus ein paar hunderttausend Kilometer Entfernung. Der Overview-Effect, jener Schock, den Astronauten oftmals erleiden, wenn sie die Planetenkugel zum ersten Mal im Nichts des Alls hängen sehen, und ihre Größe, Fragilität und Nichtigkeit in einem Moment begreifen. Bei Google Earth wird keine Ehrfurcht geweckt, eher ein Gefühl der totalen Verfügbarkeit erzeugt. Mit einem Mausklick kann man die Erde drehen und wenden, kann heranzoomen, bis man Straßennetze und die Passanten auf der Straße erkennt, kann sich eine Perspektive suchen, aus der man sieht, dass es gut ist. Der Google-Globus ist kein Spielzeug, sondern ein wertvolles Werkzeug für die Lebensausführung. Im Schwesterprogramm Google Maps kann man am Computer oder Mobiltelefon die Fahrtroute planen, kann tief in die Karte hineinzoomen und sich im sogenannten Streetview-Modus das Hotel in New York oder eine Straßenecke in Paris schon einmal anschauen und den Blick schweifen lassen. Man muss nicht mehr an einen Ort reisen, um ihn zu bereisen. Ein Klick katapultiert den Menschen über viele tausend Kilometer hinweg - Geo-Zapping. Wie real diese Veränderung unseres Stadt-Bildes bereits ist, zeigt der aktuelle Streit in Deutschland über Google Streetview und Datenschutz.

Computerstimme und Flatscreen machen die Fahrgastzelle des PKWs zu einem einem Raumschiffcockpit, die langweilige Fahrt zur Oma wird so zu einem coolen Videospiel. Bald sitzen wir alle und immer im Cockpit, nur dass uns keine Windschutzscheibe von der Wirklichkeit trennt. Die Karte in den Händen, der hektische Blick hoch zu den Straßenschildern markieren bislang den Touristen und den Fremden im Straßenbild. Einheimische reagieren auf den Schlüsselreiz entweder mit einem Hilfsangebot oder einem Ellbogencheck. Der persönliche Navigator erspart dem Stadtnovizen dieses Outing, man ist nicht mehr als Fremder erkennbar, und ohnehin stellt sich die Frage, ob man mit all diesen Information in der Hand, Route, Bahnplan, Struktur des Einzelhandels, überhaupt noch als Fremder gelten kann.

Von A (48° 8' 14'' N, 11° 34' 31'' O) nach B (41° 53' 24'' N, 12° 29' 31'' O) - die Schuld der Teleobjektive: Die ersten Reisenden, Seefahrer vor allem, und die Führer der Karawanen, die ihren Weg durch die Wüste suchten, bestimmten ihre Position mithilfe der Sonne und der Sterne. Auch heute kommen die Signale aus dem Himmel - der Polarstern jedoch ist zersplittert, 24 GPS-Satelliten umkreisen als unsichtbare Funken den Erdball und formen das orbitale Raster, nach dem die Welt sich ausrichtet. Die Navigationssysteme und GPS-Computer können Mensch und Maschine punktgenau im Asphaltlabyrinth und in der suburbanen Wüste verorten - als eine erste Folge sind automobile Ärgernisse wie die zerfledderten Straßenkarten im Handschuhfach oder der Streit mit dem Beifahrer innerhalb weniger Jahre fast vollkommen ausgestorben. "Du hast ja ein Navi." ersetzt den Satz "Du kennst dich ja aus." Der Mensch weiß zwar noch immer nicht, wie es läuft, aber immerhin weiß er jetzt, wo er sich befindet. Ich - ein blinkender, blauer Punkt! Wie beruhigend dieses Gefühl wirken kann, das merkt man so richtig erst auf Transatlantikflügen, wenn die In-Flight-Monitore die Reiseroute und Daten wie Höhe, Flugdauer und Geschwindigkeit mitteilen. Auch wenn neben diesem Navi-Klon kein Steuerrad auf Input wartet, so beruhigt es die Menschen doch ungemein, das Flugzeug-Icon über Pixel-Grönland kriechen zu sehen, geben die Daten doch eine diffuses Gefühl von Sicherheit; weil man weiß, wo man ist, lässt man sich von der Tatsache, wo man ist - nämlich 10.000 Meter über dem ewigen Eis - nicht weiter beeindrucken und ordert einen Wodka Tonic. Das Blau des Navi-Bildschirms übt auf die Passagiere eine ähnlich betäubende Wirkung aus wie eine romantische Komödie mit Julia Roberts.

Seit den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts forscht das US-Militär an der satellitengestützten Navigation. Die ersten zivilen Anwendungen kamen Ende der 90er-Jahre auf den Markt, waren jedoch ziemlich unpräzise, da das Pentagon die Ortsbestimmung im "Interesse der nationalen Sicherheit" mit Störsignalen unmöglich machte. Erst im Jahr 2000 erlaubten die Generäle der breiten Öffentlichkeit das volle Potenzial der Technologie zu nutzen, oder anders: Vertreter, Angestellte und Hausfrauen steuerten ihre Fahrzeuge plötzlich mit einer ähnlich tödlichen Präzision zu ihrem Ziel wie die Apache-Hubschrauber und Smart Bombs der US-Army.

Die ersten Navis waren krude Bildschirmleisten, die nur einen Pfeil und wenige Zahlen anzeigen konnte und viele Nutzer an das Pleistozän des Computerzeitalters erinnerten, an Geräte wie den C64 und Atari 2600. Im Jahr 2009 aber protzen die Geräte der Marktführer wie TomTom oder Navo mit handlichem Design, fotorealistischer Grafik und anderen Special Effects, die teilweise wunderbare Namen wie Real World View tragen. Verkehrsschilder, Ampeln und Straßenmarkierungen bildeten lange Zeit ein Signalensemble, das für jeden Verkehrsteilnehmer gleichermaßen galt, egal, ob er nun in einem Jaguar oder einem Škoda unterwegs war.

Wie Smart Bombs der US-Army

Die Informationsrevolution im Autoinnenraum beendet das Zeitalter der Gleichberechtigung: Plötzlich macht es durchaus einen Unterschied, ob man einen 20 Jahre alten Gebrauchtwagen fährt, aus dem selbst das Autoradio schon vor langer Zeit gestohlen wurde, oder eine voll digitalisierte Limousine und so aktuelle Staumeldungen und Informationen über die Parkplatzsituation in der Innenstadt zur Verfügung hat. Autofahrer mit Informationsvorsprung kommen schneller voran.

Der Mensch wollte schon immer wissen, was hinter dem nächsten Hügel ist, und dann weiter, hinter dem Horizont. Karten, Ferngläser und Sonnenuhr sind nicht nur Messgeräte, sondern auch Schutzmechanismen; indem er die Umgebung überwacht, ordnet, versteht, versichert sich der Mensch erst seines Platzes in der Welt. Der Architekt und Philosoph Paul Virilio versteht die Menschheitsgeschichte als Evolution der Wahrnehmungstechnologien. In dem Bestreben, die Welt farbecht und in Echtzeit abzubilden, so Virilio, habe man die Grenzen zwischen global und lokal, beweglich und unbeweglich verschwinden lassen. "Die Teleobjektive haben die topographischen Grenzen ausradiert" , schreibt er in Die panische Stadt, "nicht nur ist es überflüssig geworden, in die Ferne zu reisen, hinüberzufahren; es lohnt sich auch nicht mehr zurückzukehren, denn alle Oberflächen stehen sich nun gegenüber." Der Mensch rast um die Welt und steht gleichzeitig ganz still - gefangen in der Bilderwüste. Laut einer Studie steigert ein Navi die Unfallgefahr, weil die Menschen zu oft auf den Monitor blicken.

"Biegen Sie nach 100 Metern rechts ab". Oder: "Folgen Sie dem Straßenverlauf für 25 Kilometer". Oder: "Sie fahren in die falsche Richtung. Bitte wenden Sie." Am Ende dann immer der gleiche Satz: "Sie haben ihr Ziel erreicht!" Diese Stimme ist für Pkw-Fahrer so präsent wie das Schnurren des V6-Motors und das Fluchen des Vordermanns, und nur wenige Kulturpessimisten fühlen sich von dem digitalen Scheppern in der Stimme gestört oder haben diese Assoziation mit HAL, dem Bordcomputer aus Stanley Kubricks Film Odyssee 2001, der seinen menschlichen Passagier irgendwann ins All befördern will: "Diese Mission ist zu wichtig, als dass ich es dir erlauben könnte, sie zu gefährden."

App Nr. 1 347 664 664 - Ankerwurf in der Realität: Der Reiseführer Rom - individuell entdecken bietet fünf offizielle Routen durch die Altstadt. Rot, grün, gelb, orange und blau, deren Reichweite und Streckenführung "einen tiefen Einblick in das Stadtleben" geben sollen. Der Reiseführer ist eine 3-D-Story, wie ein Erzähler führt er die Touristen an Gebäuden, Bronzeschildern und Aussichtspunkten vorbei, präsentiert die offizielle Version der Stadtgeschichte, die all die Millionen Touristen mit ihren Füßen lesen und in der Welt verbreiten. Aber hat man nicht manchmal das Gefühl, als ob man durch die touristische Ideallinie an den schönsten Orten vorbeigeführt würde, welche die Einheimischen für sich behalten wollen, als wäre man auf einem Touristenabstellgleis gelandet?

Schon Walter Benjamin beschrieb die Stadt in seiner BerlinChronik als Text, den man mit allen Sinnen lesen müsse. "Die Orte bewahren Erinnerungen für mich auf - die sie nur in meiner Präsenz freigeben. Diese Erinnerungen gehören dem Ort genau wie mir selbst." Benjamin entdeckte diese elektrische Spannung in der Luft, aus der sich jeder Passant etwas herunterlädt, an vielen Orten. Nun hat das Sentiment des Flaneurs eine technologische Entsprechung gefunden. Mit einem Knopfdruck kann man sich in der Kartensoftware des iPhones oder des G1 zusätzliche Informationen einblenden lassen, welche das Datenvolumen von herkömmlichen Karten, Behörden, U-Bahn, Park, deutlich übersteigen. Diese "points of interest" bemerkt man nicht mehr über reale Blechschilder, sondern durch eine unbegrenzte Anzahl an digitalen Pinnnadeln. Die Gebäude einer Stadt, die auf einer Karte nur als anonym-quadratische Form repräsentiert sind, werden mit diesem Werkzeug aufgebrochen, erhalten auf dem Bildschirm eine Identität und werden mit Funktion, Telefonnummer und Webseite ausgewiesen - so beschreibt Google Maps auch die kommerzielle und soziale Dimension eines spezifischen Raums. Der GPS-WLAN-Komplex trägt auf Wunsch alle Viersternehotels einer Stadt in der Karte ein, die nächste Apotheke, interessante Museen und Galerien - das Navi als Live-Life-Radar. Was Sehenswürdigkeiten sind, das bestimmt man freilich selbst.

Sentiment des Flaneurs

Applikationen (oder "App" ) nennt man die Software-Schnipsel, von denen Apple in einem eigens eingerichteten Online-Shop bereits mehr als eine Milliarde verkauft hat und welche die frei im Internet verfügbaren Informationen um den gegenwärtigen Standort des Nutzers anordnen. WikiHood zum Beispiel zeigt alle Lexikoneinträge, die zu dem Ort gehören, an dem man sich gerade aufhält - ein dynamischer personalisierter Reiseführer. Und Around me funktioniert als gelbe Seiten, die nur für diesen einen User, diesen einen Moment in Zeit und Raum, gedruckt werden. Es gibt Immobilien-Apps, mit denen man sich, wenn einem etwa ein Stadtviertel gefällt, alle verfügbaren Mietwohnungen innerhalb eines bestimmten Radius anzeigen lassen kann. Es ist, als sei die Stadt mit kleinen gelben Post-it-Zetteln beklebt. Wenn die Wände reden könnten, wünscht man sich oft. Nun haben sie es gelernt.

Das führt zum paradoxen Effekt, dass der persönliche Navigationsassistent, der dem Nutzer auf seinem Weg von A nach B eine Menge Zeit sparen sollte, ihn eigentlich langsamer macht, weil er in der geöffneten Stadt zeigt, was sich in der Umgebung alles Interessantes versteckt - der Mensch schwimmt in einem Meer aus Symbolen, Anzeigen und Hyperlinks - und lässt sich treiben. Handy und MP3-Player dienten Stadtbewohnern lange Zeit dafür, wie der Stadtsoziologe Georg Simmel heute vielleicht sagen würde, ihre Mitmenschen und reizintensive Umwelt zu ertragen. "Die Indifferenz zu dem, was uns umgibt, ist ein Schutzmechanismus, ohne den die Stadt uns mental zermürben und zerstören würde." Die persönlichen Mediaplayer schienen Indifferenz-maschinen zu sein und bildeten eine Art Blase um den Nutzer herum. So gesehen kann man es verstehen, dass Paul Virilio die Emigration der Menschen auf einen virtuellen "sechsten Kontinent" fürchtete, die dort "in erbärmlicher Abschottung" ein zweites Leben fristen würden.

Aber die Oberfläche der Medien-blase ist längst durchlässig geworden, weist Löcher und Schnittstellen auf. Die Menschen können mit Anwendungen wie GPS Lite ihre Bewegungen in der Stadt automatisch protokollieren, Stecknadeln setzen und so eine "personal map" erstellen - die Kartenproduktion, lange Zeit der Wissenselite, Mönchen und Bürokraten vorbehalten, wird demokratisiert. Und vielleicht ist es auch ein gutes Zeichen, wenn einem auffällt, dass die Menschen wieder öfter in ihre Bildschirme schauen, weil sie sich durch diese GPS-Apps über den Umweg Cyberspace mit ihrer Stadt verbinden. Die hyperlokalen Anwendungen passen in eine Kultur, die sich energieintensive Fernreisen wohl bald abgewöhnen muss und zu lernen hat, sich wieder mit der unmittelbaren Umgebung anzufreunden. Oder, wie es Benjamin schrieb: "Die Kraft der Landstraße ist eine andere, ob einer sie geht oder ob er in einem Aeroplan darüber hinfliegt (...) nur wer die Straße geht, erfährt von ihrer Herrschaft."

IP-Adresse 208.77.188.166 - die geografische Identität: Eine Karte ist die Betriebsanleitung einer Stadt. Bahnhöfe, Buslinien und Autobahnzubringer, Einbahnstraßen, Radwege und verkehrsberuhigte Zonen. Die Linien und Farben der Karte sollen das Verhalten des Lesers steuern, indem sie einige Wege aufzeigen, die frei sind, und andere mit Pixel-Blocks und Symbolen versperren. Von oben, hat Michel de Certeau geschrieben, "sieht eine Stadt immer logisch aus" . Aber unten, auf der Straße, herrschen andere Zustände. Weil Karten so oft ignoriert werden, wie sie beachtet werden, weil die Menschen ihre Trampelpfade und Schleichwege durch die Stadt finden, und dabei die Verkehrsschilder und Nutzungsrichtlinien missachten. Die Praktiker des Alltags, so de Certeau, produzieren zackige, verschwurbelte, unsichtbare Linien, die sich über das gleichförmige Straßennetz ziehen. Jetzt werden sie sichtbar. Es gibt im Netz Jogging-Plattformen, auf denen man seine bevorzugten Laufstrecken einzeichnen und mit der Gemeinde teilen kann, oder man bastelt eine Karte mit den bevorzugten Shopping-Spots. Dieser Input kann uns die Augen öffnen und eine andere Seite der Stadt zeigen, die, neben den Frachtwegen und Lagerhäusern für Menschen und Güter, eben auch ein Netz aus sozialen Beziehungen ist. Wem ist es noch nicht passiert, dass ein Freund in einen neuen Stadtteil zog und plötzlich ein Scheinwerfer auf dieser dunklen Gegend liegt und man Restaurants, Plätze und neue Orte entdeckt. Die Geo-Software stellt viele dieser Scheinwerfer zur Verfügung, wie Folien können verschiedene Leute ihre Stadtroutinen übereinander legen und die Schnittmengen erforschen. Auch eine fremde Stadt betritt nur noch allein, wer es will.

"Biegen Sie hier rechts ab!"

Wenn Menschen telefonieren, so sagen sie nicht mehr: "Wie geht es dir?" , sondern: "Wo bist du?" Sozialbeziehungen haben in der mobilen Welt ein geografisches Wesen angenommen: Wo wohnt man, wo hängt man ab, in welchem Viertel, welchem Kiez? Wobei: Auch diese neue Intro-Frage wird sich bald erledigt haben. Denn immer mehr Smartphones - der Mensch als kleiner, blauer Knopf, der Wellen aussendet - ermöglichen es den Nutzern, ein Peilsignal abzugeben, eine Nonstop-SOS-Meldung, die auf der Map der designierten/registrierten Empfänger auftaucht. Google Latitude heißt zum Beispiel ein Software-Programm, das es Cliquen oder Bürogemeinschaften ermöglicht, die Ortswechsel der Gemeinde mitzuverfolgen. Anstatt ständig auf Twitter auf 140 Zeichen eine Antwort auf die Frage "Was tust du gerade?" zu geben, lässt man lieber den GPS-Chip die Update-Arbeit machen.

Das Smartphone speichert nicht nur unsere Musik, die E-Mails und Kontaktdaten, sondern auch unsere Bewegungen und Lieblingsorte. Diese Daten lässt man im 21. Jahrhundert natürlich nicht einfach faul auf der Festplatte liegen, sondern bereitet sie nutzerfreundlich auf: Unternimmt man zum Beispiel einen Spaziergang in einer fremden Stadt, so kann der Computer eine Empfehlung für Zwischenstopps und Extratouren geben, die auf dem eigenen Bewegungsmuster basieren. Navigation funktioniert plötzlich nach dem Amazon-Prinzip: Menschen, denen das Rijksmuseum in Amsterdam gefallen hat, sind auch an der Münchner Pinakothek der Moderne interessiert, errechnet der Computer, und weist freundlich den Weg.

Das kleine Navi ist zu einem gigantischen Geo-Gedächtnis geworden, das anhand von Wahrscheinlichkeitsmodellen unsere ideale Route durch die Stadt berechnet - der Mensch muss nicht länger überlegen, was er eigentlich so vorhat, sondern wird von seinen gespeicherten Interessenpräferenzen und seiner Konsumgeschichte gleichsam ferngesteuert. "Biegen Sie hier rechts ab" , sagt die Stimme des persönlichen Navigationsassistenten. Man nickt nur kurz - und folgt seinem Datenschatten duldsam hinein in die unbekannte Stadt. (Tobias Moorstedt/DER STANDARD/Album, Printausgabe, 27.6.2009)

  • "Sich in einer Stadt nicht zurechtzufinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, das braucht Schulung"
    Walter Benjamin


    "Von jetzt an bist du dort, wohin dein Blick dich trägt"
    Paul Celan

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Man muss heute nicht mehr an einen Ort reisen, um ihn zu bereisen. Ein Klick katapultiert uns tausende Kilometer weit weg.

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