Viel Häme für das "kulturlose" Dresden

26. Juni 2009, 20:12
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Unesco Österreich wünscht sich Geld vom Bund, Kritik an fehlenderArchitekturdebatte

Dresden/Wien - "Peinlich, Dresden" steht auf den Schildern. Auch Unesco-Fahnen mit Trauerflor sind zu sehen. Als die Unesco am Donnerstagabend in Sevilla ihre Entscheidung bekannt gibt, Dresden wegen des Baus der Waldschlösschenbrücke über die Elbe den Titel Weltkulturerbe wieder abzuerkennen, zeigen rund 300 Menschen in der Dresdner Innenstadt mit einer spontanen Demonstration ihre Bestürzung.

Auch am Freitag kennt Dresden nur ein Thema, wenngleich die Unesco durchblicken lässt, dass sich Dresden ja erneut um den 2004 verliehenen Titel bewerben könne. "Das ist ein schwarzer Tag für das Kulturland Sachsen und Deutschland als Kulturnation", sagt Eva-Maria Stange (SPD), Präsidentin des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz und sächsische Kunstministerin. "Deutschland ist in der Welt blamiert", klagt auch Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates.

Doch es gibt auch die andere Seite. So betont die sächsische CDU-Landtagsabgeordnete Uta Windisch: "Allen Kritikern, die jetzt die Stadt mit Häme überschütten, sei gesagt: Eine Mehrheit der Dresdner will die Waldschlösschenbrücke." Nach Unesco-Auffassung wird diese (noch nicht gebaute) Brücke das Elbtal und die Kulturlandschaft mit ihren Flussauen irreversibel zerschneiden.

Das Prädikat Welterbe sei "für die Fiaker und die Mozartkugeln da", sagt der Wiener Architekt Heinz Lutter. Prinzipiell sei es schon gut, dass es den Titel gebe, "man muss aber auch entsprechend damit umgehen". Lutter: "Es wird immer konservative und progressive Standpunkte geben", aber durch den Welterbetitel finde meist erst gar keine breite Diskussion um Architektur statt. "Die politischen Entscheidungsträger machen es sich dadurch einfach leichter und sagen: ,Es geht eben nicht.'"

"Man muss sich schon fragen, ob es gescheit war, den Titel Weltkulturerbe für die Innenstadt zu beantragen", sagt der Wiener Planungsstadtrat Rudolf Schicker (SP) zum Standard. Aber sein Vorgänger habe es nun mal getan, "und etwas zu verlieren ist immer etwas Negatives". Weshalb er auch nicht daran denke, sich an Dresden ein Beispiel zu nehmen. "Wir können damit umgehen. Und es ist trotz Weltkulturerbe moderne Architektur möglich." Diskussionen werde es aber immer geben. Wie jene um den Neubau des Bahnhofs Wien-Mitte, wo Politik und Bauherren nach Unesco-Kritik einlenkten und das Projekt verkleinert wurde.

Für Innsbruck ist moderne Architektur längst zum Aushängeschild geworden: Das Rathaus von Dominique Perrault, die Sprungschanze und die Hungerburgbahn von Zaha Hadid, der Hauptbahnhof (Riegler Riewe Architekten) und das Tivoli-Stadion von Albert Wimmer. Die Nominierung zum Weltkulturerbe war 2005 unter anderem von der Architektenkammer verhindert worden. Planungsstadträtin Christine Oppitz-Plörer (Für Innsbruck) betont, wie wichtig es sei, die Balance zwischen historischem Erbe und neuer Architektur zu wahren. "Durch den Welterbetitel wird Stadtentwicklung auch behindert."

Was sich Gabriele Eschig von der österreichischen Unesco-Kommission wünscht, ist Geld vom Bund für die acht heimischen Welterbestätten. "In Deutschland wurden 150 Millionen Euro für die Erhaltung der Welterbestätten zur Verfügung gestellt." Geld, um das Dresden jetzt umfällt.(Birgit Baumann Bettina Fernsebner-Kokert Martina Stemmer, DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.06.2009)

  • Schönbrunn, ein Touristenmagnet mit Prädikat.
    fotos: corn, halbe

    Schönbrunn, ein Touristenmagnet mit Prädikat.

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