Ex-Scientology-Mitglied: „Ich war ein Boxsack"

26. Juni 2009, 18:56
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Ehemalige hochrangige Sektenmitglieder in den USA packten über Misshandlungen aus, Scientology dementiert

Palo Alto / St. Petersburg - Wer nicht hören will, muss fühlen. Mike Rinder, ehemaliger Sprecher der Church of Scientology, will von Sekten-Chef David Miscavige bis zu 50-mal mit Fäusten, Fußtritten und Schlägen ins Gesicht attackiert worden sein: „Ich war ein Boxsack." In einem Interview mit der St. Petersburg Times beschuldigt er den „Chairman of the Board" (COB), Untergebene regelmäßig malträtiert zu haben. Der 49-jährige Miscavige hatte Scientology-Gründer L. Ron Hubbard nach dessen Tod 1986 beerbt und herrscht seitdem unangefochten.
Mit seinen Anschuldigungen ist Rinder, der 2007 ausstieg und nun in Denver Autos verkauft, nicht alleine. Die Tageszeitung an der Westküste Floridas brachte gleich vier hochrangige Ex-Scientologen zum Reden. Nicht nur über körperliche Misshandlungen: In Ungnade Gefallene mussten demnach ihre Sünden vor einem Tribunal gestehen, wurden peinlichen „Sicherheits-Checks" unterworfen oder isoliert.

„Schmutz an den Händen"

Marty Rathbun (52) gibt zu, auf Anordnung von Miscavige andere Scientology-Mitglieder körperlich angegriffen zu haben. Laut Rinder war Rathbun der Handlanger von Miscavige. „Ich habe Schmutz an den Händen, und deshalb tue ich, was ich tue", sagte Rathbun. Er verließ nach 27-jähriger Zugehörigkeit 2004 die Organisation, die vorgibt, eine „Gesellschaft ohne Wahnsinn, ohne Kriminelle und ohne Krieg" zu schaffen. Rathbun lebt in Texas und bietet Aussteigern Hilfe an.
Alles Lügen, sagt die Sekte. Rathbun selbst habe eine „Herrschaft des Terrors" ausgeübt. Er sei ein Wichtigtuer, der nach 1993 keine bedeutende Rolle gespielt habe. Allerdings: 1998 war der ehemalige „inspector general" noch Hauptredner bei einem Event, an dem 3000 Scientologen teilnahmen.
Rathbun habe nach eigenen Angaben auch kräftig mitgeholfen, das US-Finanzamt umzustimmen. Das IRS hatte in den 60er-Jahren der Bewegung die Steuerbefreiung aberkannt. In den 80er-Jahren strengten Mitglieder mehr als 2300 Klagen gegen die Behörde an - bis diese schließlich klein beigab. Die acht Millionen Mitglieder weltweit umfassende Sekte darf sich in den USA heute wieder eine steuerbefreite Kirche nennen.
Auch an Rinder, der anfänglich zusammen mit Miscavige nach Hubbards Tod die Kontrolle in der Organisation übernahm, lässt die Sekte kein gutes Haar. Sie stellte der Zeitung Videos zur Verfügung, auf denen Rinder vehement bestreitet, dass Miscavige ihn je geschlagen habe. Die Dissidenten, so das Argument, würden vielmehr mit den Falschaussagen einen Coup vorbereiten, um selbst die Kontrolle zu übernehmen. (Rita Neubauer, DER STANDARD Print-Ausgabe, 27./28.06.2009)

 

 

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