"Unentdeckte Räume der Selbstkritik"

26. Juni 2009, 18:47
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Hans Mommsen, ein führender NS-Forscher, über einen Nationalismus, den es in Deutschland nicht mehr gibt, wohl aber "an den Rändern"

Hans Mommsen, geboren 1930, ist einer der bedeutendsten deutschen Historiker, der sich mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat. Mommsen vertrat dabei die Ansicht, dass man nicht alles auf die beherrschende Persönlichkeit von Adolf Hitler und seinen engsten Komplizen schieben dürfe, sondern er beschäftigte sich mit den Strukturen des Herrschaftsapparats. Zwangsläufig kam er damit auf die Verantwortung des Einzelnen in der NS-Diktatur. In Wien sprach Mommsen kürzlich anlässlich der Emeritierung des bekannten Zeitgeschichtlers Gerhard Botz.

Standard: Herr Professor Mommsen, Sie haben in einem Vortrag am Wiener Institut für Zeitgeschichte die Haltung Hitlers zu Österreich und Wien beleuchtet. Sie bemerkten dabei, dass er sich erst durch die Begeisterung der Österreicher beim deutschen Einmarsch bewegen ließ, sofort eine vollständige Annexion statt einer graduellen Eingliederung durchzuführen.

Mommsen: Die Reaktion der Österreicher, wie sie sich bei dem Linzer Auftritt Hitlers niedergeschlagen hat, trug sicherlich zu Hitlers Entscheidung bei, den Anschluss ganz unverzüglich durchzuführen und keine Zwischenstufen einzubauen. Natürlich wollte er auf lange Sicht die Annexion Österreichs, das ist keine Frage.

Standard: Das Thema verfolgt uns noch immer, zumindest hier in Österreich. Wir haben immer wieder Politiker, die sich verharmlosend und halb bewundernd über den Nationalsozialismus äußern - das wäre in Deutschland nicht möglich (Mommsen nickt). Wir haben einen Dritten Nationalratspräsidenten, der aus dem alten deutschnationalen Lager kommt, das seinerzeit zu den Nazis überging. Warum ist das in Österreich möglich?

Mommsen: In der Bundesrepublik sitzt eben durch die jahrelange Politik zunächst der Alliierten und dann der Bundesrepublik selbst die Kritik des Dritten Reiches so tief, dass es sich nur vergleichsweise wenige leisten wollen, sich da zu exponieren. Dazu kommt das Strafrechtliche - das haben Sie ja hier auch, den David Irving haben Sie eingesperrt, was die Deutschen vielleicht gar nicht einmal mehr gemacht hätten. Insofern muss man den Vergleich auch nicht zu intensiv führen.

Standard: Wir haben aber doch ein starkes deutschnationales Element, das durch diesen Nationalratspräsidenten symbolisiert wird - er hat erklärt, er sei das Aushängeschild des rechten akademischen Lagers.

Mommsen: Liegt das auf der Linie einer allgemeinen nationalistischen Regeneration in Mitteleuropa bzw. in Südosteuropa? Österreich würde da keine besondere Ausnahme bilden. Deutschland ist schwer in den Vergleich hineinzubringen, weil derzeit die NPD-Nachfolge, die Rechtsextremen, politisch eher insignifikant ist. Das kann sich aber auch ändern. Die Grundaussage ist natürlich, dass der deutsche Nationalismus durch die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges gebrochen ist und daher sich sozusagen in Reinkultur nicht wieder bilden kann, während an den Rändern - und ich würde Österreich dazurechnen - so etwas noch, wahrscheinlich in dieser Generation, möglich ist. Ich vermute, dass sich das irgendwann ändert.

Standard: Wenn Sie Mittel- und Südosteuropa erwähnen, haben nationalistische Tendenzen und auch rassistische Angriffe, z. B. gegen die Roma in Ungarn, der Slowakei und Tschechien, eine gewisse Konjunktur. Das erinnert doch an die Dreißigerjahre. Lernen die Menschen nichts?

Mommsen: Es sieht so aus. Ich meine, es liegt daran, dass die Parteiensysteme sich unter großen strukturellen Änderungen umbilden. Dass kleinere Splitterparteien unter den Bedingungen der Krise höhere Resonanzmöglichkeiten haben, das fällt auch in der Bundesrepublik auf. Die lagen vorher unterhalb der Reizschwelle. Bei den Europawahlen gab es mehr als 30 Parteien, da findet eine Auffächerung statt hin zu extremen Flügeln, die mit der Umschichtung des Parteiensystems und mit der Verringerung der Integrationskraft der führenden Parteien einhergeht.

Wo das jetzt herkommt, ist nicht so leicht zu beantworten. Anlässlich von 60 Jahren Bundesrepublik sind wir sehr stolz auf das Grundgesetz und die stabile Demokratie. Aber wir haben das Problem, dass die ganze Demokratie Adenauers sehr an ein Zweieinhalb-Parteien-System gebunden war: mit zwei Großparteien, CDU/CSU und SPD, sodass den beiden Parteien die Funktion der Kanzlerwahl zufiel. Jetzt plötzlich haben die keine Mehrheiten. Damit tritt diese Funktion in den Hintergrund; stattdessen konzentrieren sie sich drauf, die partikularen Interessen ihrer jeweiligen Klientel zu bedienen. Eine ähnliche Entwicklung haben Sie ja auch hier.

Standard: Der unreformierbare Staat der Interessengruppen ...

Mommsen: Insofern kann man ja hoffen, dass es gelingt, dann doch vielleicht unter der Bedrohung durch undemokratische Mächte das demokratische System wieder zu intensiverem Leben zu bringen. Aber in der Geschichte gibt es keine großen Beispiele dafür.

Standard: Zum Thema Geschichte. Der Nationalsozialismus ist vermutlich die am besten erforschte Geschichtsperiode jemals.

Mommsen: Ist er sicher.

Standard: Wann ist dann Schluss?

Mommsen: Es gibt sicher eine Reihe von Möglichkeiten, die noch nicht ausgeschöpft sind, vor allem wenn man an die Akten in den Ostblockländern und in der ehemaligen Sowjetunion denkt. Da ist noch eine ganze Menge zu tun. Es ist aber wohl doch so, dass die zentrale Bedeutung des Dritten Reiches in der Geschichtswissenschaft abnehmen wird.

Standard: Andererseits ist festzustellen, dass man neuen Generationen die Basics der Geschichte immer wieder von neuem erklären und erzählen muss. Es ist alles erforscht bis zur Bahnverladestelle irgendwo in Deutschland, aber das große Warum und das Wie muss man anscheinend doch immer wieder neu erzählen.

Mommsen: Richtig. Ich glaube, dass das Wie besser erzählt werden muss als bisher. Weil man bei den nächsten Generationen nicht mit diesen einfachen ideologischen Erklärungen anmarschieren kann. Ich sage seit vielen Jahren, es ist völlig unmöglich, zu erklären, das Ganze ist passiert, weil Hitler diesen Charakter hatte. Das genügt nicht! Es gibt noch Räume der Selbstkritik, die noch ganz unentdeckt sind.

Standard: An welche denken Sie da? Das klingt jetzt sehr spannend.

Mommsen: Die unteren und die mittleren Ränge des Regimes. Denken Sie an die Korruption in der Nähe der NSDAP, die viel zu wenig erforscht ist. Es müsste dabei rauskommen, dass dieses NS-Regime und die Ableger in den besetzten Gebieten durch ein extrem hohes Maß an Korrumpierung am Leben gehalten wurden. In diesem Klima wachsender Korruption konnte moralischer Widerstand nicht gedeihen. Eine allgemeine Skepsis über die Verhältnisse hat alle anderen Möglichkeiten erstickt.

Standard: Mit andern Worten: Wenn alle verstrickt sind, hat es keinen Sinn, Widerstand zu leisten. Nähern Sie sich da Götz Aly ("Hitlers Volksstaat") an, der ja sagt, dass das NS-Regime das Volk mit Sozialleistungen bestochen hat, die durch Raub an den Juden und den besetzten Völkern finanziert wurden?

Mommsen: Aly hat schon Recht, diese Bestechung gab es. Aber er tendiert auch dazu, die Unterdrückungsmechanismen des nationalsozialistischen Systems zu unterschätzen, die ja dazu führen, dass eine normale Kommunikation, eine öffentliche Debatte nicht möglich ist. Das macht ein Individuum natürlich wehrlos.

Standard: Wann werden die stalinistischen Verbrechen ebenso genau erforscht sein wie die nationalsozialistischen?

Mommsen: Das kann ich nicht beantworten. Das Problem ist, dass im Moment die Entwicklung genau umgekehrt läuft. Jetzt versucht man in Russland, mit einer offiziellen Regierungskommission die stalinistischen Verbrechen als große historische Periode der russischen Geschichte zu überdecken. Ich muss sagen, das ist ein verhängnisvoller Irrweg. Wenn sich der wirklich als Tendenz in Russland durchsetzt, dann dauert es noch Jahrzehnte. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28. 6. 2009)

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