Zum Networking bei Louise Bourgeois

26. Juni 2009, 18:44
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Immer sonntags um drei stellen KünstlerInnen aus aller Welt bei der welt-berühmten Bildhauerin Louise Bourgeois ihre Arbeiten vor - Der Jour fixe ist ein offenes Geheimnis in der New Yorker KünstlerInnenwelt

Sonntagnachmittag, die 20th Street im hippen Galerienviertel Chelsea. Ein Dutzend junger Menschen hat sich vor einem roten Backsteinhaus mit der Nummer 347 eingefunden und schwatzt, was das Zeug hält. Die Pariserin Nora Herman war bei einem Museumsbesuch, als plötzlich ein Mann auf sie zukam und fragte, ob sie eine französische Künstlerin sei - denn dann müsse sie unbedingt Louise Bourgeois treffen. "Er hat mir sein Handy gegeben", sprudelt es aus Nora hervor, "und was glauben Sie: Louise hat tatsächlich abgehoben und gesagt: Kommen Sie Sonntag drei Uhr!"

Nicht dass man Kontakte bräuchte, um bei Louise Bourgeois eingeladen zu werden. Ihre Nummer steht im New Yorker Telefonbuch, man muss sich nur anmelden. Der Maler David war schon ein paar Mal im Salon. Er versucht, die anderen zu beruhigen. Manche haben gehört, dass die Meisterin ihre Gäste mitunter richtig auseinandernimmt. "Sie interessiert sich für dich, egal, was du machst", beteuert David, "aber sie erwartet, dass auch du dich für die anderen interessierst!" Ein paar Mal hat der Maler Salonteilnehmer erlebt, die bloß eine große Show abziehen wollten. "Das mache Louise richtig böse", warnt er, fügt aber beschwichtigend hinzu, "doch du musst dich schon wirklich danebenbenehmen!"

Sanfter könnte sie tatsächlich nicht sein. "Roses are red, violets are blue, honey is sweet, and so are you": Louise Bourgeois lockert den Salon gleich zum Auftakt mit einem Kinderreim auf. Die 97-Jährige sieht genauso aus, wie man sich eine verschmitzte Großmutter vorstellt: Sie trägt eine rosa Wollmütze, dazu graue Pantoffeln und greift immer wieder zu den Schokoladenpralinen, die vor ihr auf dem Wohnzimmertisch liegen. Als der Naschbedarf gestillt ist, wirft sie einen erwartungsvollen Blick in die Runde: Wer macht den Anfang?

"Very good"

Die Französin Nora springt von ihrem Klappstuhl auf, passiert die mit Zeichnungen vollgekleisterten Wohnzimmerwände und setzt sich zu Louise Bourgeois an den Tisch. Sie erzählt, dass sie in New York ist, weil sie einen Preis von der Pollock-Krasner Foundation bekommen hat. Die Gastgeberin registriert, dass sie es mit einer Landsfrau zu tun hat, und schaltet auf Französisch um: Sie will Arbeiten sehen. Nora zeigt Abbildungen von ihren Skulpturen und Kupferstichen. Ein mit riesigen Kieselsteinen bestücktes Ruderboot hat es Louise Bourgeois angetan. Die Bildhauerin, die ihrem amerikanischen Ehemann 1938 auf die andere Seite des Atlantiks folgte, glaubt zu verstehen, was dahintersteckt: Nora habe die Idee des Weggehens ausdrücken wollen. "Very good", murmelt sie.

Der Rückfall ins Englische bedeutet, dass jetzt jemand anderer dran ist. Kika Karadi zeigt eine Leinwand, die sie bei der Prager Biennale ausstellen durfte und auf der sie alles verarbeitet hat, was Farbe hergibt: Tusche, Tinte, Öl, Lippenstift. Louise Bourgeois ist beeindruckt, denn auch sie verwendet gern verschiedenste Materialien in ihren Werken. Dennoch schlägt die Bewunderung der Meisterin plötzlich in Unmut um, weil Kika Karadi nicht sagen kann, was ihr Gemälde darstellt. Die Ungarin schwadroniert über Licht, Wellen, Mikrowellen und Katzen. "Das macht doch alles keinen Sinn!", schimpft Louise Bourgeois. Kunst sei erst dann Kunst, wenn eine Idee dahinterstecke.

Was ist Kunst? Und wann? - Bei den Teilnehmern artet die Fragestellung in einen phrasendreschenden Dauerstreit aus. Einer meint, alles, was man in eine Galerie stelle, sei Kunst. Ein anderer lehnt das strikt ab, dann könnte er sich ja gleich selbst in eine Galerie stellen und sagen: "Ich bin Kunst!". Louise Bourgeois wirkt gelangweilt, ihre hellblauen Augen schweifen abwesend durch den Raum und fokussieren erst wieder, als ein junger, dunkelhaariger Mann auf dem Sofa das Wort ergreift.

Es stellt sich heraus, dass er ein Sammler ihrer Werke ist und bei einer großen Investmentbank an der Wall Street arbeitet. "Aber damit möchte ich Sie nicht langweilen", sagt er. Doch Louise Bourgeois lässt nicht locker. "Ich wollte immer schon wissen, wie ihr mit dem Geld jongliert", freut sie sich und gibt schmunzelnd zu, dass sie so manche schlaflose Nacht im Bann der multimedialen Finanzberichterstattung bei Bloomberg TV verbringt.

Draußen vor dem Fenster heult eine Polizeisirene auf. Gina Mauro zeigt einen Vogelkäfig, den sie aus Kleiderbügeln zurechtgebogen und mit Plastikblumen ausgeziert hat. Die 23-Jährige überlegt nach Europa zu gehen, weil ihre Arbeiten sich dort vielleicht besser verkaufen. Louise Bourgeois schüttelt den Kopf. Sie selbst sei nie nach Paris zurückgekehrt, weil New York den Künstlern so viel mehr Freiheiten lasse: "Hier gibt es weniger Vorurteile, man lässt dich in Ruhe, wenn du anders bist!" Aber das Leben sei so schrecklich teuer hier, wirft Gina ein, "manchmal würde ich am liebsten alles hinschmeißen".
"Pseudokünstler"

Louise Bourgeois verrät nicht, ob sie selbst je an diesem Punkt war. Stattdessen erzählt sie von Paris, wo sie einen Studentenjob als Fremdenführerin im Louvre hatte. Sie ärgert sich bis heute über die "Pseudokünstler", denen sie dort begegnete: "Jeden Tag saßen die malend vor der Mona Lisa, und wenn ich abends nach Hause ging, standen sie am Montmartre und verkauften ihre schändlichen Kopien!"

Um 19 Uhr ist Schluss. Die Gastgeberin bedankt sich noch einmal bei denen, die ihr Schokoladenpralinen mitgebracht haben - es ist das einzige Präsent, das sie von ihren Besuchern annimmt. Dann wird die gesammelte Mannschaft hinauskomplimentiert. Draußen auf dem Bürgersteig lassen die Salonteilnehmer noch einmal alles an sich vorüberziehen.

Alle wundern sich, dass Louise Bourgeois gar nicht mehr über ihre traumatischen Kindheitserfahrungen reden mochte: Sie scheint das schwierige Verhältnis zu ihrem Vater, aus dem viele ihrer Kunstwerke entstanden sind, endlich abgehakt zu haben.

Der Maler David will unbedingt wieder in den Salon kommen. Er spricht vom "Mythos des Künstlers", wie ihn Vasari einst formulierte, von diesem fast manischen Verlangen, sein großes Vorbild ganz zwischenmenschlich in den eigenen vier Wänden erleben zu wollen. "Aber ich komme nicht nur wegen Louise", gibt er zu, "du triffst hier auch jede Menge Kollegen und Mäzene: Das ist das ultimative Networking-Event!"

Tatsächlich gibt es Galerien in New York, die immer wieder einmal Künstler ausstellen, die bei Louise Bourgeois ihre Arbeiten gezeigt haben. Oft sind auch einflussreiche Vertreter von führenden Museen und Kunstmessen im Salon zugegen. Robert Storr ist Stammgast und ein enger Vertrauter von Louise Bourgeois: Der Senior-Kurator für Malerei und Skulptur im Museum of Modern Art schreibt zurzeit ihre Biografie.
Nachwuchstalente fördern

Auch Paolo Herkenhoff, Chefkurator der São Paulo Biennale 1998, lässt es sich nie nehmen, der großen Künstlerin sonntags einen Besuch abzustatten, wenn er in New York ist. Er sagt, dass er von Louise Bourgeois lernen will, wie man mit Nachwuchstalenten umgeht: "Für mich geht es darum herauszufinden, wie sie jedes Mal eine eigene Welt von Beziehungen knüpft. Wie sie die Kreativität der Gäste fördert und anregt. Wie sie die künstlerische Stimme der Einzelnen fordert, die manchmal völlig im Verborgenen liegt."

Kika Karadi gibt zu, dass sie vorher noch nie in einem Salon war. Die Ungarin fühlt sich, als sei sie vier Stunden in einer anderen Welt gewesen: "Dieser Nachmittag war ein extrem intensives Erlebnis!", schwärmt sie. Natürlich hätte Kika sich über ein Lob der Meisterin gefreut, doch sie ist dankbar für die Lektion: "Ich habe immer einfach so drauflos gemalt", gibt sie zu, "doch jetzt weiß ich, dass ich meine Arbeiten auch hinterfragen muss!" Und vielleicht ist es gerade das, was den Salon von Louise Bourgeois ausmacht: Ehrlichkeit ohne jegliche Ironie. Ganz gleich, ob die präsentierten Arbeiten stark oder schwach sind, sie werden ernst genommen. (Beatrice Uerlings aus New York, DER STANDARD/Printausgabe 27.6./28.6.2009)

 

ZUR PERSON

Louise Bourgeois wurde am 25. Dezember 1911 in Paris geboren, seit 1938 lebt und arbeitet sie in New York. Heute zählt sie zu den international renommiertesten Künstlerinnen der Gegenwart. Der Kunstkompass 2009, der weltweit die am meisten beachteten zeitgenössischen Kunstschaffenden bewertet, listet sie auf Platz dreizehn, und damit ist sie die erfolgreichste Frau in diesem Ranking. In ihren Werken verwendet sie Materialien wie Holz, Bronze, Stahl, Gips, Latex, Kunststoff, Stoff. Es entstanden sowohl fein ausgearbeitete figürliche Plastiken als auch raumgreifende Installationen.

  • Die renommierte Künstlerin Louise Bourgeois lädt regelmäßig junge Nachwuchstalente in ihre Wohnung in New York City.
    foto: © robert mapplethorpe foundation

    Die renommierte Künstlerin Louise Bourgeois lädt regelmäßig junge Nachwuchstalente in ihre Wohnung in New York City.

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