Prognose-Kapriolen

26. Juni 2009, 17:53
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Jede Wirtschaftsprognose, die heute gemacht wird, kann morgen schon ohne Wert sein - Von Leo Szemeliker

Es gibt im Druckereiwesen das schöne Wort Makulatur. Es bezeichnet wertloses, weil fehlerhaft bedrucktes Papier, stammt vom lateinischen Wort "macula", das "Fleck" bedeutet. Jede Wirtschaftsprognose, die heute gemacht wird, kann morgen schon ohne Wert sein. Die Vorhersagen der Wirtschaftsforschungsinstitute schlagen derzeit Kapriolen wie das Wetter. Jene vom Frühjahr sind auf jeden Fall Makulatur. Entwertet wurden sie von den eigenen Schöpfern, die ihre damalige BIP-Schrumpfungsprognose - Wifo: minus 2,2 Prozent, IHS: minus 2,7 Prozent - auf heute minus 3,4 und minus 4,3 Prozent revidierten.

Welche Sicherheit hat man, dass dies der Wahrheit entspricht? Eigentlich: keine. Das Jahr ist zwar fortgeschritten, das erste Quartal war in der Industrie und im Export, noch nicht im Konsum, nachweisbar ein Horror. Der Absturz in der ersten Jahreshälfte wird sich wohl auf das Gesamtjahr auswirken. Es gebe aber auch Anzeichen für die Stabilisierung ab Herbst, heißt es. So wird es sein. Oder auch ganz anders - etwa, wenn es in Osteuropa einmal richtig kracht.

Der Wirtschaftsweise von heute steckt im Dilemma: Malt er allzu realistisch in tiefem Schwarz, werden Politik und Wirtschaftslobby unleidlich - das Wifo bekommt weniger Geld von der Industrie, die Regierung fällt über das IHS her, beides wegen Überlegungen zu Steuererhöhungen. Versucht sich der Ökonom hingegen in angepasst braver Prognose-Poesie, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, er rede alles schlecht, dann riskiert er seine Glaubwürdigkeit. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.6.2009)

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