Iraner zwischen Spannung und Erschöpfung

26. Juni 2009, 17:57
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Bis zur offiziellen Bekanntgabe des Wahlergebnisses haben Regime und Opposition noch etwas Zeit den endgültigen Bruch zu verhindern - Auf keiner Seite ist ein Einlenken abzusehen

Teheran/Wien - Jede Seite hat ihre eigene Interpretation: Dass mehr als eine Million iranischer Studienanfänger am Donnerstag ordnungsgemäß zu ihren Aufnahmsprüfungen antraten, sehen manche Beobachter als Zeichen, dass der revolutionäre Wille im Iran bei den gebildeten Jugendlichen nicht sehr stark ist und deshalb wieder Ruhe einkehrt. Andere machen den Umkehrschluss: Momentan sind die Energien der Studenten und Studentinnen durch Prüfungen gebunden, danach werden sie sich wieder dem Aufstand widmen.

Ebenso ist es unklar, wie sich die Sommerferien auf den Unis auswirken werden: Einerseits werden weniger junge Leute in Teheran und den anderen Großstädten sein, andererseits werden die in die Provinzen heimkehrenden Studenten die Unruhe - und die Berichte über die Brutalität der Behörden - nach Hause mitnehmen.

Von den Schlichtungsversuchen, die hinter den Kulissen laufen, wissen die Iraner und Iranerinnen, bekommen aber nur wenig Fakten mit. Manche warten noch immer darauf, dass Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, der seit den Wahlen am 12. Juni nicht mehr öffentlich aufgetreten ist, wie ein Deus ex machina erscheint und eine Lösung präsentiert - etwa, dass es ihm gelingt, den Expertenrat, dem er ja vorsitzt, ganz auf seine Seite zu ziehen, das heißt auf die Seite des offiziellen Wahlverlierers Mir-Hossein Mussavi, der noch immer eine Annullierung der Wahlen fordert. Rein theoretisch könnte ja der Expertenrat den religiösen Führer sogar absetzen.

Aber auch jene, die das für wenig realistisch halten, sagen, dass, wenn sich Rafsanjani zu Wort meldet, das wie eine Bombe einschlagen wird. "Wir wissen genau, er ist da, auch wenn man jetzt nichts offiziell von ihm hört" , sagt ein Teheraner zum Standard.

Angeblich hat Rafsanjani einige Tage in Ghom verbracht, um den - ohnehin gespaltenen - schiitischen Klerus in seinem Sinn zu bearbeiten. Das Dementi dieser Berichte nimmt niemand ernst. Jetzt soll er wieder in Teheran sein, seiner Arbeit normal nachgehen, wie es heißt. Rafsanjani ist ja auch Vorsitzender des Schlichtungsrates, der ebenfalls als mögliches Gremium, das im Konflikt vermitteln könnte, genannt wurde. Der Wächterrat bleibt indes weiter bei seiner Entscheidung, dass es keine substanzielle Fälschung der Wahlen gegeben hat.

Die Zeit wird jedoch knapp - am Montag soll ja das offizielle Wahlergebnis, das Amtsinhaber Mahmud Ahmadi-Nejad zum überragenden Sieger macht, verkündet werden.

Beobachter sprechen von einer "Ermüdung" beider Seiten. Die "Allahu Akbar" -Rufe von den Dächern Teherans werden aber keineswegs leiser, es mischen sich immer auch "Tod dem Diktator" -Stimmen darunter. Für Freitagabend kündigten die Mütter von bei der Demonstration getöteten Personen eine Kundgebung an: Mit weißen Gewändern bekleidet, wollten sie sich im Laleh-Park treffen. Zu Ehren der getöteten Neda Agha Soltan sollten von verschiedenen Plätzen massenweise Luftballons losgelassen werden.

Todesstrafe

Beim Freitagsgebet in Teheran lieferten jedoch die Radikalen einen beeindruckenden Auftritt. Ayatollah Ahmad Khatami (nicht zu verwechseln mit Expräsident Mohammed Khatami) forderte die Justiz auf, jene, die sich dem islamischen Staat entgegenstellen, gnadenlos zu bestrafen. Er bezichtigte die Demonstranten eines Delikts, auf das die Todesstrafe steht.

Von den 70 Universitätsprofessoren, die nach einem demonstrativen Besuch bei Mussavi festgenommen wurde, waren am Freitag 68 wieder auf freiem Fuß. Es herrscht im Moment eher der Eindruck, dass das Regime vor einer weiteren Eskalation zurückscheut.

Wie stets in den letzten Tagen ist jedoch kein zuverlässiger und umfassender Lagebericht möglich - alle iranischen Medien unterliegen strenger Zensur, und es gibt keine unabhängige ausländische Berichterstattung aus dem Iran. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.6.2009)

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    Regimeanhänger bei der Predigt des radikalen Ayatollah Ahmad Khatami: Er verlangte die Todesstrafe für die Demonstranten gegen den islamischen Staat.

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