"Wir dürfen nicht im eigenen Saft braten"

26. Juni 2009, 17:41
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ÖGB-Frauenchefin Brigitte Ruprecht will endlich gleiche Einkommen für alle - Dafür brauche es Transparenz der Gehälter und notfalls Geldstrafen auch für Betriebe, die Frauen benachteiligen

Brigitte Ruprecht ist seit einem Monat Frauenchefin im ÖGB. Die Forderung ihrer Parteikollegin Gabriele Heinisch-Hosek, Betriebe ab 25 MitarbeiterInnen müssten ihre Gehälter offenlegen und bei unfairer Bezahlung der Mitarbeiterinnen mit Sanktionen belegt werden, teilt sie uneingeschränkt. Warum der Gewerkschaftsbund kein Männerverein ist und das Parlament keiner bleiben darf, erklärt sie im dieStandard.at-Interview.

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dieStandard.at: Frauenministerin Heinisch-Hosek will die Gehälter in Betrieben offenlegen und jene, die Männer und Frauen ungleich bezahlen, mit Geldstrafen sanktionieren. Aus ÖVP und Wirtschafskammer kommt Widerstand. Läuft es auf den Kompromiss hinaus: Offenlegung ja, Sanktionen nein?

Ruprecht: Das ist offen. Ich finde den Vorschlag der Ministerin super. Mit drei Rufzeichen. Es geht genau in die Richtung, die wir ÖGB-Frauen seit Jahren fordern.

dieStandard.at: Allerdings war nicht nur die ÖVP dagegen, sondern auch Rudolf Hundstorfer, Sozialminister mit großer ÖGB-Vergangenheit, reagierte abwartend. Hätten Sie sich da mehr Rückenwind in der SPÖ erwartet?

Ruprecht: Dass man sich solche Vorschläge einmal überlegen muss, soll jedem zugestanden werden. Ich sehe trotzdem sehr viel Rückenwind für die Ministerin. Auch wenn der Rudi Hundstorfer als "alter" Gewerkschafter erst einmal schnuppert: Das wird sich noch ändern. Transparenz ist ein wichtiges Instrument, und Strafen werden dann folgen, wenn die Betriebe nach zwei Jahren den Zustand nicht ändern.

dieStandard.at: Geht es nach manchen Interessensvertretern, gibt es ohnehin keine Problem. Wirtschaftskammerpräsident Leitl sagte im März, ihm sei "bisher kein Betrieb untergekommen, wo eine Kraft weniger Gehalt bekommt, nur weil sie eine Frau ist".

Ruprecht: Ist klar, dass er das so sagen muss. Es gibt aber schon Unternehmen, die sagen: Wir haben keine Liebkinder mehr, wir geben unsere Gehälter bekannt. Die sagen: Ja, das wäre ein guter Vorschlag, weil es tatsächlich noch so ist, dass Frauen weniger verdienen als Männer.

dieStandard.at: Jetzt hört man aber aus der Wirtschaft, auch von Unternehmerinnen, das sei nicht praktikabel und viele Jobs seien gar nicht miteinander vergleichbar: wegen Arbeitszeit, Ausbildung und Engagement der MitarbeiterInnen. Klappt die Vergleichbarkeit überhaupt?

Ruprecht: Ja, freilich. Wir hätten dadurch auch endlich einmal ein Umdenken. Wenn man weiß, was für einen Arbeitsplatz bezahlt wird, kann man sich fragen: Warum sind die besser bezahlten meistens mit Männern besetzt - und die anderen mit Frauen. Wenn ich einmal einen solchen Vergleich habe, wird sich viel auflösen.

dieStandard.at: Sie wollen ja "systematische Arbeitsbewertungen". Wie soll das ausschauen und wer soll das machen?

Ruprecht: Das ist Sache der Sozialpartner. Nehmen wir die Friseurin und den Mechaniker. Sie verdient nach der Lehre im ersten Jahr 1.100 Euro brutto, er kommt auf mindestens 1.700 Euro brutto. Das ist ein Unterschied, der durch nichts gerechtfertigt ist. Beide müssen eine Lehre machen, es machen sich auch beide die Finger dreckig. Alles ziemlich gleich, das Gehalt aber nicht. Es ist nicht gerecht, dass typische Frauenberufe in Österreich weniger wert sind.

dieStandard.at: Wobei die Löhne für MechanikerInnen und FriseurInnen zum Beispiel das Ergebnis einer langen sozialpartnerschaftlichen Tradition sind.

Ruprecht:  Das heißt aber nicht, dass langjährige Traditionen nicht irgendwann einmal aufgebrochen werden müssen.

dieStandard.at: Kritiker sagen: Bei Ungerechtigkeiten haben Frauen ja auch heute schon Möglichkeiten: Arbeiterkammer und Gleichbehandlungsanwältin helfen. Ob zwei gleiche Jobs ungleich bezahlt werden, sollten das nicht Gerichte entscheiden?

Ruprecht: Das Problem ist, dass ich's ja jetzt nicht weiß, was mein Kollege verdient. Bei uns ist das ja ein gut gehütetes Geheimnis. Erst wenn ich das weiß, merke ich, dass ich ungleich behandelt werde.

dieStandard.at: Eine weitere These sagt: Sanktionen würden Frauen sogar schaden, denn Betriebe werden sich vor drohenden Strafen schützen, indem sie in manchen Ebenen erst recht keine Frauen einsetzen.

Ruprecht: Das Argument der Bedrohung kommt immer. Wenn wir jetzt im Kollektivvertrag drei Prozent Lohnerhöhung durchsetzen, gehen angeblich die Betriebe in Konkurs. Ich nehme das nicht wirklich ernst.

dieStandard.at: Können gleiche Löhne nur durch gesetzlichen Druck erreicht werden?

Ruprecht: Nicht ausschließlich, aber es geht manchmal nicht ohne ihn.

dieStandard.at: Mehr als die Transparenz scheint Ihre GegnerInnen ohnehin die Möglichkeit von Sanktionen zu stören.

Ruprecht: Ich weiß nicht, ob das nicht auch so ein österreichisches Phänomen ist, dass wir lieber freiwillig etwas machen als unter Strafandrohung. Allerdings wenn man manche Dinge nicht sanktioniert, dann geht halt auch nichts weiter. Da stellen wir jetzt die Rute ins Fenster.

dieStandard.at: Männliche Angestellte fürchten sich teilweise angeblich schon, ihnen werde etwas weggenommen, um die Einkommen anzugleichen. Droht in der Krise nicht die Anpassung nach unten?

Ruprecht: Das würde der Wirtschaft, glaub' ich, gut gefallen. Einer Gruppe was wegzunehmen und das umzuverteilen, wäre Unsinn. Wenn ich jetzt meinem Lebensgefährten etwas wegnehme und dadurch was dazubekomme, hat niemand was davon. Es gehört nach oben hin angepasst.

dieStandard.at: Auch heute verdienen Frauen in Österreich im Durchschnitt immer noch ein gutes Viertel weniger als Männer. Bis auf Herbert Haupt und wenige andere leiteten das Frauenministerium meist SPÖ-Frauen. Ist zu wenig getan worden?

Ruprecht: Man kann nie genug tun. Frauenministerin Heinisch-Hosek bezieht aber auch andere Ressorts mit ein, zum Beispiel Gesundheit. Sie bringt sich auch in anderen Ressorts ein. Wir bringen mehr weiter, wenn wir nicht nur im eigenen Saft braten.

dieStandard.at: Ihre Vorgängerin als ÖGB-Frauenchefin, Renate Csörgits, hat zum Abschied gesagt: "Die Einkommensentwicklung hat sich leider nicht so entwickelt, wie es unser Wunsch war." Ist das nicht ein verheerendes Eingeständnis?

Ruprecht: Nein, weil ich nicht eine Person oder eine Gruppe dafür verantwortlich machen kann, dass woanders nichts weitergegangen ist.

dieStandard.at: Aber die Einkommen sind ja eines Ihrer ganz zentralen Anliegen.

Ruprecht: Ja, freilich. Unser oberstes Ziel ist Einkommensgerechtigkeit. Wenn es dort immer wieder Widerstände gibt und wir in der Frauenarbeit nicht weiterkommen, kann man uns dann nicht verantwortlich machen.

dieStandard.at: Renate Csörgits wurde ja vorgehalten, dass sie nicht wusste, wie viel sie verdient. Wissen Sie es?

Ruprecht: Ja, ich kann Ihnen sogar meinen Lohnzettel zeigen. Es sind 4.412 Euro brutto, das sind 2.609 netto. Das ist alles drin: auch Überstundenpauschale und Vorstandszulage.

dieStandard.at: Ist die Gewerkschaft nicht selbst ein Männerverein, sieht man sich die oberste Ebene und die Zahl der Betriebsräte an?

Ruprecht: Die Gewerkschaft ist weder ein Männer- noch ein Frauenverein. Wir treffen uns ja nicht zum Kaffeetrinken. Wir setzen uns für die Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ein.

dieStandard.at: Mittlerweile gibt es eine Quote im ÖGB, die sagt: Ein Drittel der Mitglieder sind Frauen, dieser Anteil muss sich auch in den Gremien spiegeln. Kann man das so umrechnen? In den Supermarktketten machen die Frauen deutlich mehr als zwei Drittel des Personals aus. Deren Vorstände sind dann trotzdem fast ausschließlich männlich.

Ruprecht: Gehört auch geändert.

dieStandard.at: Sind Ihre 33, 34 Prozent nicht noch immer zu wenig?

Ruprecht: Wir haben eben gesagt: Die Gewerkschaft hat jetzt 34 Prozent weibliche Mitglieder. Diese Quote wollen wir auch in den Gremien - mindestens. Wenn ich mir das Parlament anschaue: Da haben wir 52 Prozent Wählerinnen. Dann heißt mein Vorschlag: Es müssen 52 Prozent der ParlamentarierInnen weiblich sein.

dieStandard.at: Dann müssten Sie den Parteien vorschreiben, wie sie ihre Listen besetzen.

Ruprecht: Zum Beispiel. Da hätte ich überhaupt kein Problem damit.

dieStandard.at: Was bedeutet Feminismus für Sie?

Ruprecht: Dass sich Frauen ihres Wertes bewusst sind, dass sich Frauen auch für andere Frauen einsetzen, für Grundrechte. Es bedeutet auch, sich nicht irgendwie runtermachen lassen, gleichberechtigt und eigenständig zu leben. Das Leben muss mindestens genauso gut sein wie das eines Mannes. (Lukas Kapeller, dieStandard.at, 26.6.2009)

Zur Person

Brigitte Ruprecht, Jahrgang 1963, begann ihre Karriere als Großhandelskauffrau bei einer Linzer Stahlfirma. 1994 wechselte sie als Landesfrauensekretärin zur oberösterreichischen Gewerkschaft. Im selben Jahr rückte sie auch in den Frauenvorstand der SPÖ Oberösterreich. Am 3. Juni dieses Jahres wurde sie mit 81,68 Prozent der Stimmen an die Bundesspitze der ÖGB-Frauen gewählt.

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    Foto: Helmut Fohringer, APA

    Wenn FriseurIn und MechanikerIn nocht immer nicht dasselbe verdienen, "müssen auch langjährige sozialpartnerschaftliche Traditionen einmal aufgebrochen werden", sagt ÖGB-Frauenchefin Ruprecht.

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