Arzneimittelabhängigkeit betrifft Millionen

26. Juni 2009, 17:37
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Tranquilizer, aufputschende Substanzen, Schmerzmittel - Häufig ältere Menschen betroffen

Wien - In einzelnen Medienmeldungen wurde am Freitag ein - möglicher - Zusammenhang zwischen dem Tod von Michael Jackson und der Einnahme von verschiedenen verschreibungspflichtigen Arzneimitteln hergestellt. Missbrauch und Abhängigkeit von Medikamenten betreffen jedenfalls Millionen Menschen, viel mehr als die Abhängigkeit von illegalen Substanzen. Die Behandlung einer Abhängigkeit - vor allem von Tranquilizern - ist schwierig.

"Es gibt keine verlässliche Zahl. Die Schätzungen für Österreich lauten auf 100.000 bis 120.000 Arzneimittelabhängige in Österreich. Davon ist der problematische Gebrauch von Medikamenten zu unterscheiden. Abhängigkeit ist durch die Kriterien von Craving (Verlangen, Anm.), Kontrollverlust, Toleranzentwicklung, körperliche Entzugserscheinungen, psychische Abhängigkeit, Einnahme trotz des Wissens über die Schädlichkeit und zunehmende Zentrierung des Lebens auf das Suchtmittel definiert", erklärte Michael Musalek, ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts in Wien. Jedenfalls ist diese Problematik in Österreich drei- bis viermal größer als jene des problematischen Drogenkonsums mit illegalen Opiaten etc.

Wirksam, aber abhängig machend

Problematischer Gebrauch der Substanzen steht meist im Vorfeld einer späteren Abhängigkeit. Der Psychiater: "Es betrifft alle Altersgruppen. Ein größerer Anteil sind allerdings ältere Menschen. Einfach deshalb, weil unter ihnen Schlafstörungen und Angst häufiger auftreten. Es sind fast ausschließlich Tranquilizer, es gibt aber auch eine kleine Gruppe von Abhängigen von Amphetamin. Und abhängig machen die Substanzen, weil sie so gut wirksam sind. Das Kennzeichen von Suchtsubstanzen ist, dass sie eben hervorragend wirken." Ein Schlüssel für die Größe der Problematik mit bestimmten potenziell abhängig machenden Substanzen sei immer die Verfügbarkeit. Und die ist gegeben, weil Tranquilizer etc. sehr häufig in der Medizin eingesetzt werden.

Gabriele Fischer, Suchtspezialistin an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Wien: "Es gibt eine soziale Schichtung. Angstlösende Medikamente sind zum Teil billiger als die Rezeptgebühr. Es werden aber auch zunehmend nichtsteroidale Antirheumatika und schwache Opioide aus der Schmerztherapie verwendet." Insgesamt sei eher eine Zunahme des Problems zu sehen. Die Psychiaterin: "Da spielen derzeit Jobverlust, Kompensationsmechanismen und Ähnliches eine Rolle. Das trifft auch die sogenannte A-Schicht. Es gibt auch auch zunehmend Personen, die am Tag Amphetamine einnehmen und am Abend dann Beruhigungsmittel."

Frauen und Männer gleichen sich an

Die Geschlechter passen sich einander an: Während früher zwei Drittel der Tranquilizer-Abhängigen Frauen waren, holen die Männer auf. Frauen wiederum dringen zunehmend in die ehemalige Männer-Domäne von Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit vor. Musalek: "Männer griffen traditionsgemäß zu Alkohol als dem 'am besten schmeckenden Tranquilizer'. Für Frauen war das kaum akzeptabel. Medikamente gegen Krankheiten haben eine hohe Akzeptanz. Dafür ist die Verfügbarkeit groß."

Auffällig werden Betroffene häufig nicht direkt über leicht erkennbare medizinische Probleme. Oft sind es Benommenheit, Schwindel oder Stürze, die zunächst auf andere Ursachen zurückgeführt werden. Musalek: "Dadurch wird die Diagnose oft verschleiert. Die Betroffenen kommen spät in Behandlung." Letztere ist übrigens zumeist aufwendiger als bei Alkoholabhängigkeit. Der Psychiater: "Bei den Alkoholkranken können wir 80 Prozent ambulant betreuen, bei den Arzneimittelabhängigen sind es hingegen nur 20 Prozent ambulante Therapien."

Das liegt offenbar daran, dass pharmakologisch auf Höchstleistung getrimmte psychotrope Substanzen eben deutlich besser wirken. Bei Alkoholentzug verschwinden die Symptome binnen sieben bis 14 Tagen, beim Arzneimittelentzug dauert das mehrere Wochen, die Symptome können sehr unangenehm sein. (APA)

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