Vom Banausen zum Babysitter in acht Stunden

26. Juni 2009, 17:36
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Eltern, die ihre Kinder betreuen lassen, werden künftig mit einem Steuerbonus belohnt. Bedingung: Die Babysitter und Leihomas müssen eine Ausbildung absolvieren. der Standard war bei einem Crashkurs dabei.

Der Abschied war schmerzhaft, aber unvermeidbar. Der kleine Bub, den sie ein Kinderleben lang umsorgt hat, war erwachsen geworden, und Ilse Dobrovsky musste lernen loszulassen. "Sehr schwer" sei ihr das gefallen, erzählt sie: "Aber mein Sohn ist nun einmal flügge. Er braucht mich nicht mehr."

So ganz konnte sich die flotte Dame mit dem leicht angegrauten Haar und der Jeansjacke nie an den Alltag ohne Kinder gewöhnen. Also gönnt sich Dobrovsky nun zumindest fallweise, was sie so sehr vermisst: Für sieben Euro die Stunde wird sie künftig die Zwillinge eines jüngeren Ehepaares hüten. Das erste Beschnuppern verlief erfolgreich - Dobrovsky entspricht dem Anforderungsprofil der Dreieinhalbjährigen. "Erst hatten sie ein Au-pair, aber das war ihnen zu jung" , berichtet sie: "Die Kinder sagen: ‚Wir wollen eine Omi!‘"

Von der Karriere als Leihoma trennen Dobrovsky noch acht Stunden in einem schlichten Seminarraum, in dem Sprüche wie "Erziehung ist Vorbild und sonst gar nichts" plakatiert sind. Eine "Babysitter/Oma-Ausbildung" verheißt der Zettel am Eingang der Korneuburger Dependance des Hilfswerks, doch das Klischee der strickenden Großmutter erfüllt keine der Teilnehmerinnen. Gekommen sind Teenager, die "voll auf Kinder stehen" und ihr Faible zum Beruf machen wollen. Ein Au-pair aus Kirgisien, das sich ihr Tourismusstudium finanziert. Teilzeitbeschäftigte Mütter, die trotz viel Erfahrung mit eigenem Nachwuchs neue Antworten auf uralte Fragen suchen ("Wie halte ich mein Kind an einem Regentag bei Laune?" ). Und ein Redakteur des Standard.

Ein Motiv teilen aber alle Anwärterinnen: Der Staat hat sie - beziehungsweise ihre Arbeitgeber - mit einem finanziellen Zuckerl gelockt. Ausgaben für Kinderbetreuung können Eltern künftig bis zur Höhe von 2300 Euro jährlich von der Steuer absetzen. Bedingung: Die eingesetzte Person verfügt über eine zumindest achtstündige Fachausbildung. Wer unter 21 ist, muss die doppelte Zeit absolvieren, um - wie Lehrgangsleiterin Helga Uitz meint - krisenfest zu werden: "Denn die netten, lieben Kinder spielt's nicht immer."

Diese Illusion kommt allerdings schon im Grundkurs nicht wirklich auf. "Haben Sie keine Angst, Nein zu sagen" , warnt Uitz gleich einmal vor einer typischen Babysitterfalle: "Kinder brauchen gerade Linien und sind dafür auch dankbar. Also keine leeren Drohungen, stehen Sie zu Ihren Konsequenzen!"

Für einen "demokratischen, partnerschaftlichen Erziehungsstil" wirbt Uitz: Nicht die autoritäre Knute, die erst zu Auflehnung und dann zu Resignation führt, aber auch kein Laisser-faire. "Verloren" würden sich Kinder fühlen, die keine Grenzen kennen, sagt sie, "nach dem Motto: ‚Ich darf eh alles, also bin ich nicht so wichtig.‘" Doch wie lässt sich der Mittelweg finden? Uitz teilt pädagogische Wegweiser aus, darunter 27 "goldene" , aus der Sicht von Kindern formulierte Regeln ("Stelle meine Ehrlichkeit nicht infrage. Ich bekomme leicht Angst und erzähle Lügen" ), die dem Laien schon einigen Respekt vor der Aufgabe einflößen können: Wie man's auch macht, ist's falsch.

Kreatives Zeittotschlagen

Der Crashkurs allein formt einen blutigen Anfänger noch nicht zum perfekten Babysitter. Basics wie Windelwechseln oder Flascherlwärmen stehen nicht auf dem Lehrplan; weil es ja nicht nur um Säuglinge geht, fehlt dafür die Zeit. Stattdessen gibt's einen Überblick über die Entwicklungsphasen der Kleinen - und die entsprechenden Bedürfnisse. Von der einst populären Praxis, Babys schreien zu lassen, um sie nicht zu verwöhnen, rät die Pädagogin ab, das unterlaufe das Selbstwertgefühl. Umgekehrt sollten Eltern während der Trotzphase nicht bei jedem Tobsuchtsanfall einschreiten. Und alle, die einmal das zweifelhafte Vergnügen haben sollten, Pubertierende zu betreuen, warnt Uitz vor: "Die Kinder werden Sie für so was von peinlich halten."

Nach noch mehr Theorie (Aufsichtspflicht, Kommunikation) ist am Nachmittag auch Fingerfertigkeit gefragt. Ein Erste-Hilfe-Update rüstet die Nannys und Leihomis in spe für Notfälle, Höhepunkt ist ein Schnellsiedekurs für erzieherisch wertvolles Zeittotschlagen. Uitz demonstriert, wie sich aus Krimskrams kreative Spiele "zaubern" lassen - vom Geräuschmemory aus gefüllten Filmdosen bis zum Tast-rätsel aus Schleifpapier, Stoff und Marmeladeglasdeckeln.

Lohn der acht Stunden auf der Schulbank: ein Zertifikat, das die Chance auf den Steuerbonus eröffnet. Wer will, kann sich nun von Organisationen wie dem Hilfswerk registrieren und als Babysitter vermitteln lassen. Dass Frauen dabei meist unter sich bleiben, sei leider die Regel, sagt Uitz und verweist auf die verbreitete Angst vor Kindesmissbrauch: "Männer sind schwer vermittelbar."

Helga Uitz vom Niederösterreichischen Hilfswerk bildet Kinderbetreuer aus - etwa mit pädagogisch korrekten Bastelanleitungen: "Was aus wertlosen Materialen gezaubert wird, bekommt für die Kinder viel mehr Wert als die teuersten Spielsachen." (Gerald John/DER STANDARD-Printausgabe, 27./28. Juni 2009)

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