Vom Role-Model zum "House-Nigger"

    26. Juni 2009, 18:28
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    Michael Jackson wurde vom schwarzen Vorbild zur Antithese selbstbewusster Afroamerikaner - Seine Versuche, allen zu gefallen, führten über die Farce in die persönliche Tragödie

    Kein schwarzer Künstler hat sich in seinem Bedürfnis, von der weißen Welt akzeptiert zu werden, so weit von seinen Ursprüngen entfernt wie Michael Jackson. Als er mit den Jackson 5 seine ersten Platten veröffentlichte, war es in den USA noch durchaus Usus, auf Alben afroamerikanischer Künstler steif inszenierte weiße Liebespärchen oder blonde Models abzubilden. Die eigentlichen Künstler waren oft nur auf der Rückseite zu sehen. Das basierte auf der Annahme, das kaufkräftige weiße Publikum würde vom Abbild eines schwarzen Künstlers abgeschreckt. Ein vorauseilendes Zugeständnis an einen latenten Rassismus. Dieser betraf Stars wie Otis Redding oder Percy Sledge ebenso wie weniger bekannte Musiker.

    Die Jackson 5 halfen, das mit ihrem massentauglichen Pop zu verändern. Die Harmlosigkeiten und die Jugend der Millionen Platten verkaufenden Formation wirkten entwaffnend. Gerade der Jüngste, Michael, war allerliebst: Der würde niemandem etwas Böses wollen. Für das schwarze Selbstbewusstsein, das inmitten der Bürgerrechtsbewegung zwischen Depression und zarter Hoffnung Halt suchte, waren schwarze Vorbilder in den Massenmedien ein neues Phänomen und extrem wichtig.

    Während dieses Selbstbewusstsein unter starkem Zutun der Popkultur wuchs und mit der Welteroberung von HipHop seinen Zenit erreichte, entwickelte sich Jackson bald zur Antithese dieser Entwicklung. Seine ohnehin nie explizit "schwarze" Musik wurde noch weiter ausgedünnt, noch "weißer" .

    Zwar nahm er etwa 1987 auf dem Album Bad erfolgreich Anleihen beim gerade prosperierenden Image des HipHop-Gangsters, doch das "bad" nahm ihm nie wirklich jemand ab. Auch das darauf folgende Dangerous (1991) nicht. Böse Buben und hübsche Choreografie - das gibt es nur in schlechten Musicals und Musikvideos. Das anvisierte Image blieb ihm verwehrt.

    Nie bewältigte Konflikte

    Vielmehr tauchte ein anderer Genre-Begriff in kritischen Jackson-Betrachtungen auf: jener des "House-Niggers" . So nannten Sklaven einst Leidensgenossen, die es sich mit ihren Besitzern richten konnten und statt auf dem Feld im Haus arbeiten durften. Jackson wurde so bei gleichzeitig nachlassendem Erfolg zum Sinnbild eines sich zwischen Emanzipation und Anpassung aufreibenden Charakters. Dass dieser Kampf persönlicher Natur und der Biografie eines physisch wie psychisch misshandelten Kindes geschuldet war, half da nichts. Die nie bewältigten Konflikte des selbsternannten "King of Pop" wurden öffentlich ausgetragen, und Anklagen wegen Kindesmissbrauchs sowie seine äußerlichen Veränderungen mittels kosmetischer Chirurgie sorgten dafür, dass das so blieb.

    Das schwarze Role-Model von einst starb nun ausgerechnet unter dem ersten afroamerikanischen US-Präsidenten. Nicht schwarz, nicht weiß, sondern als farbloser Freak. Als tragische Figur, dessen kindliche Sehnsüchte - "I love you!" - sich nicht einmal in tatsächlich verwirklichten Fantasien wie seinem Anwesen Neverland erfüllen ließen. Während afroamerikanische Künstler mit oftmals übertrieben ausgestellter "Blackness" längst weltweit die Charts dominieren, ist der Mann, der für viele die Türe aufgestoßen hat, weit vom Weg abgekommen - und nun ganz verschwunden. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.06.2009)

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