Was Konzerne von Bienen lernen können

26. Juni 2009, 17:04
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Ein bisschen Naturkunde für krisengeplagte Manager - Von Klaus Woltron

Zum Standard-Interview, in welchem der Generladirektor der Wr. Städtischen, Günter Geyer, sich als sympathischer Bienenzüchter outet ("Bei uns gibt es keine Königinnenmorde" , 19. 6.) und die Vorbildwirkung der Bienenorganisation für Manager relativiert, folgende Hinweise eines Berufs- und Hobbykollegen:

1. Die Königin trägt ihren Namen zu Unrecht: Sie ist die erste Dienerin. Solange sie kann und tut, was ihre Aufgabe ist - bis zu 2000 Eier am Tag zu legen -, spürt die Belegschaft ihre Kraft und pflegt sie liebevoll. Nimmt diese Fähigkeit zur Erneuerung ab, so wird sie mit sanfter Gewalt dazu veranlasst, ihre eigene Nachfolgerin zu erzeugen, welche nach Schlupf und Hochzeit (polygam, mit bis zu 15 hoch in der Luft dabei den Liebestod erleidenden Drohnen) heimkehrt und die Herrschaft übernimmt.

Im Gegensatz dazu verweilen manche Konzernlenker - z.B. bei GM - bis zum vollständigen Niedergang ihrer Firma kraft- und ideenlos am Ruder. Der Königinnenmord wäre also - natürlich im übertragenen Sinne - auch in der Organisationslehre durchaus am Platz. Er findet ja auch häufig (z. B. bei ÖVP und SPÖ und derzeit in vielen Banken weltweit) statt.

2. Im Bienenstock herrscht Selbstorganisation. Aus Gründen, die noch weitgehend unerforscht sind, scheint jede einzelne der zirka 20.000-50.000 Mitarbeiterinnen zu wissen, was an der Stelle, an welcher sie sich gerade aufhält, zu tun ist. Sie braucht keine Anordnungen: Subsidiaritätsprinzip vom Feinsten. In Konzernen versucht man das mühsam und nervenaufreibend mit Matrix-, Projekt- und Task-Force-Strukturen zu erreichen.

3. Wenn ein Bienenvolk zu groß zu werden droht oder in der Umgebung die Nahrung ausgeht oder es zu wenig Platz vorfindet, schwärmt es. Etwa die halbe "Firma" zieht mit der Königin aus und sucht sich, in weiterer Ferne, einen neuen Markt. Im Gegensatz dazu neigen viele Unternehmenslenker dazu, in ihrem alten "Stock" hockenzubleiben, darin groß und unbeweglich zu werden, sich nicht rechtzeitig um neue, blühende Felder umzusehen, und dann passiert das, was rundum gerade passiert.

4. Last, but not least: Die Bienen leben mit ihren Partnern - den Blüten - in einem komplett ausgewogenen Gleichgewicht. Einer braucht den anderen, und keiner fügt dem anderen auch nur den geringsten Schaden zu. Ein Kunden- Lieferanten-Verhältnis par excellence. Was will man mehr? (Klaus Woltron, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.6.2009)

Zur Person

Klaus Woltron, ehemals Manager in diversen Konzernen, seit 1994 selbstständiger Unternehmer, Autor ("Perestroika des Kapitalismus" ), Imker, lebt in Wien.

  • Schwärmt von der Selbstorganisation im Bienenstock: Klaus Woltron.
    foto: standard/regine hendrich

    Schwärmt von der Selbstorganisation im Bienenstock: Klaus Woltron.

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