Sterbestunden auf CNN

26. Juni 2009, 16:57
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Auf CNN sprang man auf keine voreiligen Todesmeldungen auf, sondern konnte die Entwicklung der Nachrichtenlage live in "The Situation Room" mitverfolgen

Twitter war ob der hereinrasenden Kurzmeldungen überlastet, bei den Google-Menschen brach gar ein wenig Paranoia aus. Da sich so viele Zugriffe nur einem Thema widmeten - Michael Jacksons Herzstillstand -, dachte man dort zunächst an einen Hacker-Angriff und verstärkte die Sicherheitseinstellungen. Wer also im Netz nach Bestätigung suchte, der musste sich artig in die Warteschlange stellen.

Wie gut, dass es für solche Fälle immer noch die guten alten Massenmedien aus dem vorigen Jahrhundert gibt, die störungsfrei aus dem Kabel fließen. Auf CNN sprang man auf keine voreiligen Todesmeldungen auf, sondern konnte die Entwicklung der Nachrichtenlage live in Wolf Blitzers The Situation Room mitverfolgen. 

Die Logik der Sendung glich in etwa jener von Werbequizshows, in denen eine Frage so oft mit steigernder Stimmintensität wiederholt wird, bis man sie schon zu Fleiß nicht mehr beantworten will. An der Lage änderte sich nämlich nichts. Jacksons Tod, der im Internet schon kursierte, konnte und wollte man nicht bestätigen.

Das Thema wurde dennoch nicht gewechselt. Das Nachrichtenkarussell drehte sich munter im Kreis. Man spekulierte über Jacksons Gesundheitszustand - er sei so zerbrechlich gewesen, nein, er habe unlängst so fit gewirkt -, während man etwa Luftaufnahmen vom Domizil des Popstars sehen konnte. Leerlauf in Reinform. In Zyklen fing man immer wieder von vorne an.

Worauf CNN setzte, war der Affekt, den solche Ereignisse beim Betrachter auslösen - das bange Gefühl, bei etwas Wichtigem dabei zu sein. Das kann man dann immer noch twittern.  (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD; Printausgabe, 27./28.6.2009)

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