"Fahrst mit nach Le Mans?"

26. Juni 2009, 16:13
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Wie es ist, wenn man als Benzinblüter die Möglichkeit bekommt, Le Mans hautnah mitzuerleben. Mittendrin statt nur dabei.

„Fahrst mit nach Le Mans?" Wenn man motorsportverrückt ist und wirkliches Glück hat, hört man eines Tages diese Frage... Man rechnet ja nicht damit, sucht den Zusammenhang. Le Mans, da war doch was. Endlos lange Geraden, die sonst öffentlich befahren werden, Steve McQueen, Sprint-Starts, das wohl traditionsreichste Motorsportereignis Europas, vielleicht weltweit. Auf jeden Fall mit den Indy 500 und den 24h auf der Nordschleife eines der größten.

Das sind Gedanken, von denen man meint, sie kämen einem in den Sinn, wenn man diese Frage gestellt bekommt. Falsch. Gedacht wird nicht mehr, der Bauch sagt „Wrumm", der Mund sagt „Ja", alles Weitere wird überhört und 3 Wochen später bin ich am Weg nach Frankreich. Was ich überhört habe: ich bin nicht auf Urlaub dort, sondern Teil eines Rennteams und als solcher zum Arbeiten. Egal, ohne Beschäftigung wird einem eh langweilig und manche zahlen Geld für Eventurlaube, in denen man sich schindet. Das Umfeld passt: Le Mans.

Montagabend kommt unser Teil des Teams an. Hinter uns liegen Besuche in Paris, an der altehrwürdigen und malerisch gelegenen Rennstrecke Dijon-Prenois sowie einmal das schlechteste und einmal das beste Essen unserer Erinnerung. Der Superlativ ist eingekehrt und nach den ersten eigenen 24 Stunden in Le Mans ist klar, dass er uns mindestens bis Sonntag nach dem Rennen erhalten bleibt. Wir campen mit dem Wohnmobil innerhalb des „Circuit Bugatti", der bei den 24h-Rennen größtenteils unbefahren bleibt. Haben wir es vorher noch als stattlich empfunden, sieht es neben den anderen Motorhomes irgendwie lieb aus. Man könnte es für deren Beiboot halten, stünden nicht bei den meisten Sportwagen aller begehrten Marken und Baujahre - spontan fällt mir der Spruch von Alex Kristan alias Frank Stronach ein „... Was is Geld, Geld is nicht alles. Es muss einem schon gehören auch."

Bei besagtem Rennteam handelt es sich übrigens um das erste österreichische Rennteam in Le Mans seit 37 Jahren, Jetalliance Racing, unter Führung von Lukas Lichtner-Hoyer, der auch als Gentleman-Driver am Steuer sitzt, ebenso wie Thomas Gruber. Als einziger Profi lenkt der deutsche GT1 Pilot Alex Müller den blau-weißen Aston Martin, der in der Klasse LM-GT1 gegen die mächtigen Corvettes antritt.

Es ist jetzt Dienstag und ich bin dran, meinen Teil zu erfüllen. Fahrer wäre wohl meine Wahl gewesen, aber diese Schlange ist lang. Und in der Welt des Merchandising, wo sich Mode und Rennsport treffen sollte ich noch genügend Eindrücke sammeln. Dort, im Village, wo die Shops der Rennteams stehen, ist man am Puls des Motorsports. Näher kommen die meisten Fans ihren Teams nicht. Und jeder will sich mit der Nationalität, Automarke oder Person schmücken, der er oder sie die Daumen hält. Das wissen die Teams natürlich und stellen diesen Schmuck gerne in verschiedensten Formen und für jeden Geschmack bereit. Vom Markenemblem als Manschettenknopf über Lederjacken bis hin zur schlichten Kappe mit Heckspoiler findet man alles. Dazugehörend gibt es natürlich die entsprechenden Abnehmer. Die Einen rücken bereits erkennbar als Team an und wollen demnach auch das was möglichst viele andere haben, die anderen wollen das was niemand hat und möglichst viel kostet. So kommt es vor, dass einem einfach der Autoschlüssel mit Pferd oben gezeigt wird und gefragt, ob es denn etwas Passendes dazu gebe.

Überhaupt ist das Publikum bunt gemischt an Nationalitäten wie auch Arten, den Rennsport zu zelebrieren. Der Eine wirft sich morgens im Hotel in Schale, um in den Hospitalities der Teams Champagner zu schlürfen und hat für seine Karte einen hohen dreistelligen Preis bezahlt. Der Andere zieht sich morgens vor dem Zelt, wenn überhaupt, das Leiberl seinens Lieblingsteams an und frühstückt gemütlich ein Bier. Im Village kommen sie dann doch irgendwann alle zusammen.

Nach dem freien Training am Mittwoch findet am Donnerstag das Qualifying statt, das sich bis in die Nacht zieht. Jetzt lässt sich zum ersten Mal die volle Faszination eines 24 Stunden Rennens erfahren. Hatte man bis jetzt damit zu tun, den Sound der Motoren zu verarbeiten, isst ab Sonnenuntergang das Auge mit. Bremsscheiben glühen und auch die Auspuffe aus denen bei Fehlzündungen ellenlange Flammen schießen.

Das österreichische Team von Jetalliance Racing stellt den Aston Martin auf Startplatz 3 und auch in der Königsklasse LM-P1 schafft es ein Österreicher auf den 3. Platz, nämlich Christian Klien auf Peugeot. Alexander Wurz, ebenfalls Peugeot, erreicht Startplatz 5. Das gerät für mich allerdings völlig zur Nebensache, eingehüllt in das unwahrscheinliche Bollern der Corvettes (wahrscheinlich die lautesten Gefährte am Platz), das Kreischen und Röhren der Ferraris und der exotischen Prototypen und das beinahe bedrohliche Nichts an Sound der Diesel-Audis und -Peugeots. Kaum wahrgenommen sind sie schon an einem vorbei. Man zeigt mir begeistert einen tragbaren Fernseher, mit dem man die gesamten Ergebnisse überblicken kann und auch das Geschehen auf der Strecke und in den Cockpits live mit verfolgen. „Tolles Ding, kostet nur € 80,-- für das ganze Wochenende und € 250,-- Kaution." Mir erschließt sich die Faszination der Zahlen auf Bildschirmen nicht. „Super, ich steh dann mal an der Strecke." Immerhin bin ich live hier, Fernsehen kann ich zu Hause.

Freitags wird nicht gefahren, die Drivers Parade findet in der Innenstadt statt. Entzug. Es ist zu still, Schlafen fällt beinahe schwer. Am Samstag knistert es dann, die Menschenmassen nehmen zu und gegen Rennstart um 15 Uhr befindet man sich inmitten von rund 250.000 Gleichgesinnten, je nach Oktangehalt des Bluts mit Gänsehaut überzogen. Rund eine Stunde vor Start gehen endlich die Motoren wieder an. Und bis auf einige wenige werden sie für die nächsten 25 Stunden nicht verstummen.

Zwischen der Arbeit im Shop findet sich dann doch die Zeit, direkt an die Strecke zu fahren - ich nehme das erste Media-Shuttle und habe Glück: es fährt zur Indianapolis-Kurve. Ich unterhalte mich mit einem britischen Fotografen und werde sofort als „Newbie" entlarvt. Britisch zuvorkommend und höflich gibt er mir Tipps, wo man sich am besten hinstellt um gute Fotos zu machen. Endlich an der Strecke angekommen werde ich von den Kollegen gemustert. Teils verächtlich, teils mitleidig ob meiner Spiegelreflexkamera mit dem relativ kleinen Standard-Teleobjektiv. Immer diese Längenvergleiche.

Unvermeidlich bricht die Nacht herein, immer eine besondere Herausforderung für die Fahrer. Immerhin ist es diesmal trocken. Trotzdem fallen beim Hobeln da wie dort Späne und so ist das Feld am nächsten Morgen um einige Autos dezimiert. Schlimme Unfälle hat es zum Glück kaum gegeben und auch kaum Verletzungen. Es ist Gewohnheit und doch fasziniert es jedes Mal, dass jemand nach einem Ausritt mit weit über 200 km/h aus dem Auto steigt und nicht nur die Kraft hat, selbst aus dem Auto zu steigen, sondern oft auch noch die Geistesgegenwart, den Fans zu winken.

Gegen Ende steigt die Spannung, die sich zwischendurch etwas gelegt hatte, wieder an, vor allem aus österreichischer Sicht. Der Peugeot von Brabham/Gené/Wurz führt seit Stunden konstant das Feld an und auch Jetalliance Racing liegt auf Rang 4 und hat das Stockerl noch nicht abgeschrieben. Und tatsächlich fällt nach der Corvette von Luc Alphand auch noch die auf Platz 3 liegende von Marcel Fässler & Co. aus. Wenn der Aston jetzt hält, ist die Sensation perfekt. Und er hält.

Nach dem Rennen trifft sich das Team zur kleinen, aber hochverdienten Feier. Alle Gesichter strahlen zufrieden und erschöpft. Auch meines, nehme ich an. Lange feiert keiner, nach dem Rennen ist vor dem Rennen und vor allen steht eine 1.500 km lange Heimreise, vor der natürlich noch alles verpackt werden will.

Nachdem das getan ist, sind wir wieder auf Achse. Zum Abschied noch traditionell ein Foto unter dem Dunlop-Bogen und wir, die drei Fahrer des Wohnmobils, starten unsere eigenen 24h von Le Mans weg. Trunken von Eindrücken, vielleicht auch von Abgasen, es schüttet in Strömen. Uns ist es gleich, nach uns die Sintflut. Es wirkt noch alles etwas unwirklich. Wir holen uns an einer Tankstelle noch ein letztes französisches Frühstück und kommen mit 2 Briten ins Gespräch, die ebenfalls auf eigener Achse angereist sind. In 2 Sportwagen á la Lotus 7, mehr Motorrad als Auto, kein Dach - das Tragen die Fahrer als Anzug und Helm am Körper. Trotz des Wetters bester Laune und fest entschlossen den Heimweg über Dijon anzutreten, also entgegen der eigentlichen Reiserichtung. Wir fühlen uns etwas verweichlicht. Aber das tut der Freude keinen Abbruch. Auch nicht der, wieder nach Hause zu kommen. Als wir ankommen, höre ich wieder eine Frage: „Fahrst mit nach Goodwood?" Goodwood. Da war doch was... (Max Knechtel; derStandard.at; 26. Juni 2009)

 

  • Der Aston Martin DBR9 des Jetalliance-Racing-Teams.
    foto: jetalliance

    Der Aston Martin DBR9 des Jetalliance-Racing-Teams.

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