"Viel Raum" für Nazi-Propaganda

28. Juni 2009, 19:34
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Rund um ein Schulzentrum pflastern Neonazi-Gruppen die Gegend gezielt mit Propaganda zu

Unlängst stand es hier noch schwarz auf weiß: „Sieg Heil", in Großbuchstaben. Hier, wo Grüppchen von Teenagern in der Mittagspause ihre Schnitzelsemmeln verdrücken, wo Fünfjährige zum Kindergarten spazieren und 25-Jährige zum FH-Campus radeln, prangte tagelang nationalsozialistische Propaganda in Form eines Graffiti. Und niemanden schien es zu stören.

Bis auf Martin Seelos. Per E-Mail wandte sich der Anrainer an die Bezirksvorsteherin: Sie möge die Sauerei doch übermalen lassen und, wenn sie schon dabei ist, auch etwas gegen die massenhaften Nazi-Pickerln in der Umgebung unternehmen.

Jedes Verkehrsschild beklebt

„Kampf um Wien", „Meinungsfreiheit statt Verbotsgesetz", „Freispruch für Honsik": Rund ums Schulzentrum Ettenreichgasse in Wien-Favoriten wird buchstäblich jedes Verkehrszeichen zur Propagandafläche. Selbst das Riesen-Holzkreuz vor der Salvatorianerkirche blieb nicht verschont.

Systematisches Vorgehen

Zwar gebe es das Nazi-Treiben im Schulviertel schon seit Jahren, sagt Seelos. „Aber seit zwei Monaten merken wir, dass es mehr wird und in neue Gegenden vordringt." Wer sich die Mühe macht, die Pickerln herunterzureißen, sehe anderntags am selben Platz wieder neue Sprüche kleben: „Man merkt, dass da jemand systematisch vorgeht."

Dass es genau im Bereich des Schulzentrums passiert, sei kein Zufall, heißt es im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) auf derStandard.at-Anfrage: Jugendliche seien schließlich das Zielpublikum rechtsextremer Bewegungen. Und letztere seien seit dem vergangenen Herbst, den Freisprüchen beim Welser Neonazi-Prozess und der Debatte rund um Martin Grafs Wahl zum Nationalratspräsidenten, spürbar im Aufwind.

Graffiti entfernt

Die Pickerl-Causa beschäftigte letzten Mittwoch auch die Favoritner BezirksrätInnen. Die Grünen wollten von Bezirksvorsteherin Hermine Mospointner wissen, was sie gegen die Pickerl-Flut zu tun gedenke. Sie habe bereits das „Sieg Heil"-Graffiti entfernen lassen und die Polizei verständigt, antwortete Mospointner. Und darüber hinaus sei es Sache der Schulen, „unsere Kinder zu starken Menschen zu machen, damit sie solche Sprüche erst gar nicht beeindrucken können."

Die Polizei behalte die Gegend nun im Auge, sagt Stadthauptmann Michael Lepuschitz auf derStandard.at-Anfrage. Eine Anzeige gegen Unbekannt sei im Laufen, die Streifendienste angehalten, auf Pickerl-VerteilerInnen zu achten. Wobei Lepuschitz zugibt, dass es „schon ein großer Zufall wäre, wenn wir jemanden auf frischer Tat erwischen."

"Gleichgültigkeit"

Martin Seelos ist damit nicht zufrieden und ortet „Gleichgültigkeit" in der Bezirksvorstehung. Schon seit drei Wochen warte er, dass die Pickerln entfernt werden. „Das könnten doch diese neuen Waste Watcher übernehmen", schlägt er vor. Denn dass man „den Nazis so viel Raum zugesteht", will er nicht akzeptieren. „Ich würde mich ja auch gern mit anderen Dingen beschäftigen", sagt er schulterzuckend. „Aber meine Kinder wachsen hier auf."

„Wir werden dem nachgehen", verspricht Franz Jerabek, Büroleiter der Bezirksvorsteherin. Er selbst hat sich noch kein Bild von der Pickerl-Flut gemacht: „In letzter Zeit war ich nicht in der Gegend." Dass der Bezirk zu lasch reagiert, weist er heftig zurück: „Wer das antifaschistische Engagement der Bezirksvorsteherin kennt, kann so etwas nicht behaupten." Und eine dauerhafte Lösung des Problems sei ohnehin nicht zu erwarten: „Verhindern wird man so etwas nie können." (Maria Sterkl, derStandard.at, 28.6.2009)

 

  • Bis zu neun verschiedene Aufkleber auf einem Pfosten
    foto: derstandard.at/mas

    Bis zu neun verschiedene Aufkleber auf einem Pfosten

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