Die Steine im Bauch des Elefanten

26. Juni 2009, 19:57
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Der Schriftsteller Josef Haslinger beschreibt seinen Kollegen Ilija Trojanow als "Abenteurer der Spiritualität"

Ein Abenteurer, der Geschichten einsammelt, die diese Welt für uns bereithält.

in bulgarien geboren, in jungen jahren mit seinen eltern über jugoslawien und italien nach deutschland geflohen, von hier weitergezogen nach kenia, wo er die deutschsprachige schule besuchte und, nach einem zweijährigen zwischenaufenthalt im staatlichen landschulheim marquartstein, in nairobi die reifeprüfung ablegte. voraussetzung genug, um nach paris zu ziehen und dann, als student der rechtswissenschaften und ethnologie, erneut nach deutschland zu kommen. anstatt sein studium ordentlich abzuschließen und sich später als anwalt beim juristischen abenteuer der osterweiterung eine goldene nase zu verdienen, begann ilija trojanow nun texte zu schreiben und gründete in münchen den kyrill-und-method-verlag, benannt nach den beiden brüdern kyrillos und methodios aus thessaloniki, die im 9. jahrhundert vom byzantinischen kaiser ausgesandt wurden, um die slawischen völker zu missionieren. mit großem erfolg, wie man weiß. also doch osterweiterung? oder gar missionierung?

im gegenteil, würde ilija sagen. aber was ist das gegenteil von missionierung? es ist die kulturelle immigration, es ist das streben nach weltkenntnis. der weltensammler, so heißt der bislang erfolgreichste roman von ilija trojanow. er handelt vom britischen schriftsteller, forscher, orientalisten und abenteurer sir richard francis burton, aber der weltensammler, das ist auch die beste bezeichnung für das projekt, das ilija trojanow selbst verfolgt, seit er in den späten 80er- jahren öffentlich tätig wurde.

damals sind wir uns das erste mal begegnet. wir haben uns nicht als autoren kennen gelernt, sondern als herausgeber. obwohl unsere vornamen, ilija und josef, in etwa auf denselben stand christlicher westerweiterung schließen ließen, hatte mir ilija – er ist zehn jahre jünger als ich – in wirklichkeit einige erfahrungen voraus. ich war gerade dabei, mich für die zeitschrift wespennest ein wenig im europäischen, auch osteuropäischen umfeld umzublicken und ging auch prompt dem nächstbesten stasi-agenten auf den leim.

ilija hingegen kannte den osten, und er kannte den westen nicht nur aus der perspektive der münchner innenstadt, sondern auch aus der perspektive eines italienischen flüchtlingslagers. von anfang an wollten der kyrill-und-method-verlag und auch sein nachfolger, der marino-verlag, die welt nicht mit deutschem oder europäischem geist beglücken. beide waren spezialisiert auf die veröffentlichung afrikanischer literatur. ein thema, das ilija einige jahre lang nicht mehr loslassen sollte. er schrieb sachbücher und reiseführer über afrika. er übersetzte afrikanische autoren, und er gab eine anthologie afrikanischer gegenwartsliteratur heraus.

wir erkennen hier einen grundzug seiner tätigkeit. ilija streift nicht an einem thema an, um es schnell zu verwerten und dann abzulegen, sondern er begibt sich in ein thema hinein. er lebt seine literatur, er durchlebt sie.

so ist er zum beispiel dem ganges, dem heiligen fluss, gefolgt, zweieinhalb tausend kilometer weit, von seinem ursprung im gletscher bis zu den großen städten vor seiner mündung im golf von bengalen. in seinem buch an den inneren ufern indiens lässt er uns an dieser reise teilhaben. wir erfahren auch, wie die im 3000 meter hoch gelegenen gaumukh, an der südkette des himalaja, aussieht: "Das Eis war bedeckt von Geröll und buckelte unter der Last der ständigen Veränderung. In den letzten zwanzig Jahren hat es sich um einen ganzen Kilometer zurückgezogen. Kein anderer Gletscher auf der Welt schrumpft so schnell; die 15000 Gletscher im Himalaja tauen auf, als habe der Mensch das Tiefkühlfach offengelassen."

ilija trojanow hat sich stets einen realistischen blick bewahrt. er verschließt die augen weder vor den veränderungen der natur, noch vor denen der gesellschaft. was ihn in seinem reisebericht entlang des ganges aber vor allem interessiert, ist nicht der fluss als solcher, sondern der fluss als metapher, als kultureller mittelpunkt jener zahllosen menschen, die zu den religiösen zeremonien entlang der ufer strömen. es sind ihre geschichten, die er erzählt, und die geschichten der begegnung mit solchen geschichten.

ilija trojanow ist ein abenteurer. aber keiner von denen, die die grenzen des eigenen körpers ausloten, sondern er ist ein reisender zu den kulturellen ausprägungen der seele, er ist ein abenteurer der spiritualität. er besichtigt nicht einfach die länder, sondern er geistert durch sie hindurch, er will ihr inneres nach außen kehren, er will sie selbst zum sprechen bringen, er will, und damit sind wir wieder beim ausgangspunkt, die geschichten einsammeln, die die welt für uns bereithält.

in einem interview sagte er: "Elefanten schlucken Steine zur Verdauung. Die Fremde muss so wie ein Stein sein: Sie hilft einem, die Realität zu verdauen, andererseits muss sie aber auch schwer im Magen liegen. Wenn sie das nicht tut, hat man es sich zu einfach gemacht und die Fremde zerstört."

beim nachdenken zuhören

elefanten schlucken steine zur verdauung. die fremde muss so wie ein stein sein. ich wüsste keinen anderen schriftsteller deutscher sprache, der zur veranschaulichung eines philosophischen problems das verdauungsverhalten von elefanten heranzieht.

im weltensammler lässt uns ilija trojanow mithilfe der literarischen technik der erlebten rede fremden menschen beim nachdenken zuhören. general napier macht sich gedanken über richard francis burton, seinen spion.

"Es gab wenige Männer, auf die er sich verlassen konnte, Männer wie dieser Burton, der vertrauenswürdig von dem Treiben der Einheimischen berichtete. Er unterhielt sich gerne mit ihm.Sein Blick auf die Dinge war so frisch, als sei die Schöpfung gerade erst vollzogen worden. Aber eine Schwäche hatte dieser junge Mann, eine fatale Schwäche. Er beließ es nicht dabei, dieFremde zu beobachten. Er wollte an ihr teilnehmen. Er war ihr verfallen, so sehr, dass er sie sogar bewahren wollte in ihrem zurückgebliebenen Zustand. Ihre Positionen standen sich diametral gegenüber. Der General war getrie-ben, die Fremde zu verändern, zu verbessern. Dieser Burton hingegen wollte die Fremde sich selbst überlassen, weil die Verbesserung der Fremde ihre Auslöschung bedeuten würde."

da sind sie, die steine im bauch des elefanten. historische romane haben es an sich, dass sie im kleid der vergangenheit über die gegenwart sprechen. und den lesern historischer romane ist es eigen, dass sie – in männlicher metaphorik gesprochen – des kleid der vergangenheit ständig hochheben wollen, um nachzusehen, was die gegenwart so zu bieten hat. im roman der weltensammler reist nicht ilija trojanow nach mumbai, wie die stadt in anspielung an den hindugott mumbadevi seit 1996 offiziell heißt, sondern richard francis burton reist zur mitte des 19. jahrhunderts nach bombay. und er tut dies nicht als privatier, sondern als soldat der britischen armee. es bedarf keines besonderen männlichen blicks auf das historische kleid, um zu verstehen, was es bedeutet, wenn richard francis burton an general napier berichtet, was er in seinem auftrag in der gegend des heutigen pakistan unter den einheimischen ausgekundschaftet hat: "Die Einheimischen sehen uns ganz anders, als wir uns sehen. Das klingt banal, doch wir sollten uns diese Einsicht im Umgang mit ihnen stets vor Augen führen. Sie halten uns keineswegs für mutig, für klug, nicht für großzügig, für zivilisiert, sie sehen in uns nichts anderes als Schurken. Sie vergessen kein einziges der Versprechen, die wir nicht eingelöst haben. (...) Viele Einheimische sehnen sich nach einem Tag der Rache, einer östlichen Nacht der langen Messer, wie ich es nennen würde, sie können den Tag nicht abwarten, an dem der stinkige Eindringling verjagt wird. Sie durchschauen unsere Heuchelei, genauer gesagt, die Widersprüche in unserem Verhalten addieren sich in ihren Augen zu einer allumfassenden Heuchelei."

und dann erzählt richard francis burton seinem vorgesetzten general die geschichte von einem belutschen, einem stammesoberhaupt, der beschuldigt wurde, raubüberfälle auf die britischen nachschubwege organisiert zu haben. dieser belutsche wird von einem offizier, der sich in allem haushoch überlegen wähnt, zum zweikampf herausgefordert. der kampf beginnt, und es stellt sich schnell heraus, dass der belutsche in der lage ist, die säbelattacken des offiziers abzuwehren. da reitet der offizier ein weiteres mal auf ihn zu, zieht die pistole und erschießt ihn.

ich höre gerne zu, wenn ilija trojanow spricht. er geistert durch die kulturen, darum kennt er die brandherde. er macht sie uns zugänglich, indem er geschichten erzählt. aber er weiß sehr genau, warum er uns diese geschichten erzählt.

ilija trojanow ist überzeugt, dass die welt nicht nur eine oberfläche, sondern auch eine tiefe hat. dorthin will er vordringen. man kann sagen, er sucht den zugang zur welt. er will nicht nur sehen, was vorgeht, sondern er will verstehen, warum es so vorgeht. er hat eine unstillbare sehnsucht, den mythen der menschen, dem, was sie sich denken, und dem, was sie sich vormachen, näher zu kommen. es ist auffällig, dass sowohl die faktualen als auch die fiktionalen reiseabenteuer, die uns ilija trojanow in den letzten jahren zu berichten wusste, alle in einem umfeld von intensiver spiritualität stattfanden. schon das wasser des ganges hatte sich vor allem als spirituelle quelle, als göttin ganga, erwiesen.

reise zu den heiligen quellen

ein jahr danach, 2004, legte der autor erneut einen bericht über eine reise zu heiligen quellen vor, aber diesmal war das wort quelle schon gänzlich metaphorisch gemeint. ilija trojanow begab sich ins größte zentrum von massenspiritualität, das derzeit auf der welt zu finden ist. er brach zur hadsch nach mekka auf. das buch, mit dem er 2004 darüber berichtete, heißt: Zu den heiligen Quellen des Islam. Als Pilger nach Mekka und Medina.

darin erzählt ilija, wie er von der terrasse der haram al-sharif, der großen moschee von mekka, in den großen hof mit der kaaba hinabschaute, um die herum endlose menschenmassen gegen den uhrzeigersinn im kreis gingen. er konnte sich von diesem anblick nicht mehr losreißen. er beschreibt die szene folgendermaßen: "Die Menschheit rotierte in einem gleichmäßigen Tempo, als stünde sie auf der Töpferscheibe Gottes. Stundenlang betrachtete ich dieses Perpetuum mobile der Hingabe; der Tag wechselte seine Farben, ich versenkte mich in den Anblick bis in die Dämmerung hinein."

die dimension der töpferscheibe gottes ist freilich in wirklichkeit noch viel größer, als man in mekka wahrzunehmen vermag. beim islamischen gebet wird die welt zu einer unzahl von konzentrischen kreisen choreographiert, deren mittelpunkt die kaaba ist. um es mit einer anderen metapher für spiritualität auszudrücken: im islam wird fünfmal täglich weltumspannend ein gemeinsames licht angemacht, dann nämlich, wenn sich die gesamte schar der gläubigen richtung mekka verneigt.

nach außen hin ist die hadsch ein gigantischer massenauflauf mit vielerlei unangenehmen begleitumständen, die ilija in seinem bericht nicht verschweigt. aber das äußere zählt hier nicht allzu viel, es will bewältigt werden. was zählt, ist etwas anderes, das ilija mehr andeutet als beschreibt. er verwendet dafür ein wort, mit dem er sonst sehr sparsam umgeht, wahrscheinlich auch deshalb, weil andere zu lautstark damit umgegangen sind. das wort heißt heimat. er schreibt: "Die Große Moschee war ein überwältigender Platz, zu dem ich eine persönliche Beziehung entwickelt hatte, der mir zur Heimat geworden war – im Gebet, in Gedanken und vor allem in der Phantasie."

aber wie das so ist, mit den geisterheeren, sie ziehen ab, wenn die choreographie aussetzt. auch darüber macht sich ilija keine großen illusionen.

"Pilgerfahrten" , schreibt er, "zählen zu den großen Euphoriestiftern. Ein Ruck geht durch die Masse, ihre Trägheit ist kurzfristig aufgehoben, und in diesem Zeitraum des Aufrüttelns scheint ein Richtungswechsel möglich. Umso ernüchternder ist die Erkenntnis, dass bald alles wieder zusammenfällt, an seinen althergebrachten Platz."

abgesehen von der erinnerung an die große moschee, bin ich bei ilija nur noch einmal auf den begriff heimat gestoßen, und da verwendete er ihn explizit für die deutsche sprache. sie sei, so sagte er, seine wahre heimat. und dann stimmte er einen lobgesang auf die deutsche sprache an. "Sie ist tolerant uns gegenüber, bereit, sich mit uns zu verschmelzen oder etwas Neues zu schaffen. Das wäre mein Anspruch: dass man der deutschen Sprache irgendwann einmal anmerkt, dass ich da war. Nicht weil ich verehrt werden möchte, sondern weil ich Repräsentant einer gewissen historischen Realität bin – in meinem Fall, dass Hunderttausende von Osteuropäern in den Jahren des Kalten Krieges nach Deutschland kamen." und ein paar auch nach österreich, möchte ich hinzufügen, wo jetzt auch ilija einen wohnsitz gefunden hat. ilija ist einer, der in der sprache die menschen und ihr verhalten erkennt. ein glück, ihn unter uns zu wissen. (DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.06.2009)

Zur Person:
Josef Haslinger, geb. 1955, ist Schriftsteller. Er studierte Philosophie und Germanistik und lehrt seit 1996 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Von ihm erschien zuletzt "Phi phi Island. Ein Bericht" (S. Fischer).

  • "was zählt, ist etwas anderes, das ilija mehr andeutet als beschreibt.
er verwendet dafür ein wort, mit dem er sparsam umgeht, weil andere zu
lautstark damit umgegangen sind. das wort heißt heimat."
    foto: hanser

    "was zählt, ist etwas anderes, das ilija mehr andeutet als beschreibt. er verwendet dafür ein wort, mit dem er sparsam umgeht, weil andere zu lautstark damit umgegangen sind. das wort heißt heimat."

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