Gedichte vom Fliegen und Fallen

26. Juni 2009, 17:12
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In seinem Gedichtband "Nichts, das mich hält" begehrt der Schweizer Autor Jürg Halter gegen die Gesetze der Schwerkraft auf

Was ist zu halten von diesem Abgang durch die Blume? - "Zur Hand nimm Messer und Gabel, / durch deinen blühenden Mund / wünsch ich mich zu verabschieden." Der Geliebte, der da spricht, möchte wenigstens als Gericht nicht verschmäht werden, die kannibalische Fantasie vermählt sich mit der Imagination des Verschwindens, möglichst rückstandsfrei:

"Laß von mir keine Reste zurück. / Die Schlüssel wirf in den Briefkasten. / In deinem Magen verflüchtige ich mich."

In bester romantischer Tradition träumt da einer vom Eintauchen, vom Sich-Auflösen und Sich-Verlieren - bisweilen in den Augen des Du, bisweilen im mütterlichen Schoß oder im Bodenlosen, als Spielball der Schwerkraft wie in Ein usbekisches Gebet (das Usbekische daran bleibt rätselhaft): "Ich falle und falle. / Sehe so viel - / nichts, das mich hält." Mit der Titelzeile des Bandes erlaubt sich Halter ein kleines kokettes Spiel mit dem eigenen Namen. Sonst wirkt die Liebe zum Effekt, zur Pointe, die seinen Erstling Ich habe die Welt berührt (2005) prägte, stark gedämpft. Weltschmerz und Liebeskummer scheinen dem lyrischen Subjekt die Faxen verleidet zu haben.

Der heute 28-Jährige, in der Schweiz bekannt als ein rhythmusseliger Rapper, ein wahrer Showman der Poesie, gibt sich in diesem zweiten Band äußerlich konventionell, nicht zuletzt als Anhänger der alten Rechtschreibung, die er übrigens unschweizerisch mit scharfem S exekutiert. Die Gedichte sind kurz, strophisch gegliedert und meist ungereimt, dabei aber melodiös. Auf den ersten Blick erscheint, was gesagt wird, handfest und glasklar. Auf den zweiten Blick bringt JürgHalters Lyrik etwas ganz Merkwürdiges zustande, nämlich Verunsicherung durch Klarheit: Da kippt die beinah kunst-los anmutende Beschreibung mit einem schrägen Einfall ins Kryptische, dort bringt einsurreales Bild einen unterkühl-ten Irrwitz ins Spiel, hie undda wird altkluge Löffelweisheitmit etwas prickelnder Brause versetzt.

Wie wesentlich diese Fähigkeit ist, im richtigen Augenblick vom Boden abzuheben, zeigt sich dort, wo dem Ich, wie es in anderem Kontext beklagt, keine Flügel wachsen und das Gedicht nicht Höhe gewinnen will. Wenn das Liebespoem etwa bleischwer über sich selbst räsoniert, über "Die Suche nach immer neuen Bildern für etwas, / das in Worte letztlich nicht zu fassen ist" .

Das ist nicht schlicht, das ist schlecht. Gerade weil dieses lyrische Ich in einem Welttheater posiert, weil es mit weitausholenden Gesten Kulissen schiebt und am himmlischen Schnürboden werkt, ja sogar vor einem Deus ex machina nicht zurückschreckt, fallen solche Ausrutscher ins Bedeutsam-Banale umso schwerer ins Gewicht. Die Frage "Mein Herz, wirst du jemals ankommen?" und die Behauptung "Der Tod scheidet alles" müssten durch eine größere Dosis Witz ausbalanciert werden, als Jürg Halter sie an dieser Stelle anzubringen für angebracht hält.

Am Schluss begehrt der Dichter dann doch noch einmal gegen die Verhältnisse der Schwerkraft auf und probiert das Fliegen in einem schönen Experiment: "Stehe ich kopf, / trägt mich die Erde nicht, trage ich sie" . Empfohlen sei ihm die eigene Maxime - Leicht werden: "Eine Schneeflocke wiegt 0,004 Gramm / und zu gleichen Teilen fällst du aus allen Wolken." (Daniela Strigl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.06.2009)

 

Jürg Halter, "Nichts, das mich hält. Gedichte" . € 16,30 / 64 Seiten. Ammann, Zürich 2009

 

Hinweis
Jürg Halter liest am 29. 6. um 19 Uhr im Literarischen Quartier Alte Schmiede, Wien (Schönlaterngasse 9, 1010 Wien) nach einem Gespräch mit Xaver Bayer aus den Gedichtbänden "Nichts, das mich hält" und "Ich habe die Welt berührt".

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