Das Echo der Demoralisierung

26. Juni 2009, 17:12
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Die traurige Verschwendung der Jahre: über Thomas Wolfe und die Neuübersetzung seines Romans "Schau heimwärts, Engel"

Die interessantesten Gestalten nicht nur der Literatur, sondern auch der Literaturgeschichte sind diejenigen, um die sich Legenden und Lügen ranken. Die amerikanische Literaturszene der Zwischenkriegszeit ist reich an solchen Figuren: F. Scott und Zelda Fitzgerald als Prinz und Prinzessin, die sich am schönen Leben vergiften, Hemingway als byronesker Revolverheld, der ins eigene Gewehr stolpern wird, Gertrude Stein als strenge Zuchtmeisterin der Wörter. Und Thomas Wolfe: ein zwei Meter großer Melancholiker aus den Appalachen North Carolinas, dem nachgesagt wurde, er besitze ein nahezu unfehlbares Erinne-rungsvermögen, schreibe stehend mit einem riesigen Kühlschrank als Schreibpult, trinke täglich eine Gallone Kaffee und verschlinge riesige Steaks, als seien es Kartoffelchips. Und die ganze Weltliteratur von Homer über die Bibel bis zu Melville, Joyce und Dos Passos habe er auswendig gekannt (oder erahnt) als ausgesprochen linker und fortschrittlicher Kulturkonservativer. Und seine Manuskripte, wenn sie an den Verlag gingen, seien von Möbelpackern weggetragen worden, so umfangreich seien sie gewesen, und nachdem die Lektoren die Manuskripte um neunzig Prozent gekürzt hätten, habe man für den Transport immer noch ein Taxi gebraucht. Jawohl!

Geboren wurde Thomas Wolfe im Jahr 1900. Als Schau heimwärts, Engel erschien, war der Autor neunundzwanzig. Im Jahr darauf, 1930, sagte Sinclair Lewis in seiner Nobelpreisrede, Thomas Wolfe könnte der bedeutendste amerikanische Autor seiner Zeit werden. Und als William Faulkner auf seiner Liste der wichtigsten amerikanischen Autoren ebenfalls Thomas Wolfe an die erste Stelle setzte, war Hemingway beleidigt. Faulkner, zur Rede gestellt, rechtfertigte sich, Wolfe stehe deshalb ganz oben, weil er es gewagt habe, alle Stilregeln den Hunden hinzuwerfen, um einen Weg zu finden, seine Erfahrungen in Worte zu fassen. Später fügte Faulkner hinzu, Wolfe gebühre deshalb der erste Platz, weil sein Werk das "feinste Scheitern" repräsentiere.

Herman Melville schrieb in einem Brief: "Soweit es mich betrifft, (...) ist es mein ernstliches Verlangen, Bücher zu schreiben, die man gemeinhin als gescheitert bezeichnet." Und an anderer Stelle: "Es ist besser, auf der Suche nach Originalität zu scheitern, als mit bloßer Nachahmung Erfolg zu haben."

Damals wie heute brechen Kritiker verlässlicher in Begeisterung aus bei Romanen, die bewährte literarische Strategien und Mechanismen auf tadellose Weise reproduzieren, als bei solchen, die aufs Ganze gehen und dabei unvollkommen bleiben. In einer das Handwerkliche anbetenden Zeit wird Autoren, die nach bewährtem Muster agieren, vorbehaltlos Könnerschaft bescheinigt, selbst wenn ihre Bücher unter einer glatten Oberfläche Literatur bleiben, die aus wenig mehr als Literatur entstanden ist.

Die unkontrollierten, lebenswütigen Ansätze hingegen bieten den Oberflächenfetischisten Angriffsziele, die man unmöglich verfehlen kann, und auch der zufälligste Kritiker-Schuss wird bei einem so trotzigen, unangepassten und eigenwilligen Werk wie dem von Thomas Wolfe ins Schwarze treffen - und doch das Ganze verfehlen. Stellenweise rau, provozierend und ungezügelt, ist das Raue, Provozierende und Ungezügelte in Schau heimwärts, Engel stets in dem verwurzelt, was erzählt wird, und deshalb nur im Kontext des Ganzen verständlich. Einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Sätze besagen nichts. Denn es gibt in Schau heimwärts, Engel keine Kluft zwischen der Oberfläche und dem Zentrum, zwischen rhetorischer Kraftanstrengung und existenziellem Ursprung. Selbst aus den pathetischen Stellen des Ro-mans hört man, wenn man das Ganze kennt, einen Ton heraus, der nach purem Schrecken klingt.

Wolfe vollführt keine Kraftmeierei im luftleeren Raum (oder nur sehr selten). Anders als James Joyce, dem Wolfe in mancher Hinsicht nacheiferte, macht Wolfe selten Kunststücke nur um des Kunststückes willen. Wolfe lässt rhetorischen Dampf ab, seine Prosa gerät einen Absatz lang außer Rand und Band, dann wechselt er zurück in wunderbar schlichte erzählerische Passagen.

Über weite Strecken sind die Satzperioden in Schau heimwärts, Engel von enormer Transparenz. Etwas Ähnliches findet man woanders nicht so leicht, bei Hemingway, wo er gut ist, natürlich, und bei Joyce in den Dubliners. Und das Gleiche gilt für Wolfes Gehör für Dialoge: erstaunlich in ihrer Prägnanz. Die Literaturgeschichte hat sich trotzdem bis heute nicht recht auf Schau heimwärts, Engel einigen können. Bei Der große Gatsby, das vier Jahre früher erschienen ist, fiel das leichter, es ist perfekt gemacht, stilsicher, präzise und auch für simple Interpretationen offen. Gleichzeitig bleibt die Sentimentalität von Der große Gatsby hinter einer sachlichen Sprache gut verborgen, während Schau heimwärts, Engel - aufgrund der autobiografischen Verstrickung - unverhohlen sentimental ist; etwas, was schon um 1930 nicht besonders clever war, weil es markant vom Üblichen abwich. Aber es war ehrlich und spontan. Zu einer Zeit, als die sogenannte Neue Sachlichkeit bereits zum literarischen Reflex zu werden drohte, legte sich Wolfe mit dem Gewicht seiner ganzen Person in jedes Wort hinein und verweigerte das Kaschieren seiner Verletztheit mit kühlen Sätzen. Auch auf formaler Ebene findet sich wenig Berechnung hinsichtlich eines streng architektonischen Baus. Schau heimwärts, Engel ist herausfordernd und provokant und widersetzlich. Das ist eine seiner vielen Stärken.

Erzählt wird weitgehend Thomas Wolfes eigene Geschichte, die Geschichte seiner Kindheit und Jugend, zurückgreifend auf die Herkunft der Eltern. Die Eltern sind die stärksten Figuren in dieser an starken Figuren reichen Familie. Im Roman heißen sie W. O. Gant und Eliza Pentland. W. O., der Vater, stammt aus Pennsylvania, ist dort unter Deutschen aufgewachsen und hat das Steinmetzhandwerk erlernt. Seine Gestaltungskraft reicht für Lämmer und gefaltete Marmorhände, aber nicht für Engel. Getrieben von diesem Versagen geht er auf Wanderschaft, diese "sonderbar ungestüme Erscheinung, fast zwei Meter groß, mit kalten, flackernden Augen".

Nach Jahren, in denen er wenig dazu beigetragen hat, das Leben seiner ersten Ehefrau zu verlängern, gelangt er nach Altamont, einem Kurort für Lungenkranke am Fuß der Appalachen. Altamont ist für die einen die "Schweiz Amerikas", für die anderen ein "Hügelgefängnis" . Hier eröffnet W. O. eine Werkstatt und trifft auf seine spätere zweite Frau, Eliza Pentland.

Eliza, eine Aushilfslehrerin und Vertreterin für lexikalische Bücher, ist schottischer Abstammung. Gleich beim ersten Treffen redet sie von Grundstücksspekulationen. Für sie ist das kleine Städtchen eine Blaupause, in die zukünftige Straßen und unweigerlich bevorstehende Bauprojekte eingezeichnet sind. All ihr Sinnen richtet sich darauf, aus ihren Zukunftsprognosen Profit zu schlagen. Sie hat ein Gespür für Entwicklungen, aber nicht genügend Geld, um angemessen agieren zu können. Mit dem Gewerbe ihres Mannes ist sie unzufrieden. "Die Leute sterben zu langsam", findet sie.

Der Protagonist, Eugene, wird - wie auch Thomas Wolfe - als achtes und letztes Kind 1900 geboren. Aufgrund der unorthodoxen Erziehung, die er bei Eliza und W. O. erhält, ist er ein nur mäßig gelungener Engel, einer mit nur einem Flügel. Der Roman beschreibt seine und seiner Geschwister Entwicklung von "unerbittlichen kleinen Göttern des Augenblicks" zu Gefangenen ihrer Herkunft. Es ist eine Reise von der Unschuld zur bitteren Erfahrung. Für Eugene endet sie damit, dass er nur noch eines will, raus und weg. Sein Entkommen gelingt, zumindest ein bisschen, mittels akademischer Bildung und ersten Schreibversuchen (die, im Falle von Thomas Wolfe, in ihrer autobiografischen Rücksichtslosigkeit nicht weniger egozentrisch sein werden als die beschriebenen Eltern). In einem sehr berührenden Gespräch zwischen Eugene und Eliza beklagt Eugene gegen Ende des Romans die vielen Wunden, die ihm geschlagen worden sind, seit er ein Kind war. "Mit dem ersten Schritt, den ich tat, sobald ich der Wiege entwachsen war, schlich ich zur Tür, und seither ist jeder einzelne meiner Schritte ein Fluchtversuch gewesen."

Der Roman erzählt die Geschichte der Gants weitgehend chronologisch, mit nur wenigen Sprüngen, wo Wolfe an einem Entwicklungsfaden festhält. Ganz allmählich wird aufgezeigt, wie die Kinder zwischen den eigensinnigen Eltern aufgerieben werden. Keinem der Kinder gelingt es, die von den Eltern vorgelebten Gegensätze zu etwas Harmonischem zu vereinen.

Überraschenderweise schließt man trotzdem alle ins Herz, auch Eliza und W. O. Die Mutter wegen ihrer untauglichen und hilflosen Liebe für ihre Kinder, die schwächer ist als ihre Gier. Den Vater wegen seines vitalen Humors und seiner Herzlichkeit, die gegen seine Trunksucht und sein Selbstmitleid nicht ankommen. Wenn Gant nicht gerade gegen Elizas Spekulantentum oder ihre Tätigkeit als Pensionswirtin wettert, liest er den Kindern aus Shakespeare vor, am liebsten Marc Antons Leichenrede oder den Dialog in Othello, ehe Othello Desdemona erwürgt. Die Kinder erwarten sein Heimkommen in ungeduldiger Vorfreude. Doch letztlich ist auch W. O. ein selbstsüchtiger Grobian, der lieber sich selber etwas gönnt als seinen Kindern. Sein typisch amerikanischer Pionier-Idealismus ist ebenso pervertiert wie Elizas amerikanischer Geschäftsgeist, der die Familie wohlhabend macht und gleichzeitig in den Abgrund reißt. Denn die Kinder werden zwar dazu angehalten, sich die amerikanischen Tugenden vor Augen zu halten, ansonsten aber vernachlässigt und ausgenutzt. Am Ende werfen sich die Eltern gegenseitig vor, die Kinder hätten die schlechten Angewohnheiten des jeweils anderen geerbt. Einige Durchhänger in der Mitte des Buches muss man hinter sich bringen. Der Familienroman ist dem Campusroman, als Eugene, sechzehnjährig, auf die staatliche Universität geschickt wird, eindeutig überlegen.

Höhepunkte gibt es in Schau heimwärts, Engel jedoch viele, das letzte Drittel mit dem Sterben von Eugenes Bruder Ben sticht besonders heraus, 1918, während der großen Grippeepidemie. Die Familie versammelt sich zu einem letzten, schrecklichen Kongress, in dem jeder Nerv des Sterbenden und seiner Angehörigen bloßgelegt wird. Neben Raufereien kommt es jetzt auch wieder zu Momenten der Zärtlichkeit, sehr plötzlich, wenn alle für einen Augenblick unter der Bitterkeit des Lebens und der traurigen Verschwendung der Jahre zusammenbrechen und Mitleid miteinander haben.

Hier zeigt sich, wie sehr Schau heimwärts, Engel auch ein Sittenbild ist: Gegenseitige Ausbeutung und anschließendes Solidarisieren in der Not, um einander hinterher weiter ausbeuten zu können. Der große amerikanische Literaturkritiker Alfred Kazin schrieb, in keinem anderen Werk dieser Zeit seien autobiografische Welt und größere Welt so zur Deckung gekommen wie im Werk von Thomas Wolfe. Wolfes Einsicht in den Gang der Ereignisse besitze ein fast schon unwirkliches Ausmaß, und das allein dadurch, dass der Autor das Echo der Demoralisierung wiederzugeben versucht habe, das Amerika in ihm hervorgerufen hat.

Der Gang der damaligen Ereignisse führte zu etwas, das uns auch heute wieder ins Bewusstsein rückt: zum Börsenkrach von 1929, dem Jahr, in dem Schau heimwärts, Engel erschienen ist, und zur anschließenden Großen Depression.

Sinclair Lewis' Erwartung, Thomas Wolfe könnte der bedeutendste amerikanische Autor seiner Zeit werden, hat Wolfe übrigens nicht eingelöst, er starb zu früh, acht Jahre nach Erscheinen seines Debüts, 1938, an Tuberkulose. Doch dass diese Erwartung nicht ganz abwegig war, kann man anhand der gelungenen Neuübersetzung von Irma Wehrli feststellen, die überfällig war und mit einem sehr guten und umfangreichen Anhang ausgestattet ist. (Arno Geiger, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.06.2009)

Thomas Wolfe, "Schau heimwärts, Engel" . Aus dem Amerikanischen von Irma Wehrli. € 30,90 / 784 Seiten. Manesse, Zürich 2009

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