Schildkröteneier finanzierten einst die Dörfer

29. Juni 2009, 09:51
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Vor vier Jahren haben sich die Einwohner der indonesischen Insel Runduma jedoch für den Reptilienschutz entschieden

Runduma - Jahrhundertelang waren Schildkröteneier auf der indonesischen Insel Runduma eine Art Ersatzwährung. Mithilfe der Einnahmen aus dem Verkauf der Delikatesse konnten die Einwohner die Finanzen des Dorfes aufstocken, in vielen Fällen wurde sogar der Schulbesuch der Kinder damit finanziert. Vor vier Jahren entschlossen sich die 500 Insulaner jedoch, ihre Lebensweise umzustellen und fortan für den Erhalt der gefährdeten Reptilien zu kämpfen.

Ein Abkommen von Naturschutzorganisationen mit der örtlichen Verwaltung machte es möglich: Die Insulaner versprachen, ihren Handel mit Schildkröteneiern und -fleisch aufzugeben. Im Gegenzug schickte die Regierung Lehrer und stockte das Budget des entlegenen Fischerdorfes auf.

Tradition

"Die Organisation des Eiersammelns hatte bei unseren Leuten eine lange Tradition", sagt der Dorfobere von Runduma, La Brani. "Familien wechselten sich jede Nacht ab, 30 von etwa 100 Eiern aus jedem Nest wurden für die Gemeindekasse abgegeben." Die meisten Eier wurden auf der Insel Anano gesammelt, ein unbewohntes tropisches Paradies zwischen dem Pazifischen und dem Indischen Ozean.

Aus dem Verkauf der Gemeinde-Eier finanzierte das Dorf unter anderem ein neues Wasseraufbereitungssystem. Ärmere Familien erhielten von dem Geld Zuschüsse, etwa für den Schulbesuch. "Am Anfang war es furchtbar schwierig, die Leute vom Eierholen abzuhalten. Es war ihr Lebensunterhalt", sagt La Brani. Auch die 42-jährige Hatipa sammelte Eier und erhielt umgerechnet sieben Cent pro Stück. 2005 hörte auch sie auf, "weil ich Angst hatte, dass kommende Generationen nie erfahren werden, wie eine Schildkröte aussieht".

Programm

Seit Beginn des Programms, das von der US-Naturschutzorganisation Nature Conservancy und dem World Wildlife Fund (WWF) gemeinsam betrieben wird, besuchen auch Prominente das Dorf. "Früher kam niemand, aber jetzt haben wir Berühmtheiten zu Besuch. Die Schildkröten haben uns Segen gebracht", sagt Hatipa. Sponsoren können ein Schildkrötenbaby oder Nest für umgerechnet bis zu 70 Euro "adoptieren".

"Wir nehmen gelegentlich Babyschildkröten aus einem Gelege, die dann von Besuchern ins Meer gelassen werden als symbolischer Akt", sagt der Koordinator des Programms, Purwanto. Eine kurze Bootsfahrt entfernt auf Anano ist der paradiesische Strand übersät mit sanduhrförmigen Nestern voller Eierschalen. Jedes steht für eine neue Generation von Schildkröten, die sicher ins Meer gelangte. "Während der Hochsaison von September bis Dezember legen bis zu sieben Schildkröten jede Nacht ihre Eier hier ab", sagt Purwanto. Im vergangenen Jahr ließen etwa 243 Weibchen rund 3.000 Eier auf der Insel, verglichen mit nur 77 im Jahr 2007.

Steigende Zahl

Inzwischen steigt die Zahl der Tiere wieder im Meer vor Südost-Sulawesi. Das Gebiet rund 1.500 Kilometer nordöstlich von Jakarta wurde im Jahr 1996 zum Nationalpark erklärt. Die gefährdeten Suppen- und Karettschildkröten sind die häufigsten Besucher der Inseln. Nach Schätzungen des WWF gibt es weltweit 203.000 geschlechtsreife weibliche Suppenschildkröten in freier Wildbahn. Nur noch 8.000 gibt es von den besonders bedrohten Karettschildkröten-Weibchen.

Gefahren

Auch die Verschmutzung der Meere und die Zerstörung der Lebensräume (wie Korallenriffs, Seegraswiesen, Niststrände und Mangrovenwälder) bedrohen die Meeresreptilien. Haben es die Schlüpflinge sicher aus dem Ei ins Wasser geschafft, droht ihnen das Ertrinken in Fischernetzen oder Plastiktüten auf ihrer langen, abenteuerlichen Reise zu Futterplätzen. Zwar feiern die Naturschützer Erfolge auf Inseln wie Anano und Runduma, aber an vielen Stränden des riesigen indonesischen Archipels werden Schildkröten nach WWF-Angaben noch immer ungestraft abgeschlachtet. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Freilassung von Babyschildkröten auf Runduma

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