"Das sind doch alles böse Verleumdungen!"

26. Juni 2009, 17:46
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Besuch von Kanzler Faymann beim Amtskollegen im Schatten der italienischen Innenpolitik – Berlusconi musste sich am Freitag weiter wegen seines Privatlebens rechtfertigen

Auftritt Silvio Berlusconi: Das Kinn nach vorne gereckt, die Brust herausgestellt - gut gelaunt schreitet der italienische Ministerpräsident im Palazzo Chigi an sein Rednerpult. Es ist einer der einfacheren Termine, die Berlusconi dieser Tage in seinem Regierungssitz wahrzunehmen hat. Bundeskanzler Werner Faymann ist zu Besuch, man bespricht bilaterale Angelegenheiten. Unangenehme Journalistenfragen, erst recht jene der internationalen Presse, sind an diesem Freitag in Rom nicht erwünscht.

Also lächeln. Obwohl Patrizia D'Addario, eines jener Callgirls, die der Ministerpräsident gerne und häufig zu seinen Partys eingeladen hat, erst am Vortag neue pikante Details ihrer Begegnungen mit Berlusconi veröffentlichte ("Es war wie im Harem" ). Obwohl die Kurie ein wenig konsterniert wirkt und einige wichtige Kardinäle etwas Anstand einforderten. Und obwohl sich Staatspräsident Giorgio Napolitano genötigt sah, festzustellen, dass es für die italienische Öffentlichkeit legitim sei, die Politiker aber nicht die Institutionen des Staates zu kritisieren.

Die seit Wochen publizierten Berichte über sein ausschweifendes und mitunter angeblich auf Kosten des Staates geführtes Privatleben, das die Staatsanwaltschaft Bari nun auch offiziell untersucht, bezeichnet Berlusconi als infame Kampagne und als "Müll" . Außerdem: "Ich bin eben so, ich ändere mich nicht. Wenn man mich will, bin ich so. Und die Italiener wollen mich, weil sie spüren, dass ich freigiebig, ehrlich, loyal bin und meine Versprechen halte" , so ließ er sich am Freitag vom Corriere della Sera zitieren.

Angesichts dieser unglücklichen Lage hatte auch Kanzler Faymann sein unverbindlichstes Lächeln anzuknipsen, als die beiden Regierungschefs über den Brennerbasistunnel (die Finanzierung der Italiener soll noch im Sommer stehen), eine gemeinsame Position in Fragen der Kontrolle der EU-Außengrenzen und den bevorstehenden G8-Gipfel referierten. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern stünden zum Besten, es gebe keinerlei Probleme. Berlusconi zeigte dem Bundeskanzler sogar das Hochzeitszimmer der Familie Chigi, dessen Spiegel von der Außenseite durchsichtig sind.

"Haben zu viel getrunken"

Abtritt Silvio Berlusconi: Das Kinn nach vorne, die Brust heraus - "Fragen können wir nicht beantworten, wir haben während des Essens zu viel getrunken. Außerdem haben unsere Chefs uns das nicht erlaubt. Das sehen sie einmal, was Ministerpräsidenten zählen" , witzelt der Regierungschef. Eine Frage für den Standard ging sich dann zwischen Tür und Angel doch noch aus: Ob er sich die Irritationen erklären kann, die in ganz Europa über die jüngsten Berichte aus seinem Privatleben entstanden sind? "Das sind doch alles böse Verleumdungen! Dahinter steht eine Zeitungsgruppe (der Gruppo Espresso, Anm.), die nach dieser Affäre weniger Leser und weniger Werbung haben wird." (Christoph Prantner aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.6.2009)

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    Gute Laune unter Regierungschefs: Werner Faymann und Silvio Berlusconi am Freitag in Rom. Der Italiener zeigte dem Kanzler auch ein verspiegeltes Hochzeitszimmer in seinem Amtssitz.

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