Stahlindustrie soll Werke in Europa schließen

26. Juni 2009, 10:57
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Mindestens zehn Prozent der produzierten 200 Millionen Tonnen "überflüssig"

Wien - Der Chef des Stahlkonzerns voestalpine, Wolfgang Eder, fordert Europas Stahlindustrie zur dauerhaften Stilllegung von Kapazitäten auf. "Wir brauchen in Europa Werksschließungen - vor allem in Osteuropa", sagte Eder im FTD-Interview (Freitagsausgabe). Die Krise zeige, dass es in den EU-27 deutliche Überkapazitäten gebe, gerade bei einfachen Stahlqualitäten.

"Die Gefahr ist groß, dass durch das bloße Herunterfahren der Produktionen eine wirkliche Strukturbereinigung verschleppt wird", sagte der Chef des sechstgrößten europäischen Stahlkonzerns. Mindestens zehn Prozent der insgesamt 200 Millionen Tonnen seien überflüssig. "Die Chinesen sind nicht immer das Problem", fügte Eder hinzu. Analysten schätzen die weltweiten Überkapazitäten auf rund 500 Millionen Tonnen.

Europas Stahlhersteller versuchen den Einbruch der Nachfrage bisher vor allem durch Drosselungen der Produktion in den Griff zu bekommen. Bei vielen Konzernen liegt die Auslastung zurzeit nur bei 50 Prozent. Schon kündigen jedoch einzelne Firmen wie zuletzt der finnische Edelstahlhersteller Outokumpu an, ihre Kapazitäten wieder hochzufahren, und begründen dies mit dem fortschreitenden Lagerabbau. Allerdings stagniert die Nachfrage der wichtigsten Abnehmer aus der Auto-, Maschinenbau- oder Bauindustrie nach wie vor auf niedrigstem Niveau.

Die Krise habe offenbart, wo die strukturellen Schwachstellen lägen. "Es ist besser, einen Schnitt zu setzen und ein unrentables Werk so sozialverträglich wie möglich abzuwickeln", sagte Eder. In der Praxis würden dagegen in vielen Ländern marode Stahlwerke immer noch durch direkte und indirekte Subventionen künstlich am Leben erhalten. "Stahlunternehmen sterben nicht einmal, sondern dreimal", sagte Eder.

Preiserhöhung gefährlich

Für gefährlich hält der voestalpine-Chef auch die Politik von Rivalen, schon jetzt die Preise wieder anzuheben: "Mit Preiserhöhungen sollten die Stahlhersteller so lange warten, bis die Läger tatsächlich geleert sind, also voraussichtlich zwei bis drei Monate." Ansonsten begännen die Stahlhändler in Erwartung weiter steigender Preise jetzt damit, sich einzudecken - über dem tatsächlichen Bedarf hinaus.

-Der weltgrößte Stahlkocher ArcelorMittal und Deutschlands zweitgrößter Stahlkonzern Salzgitter hatten Anfang Juni Preiserhöhungen angekündigt und dies mit leicht anziehenden Bestellungen begründet. "Die Gefahr eines konjunkturellen Rückschlages in Form eines W ist zurzeit sehr groß", sagte dagegen Eder. Fünf Jahre werde es dauern, bis die weltweite Stahlproduktion wieder das Niveau von 2007 erreiche.

Im Gegensatz zu den meisten Konkurrenten verkauft der börsennotierte Nischenanbieter keinen Stahl über den volatilen Spotmarkt. Ein Viertel des Gesamtvolumens macht das Quartalsgeschäft aus, der Rest ist in Jahresverträgen fixiert. Dennoch musste die voestalpine in den vergangenen Wochen Preiszugeständnisse machen. "Die Preise für die Autokunden mussten wir nachverhandeln und haben damit die sinkenden Rohstoffkosten an unsere Abnehmer weitergereicht", sagte Eder, ohne eine Größenordnung zu nennen.

Spielraum für Preiserhöhungen in den Jahresverträgen sieht Eder erst ab 2010: "Das einzig Positive ist zurzeit, dass voraussichtlich kein weiterer Rückgang der Nachfrage mehr zu erwarten ist", sagte Eder.

Im operativen Geschäft macht sich die Krise nach seinen Worten wegen der Langfristverträge erst mit Verzögerung bemerkbar. Einen Verlust im laufenden Geschäftsjahr 2009/10 schließt Eder daher nicht aus: "Um im Gesamtjahr unterm Strich schwarze Zahlen zu schreiben, müssen wir einen Gewinn vor Zinsen und Steuern von 300 Mio. Euro erzielen", sagte der 57-Jährige. Das sei aus heutiger Sicht schwierig.

In dieser Lage hat Eder das Ziel ausgegeben, bis 2012 in den Sparten Stahl, Edelstahl und Autozulieferung 500 Mio. Euro einzusparen. An einen größeren Personalabbau sei dabei aber nicht gedacht.

Kritik daran, dass die Stahlmanager zu spät auf Anzeichen der Krise reagiert haben, nimmt Eder ernst: "Wir denken viel darüber nach, welche Frühindikatoren und Warnsignale wir übersehen haben." (APA)

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