Als das Erzählen noch geholfen hat

25. Juni 2009, 20:58
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Die Literaturreihe "O-Töne" versammelt den ganzen Sommer über lesende Autoren im Wiener Museumsquartier unter freiem Himmel

Unter ihnen: der große Sozialrealist Gernot Wolfgruber.


Wien - Über das beinah spurlose "Verschwinden" des Autors Gernot Wolfgruber, der binnen zehn Jahren (von 1975 bis 1985) fünf Romane veröffentlichte, lassen sich lediglich Mutmaßungen anstellen. Literatur, die unter dem Rubrum des "realistischen Erzählens" Probleme der Arbeitswelt verhandelte, in Wahrheit aber über Mentalitätsverschiebungen getreulich Auskunft gab, schien eng mit den Aufbruchsgefühlen in den 1970er-Jahren verknüpft.

Wolfgrubers große Prosawerke stehen exemplarisch für einen "Blick von unten": Von Auf freiem Fuß (1975) über Herrenjahre und Niemandsland führt der verschlungene Weg aus den Niederungen der Provinz hinauf ins städtische Angestellten- und Akademikermilieu. Bücher wie diejenigen Wolfgrubers, aber auch die mehrbändige Autobiografie des großen Franz Innerhofer (1944-2002) sind Zeugnisse einer notwendigen Selbstermächtigung: Die von unleidlichen Verhältnissen Erniedrigten und Gedemütigten entschließen sich zur schrittweisen "Verbesserung" ihres Loses.

Indirekte Gewalt

Die in Familie und Arbeitswelt herrschende Gewalt wird bewusst erlebt. Die Absolventen diverser Bildungswege erklimmen die Karrierestufenleiter; sie erfahren durchaus schmerzlich, dass jeder Gewinn an sozialem Prestige für sie nur neue Zurücksetzungen, neue Frustrationen bereithält.

Wolfgruber-Helden sind bereit für den "Ochsenweg": Sie passen sich an, spielen das Spiel von Geltungsgewinn und Erschöpfung mit. Sie erleben Konkurrenzdruck und die anschließende Zermürbung an Leib und Seele. Trotzdem gilt: Literatur wie diejenige Wolfgrubers - der gebürtige Gmünder wird im Dezember 65 - scheint vom Radar des allzeit gefräßigen Literaturbetriebs wie spurlos verschwunden. Dabei ist sie in ihren besten Passagen von fiebriger, nahezu delirierender Gewalt.

Und so kann man den Verantwortlichen der Literaturschiene im MQ-Sommerquartier gar nicht genug dafür danken, dass sie Wolfgruber, den seit den 1980ern beinahe zur Gänze Verstummten, am 9. Juli zur Eröffnungslesung in den MQ-Haupthof bitten: um 20 Uhr, flankiert von einem Konzert der Wienerlied-Erretter Ernst Molden und Willi Resetarits. Da sich die im MQ gastierende Reihe O-Töne aber der Pflege der aktuellen österreichischen Literatur verpflichtet hat, sind es die Binnenbezüge eines feinmaschig gewebten Lesungsprogramms, die den Rückgriff auf Wolfgruber erhellen könnten.

Nach Melitta Breznik (16. 7., 20.30 Uhr, MQ Hof 7/AZW) und Verena Rossbacher (23. 7., 20.30 Uhr, MQ Hof 8 / Boule-Bahnen) geben sich am 30. 7. zwei überragende Überwinder eines lediglich eng gefassten Realismusbegriffs ein Stelldichein: Walter Kappacher und Thomas Stangl (20.30 Uhr, MQ Haupthof / Wasserbecken).

Schwebende Verhältnisse

Der Büchner-Preis-Träger 2009 Kappacher begann in der 1970ern als Chronist einer Arbeitswelt, die ihre Teilnehmer - ohne Bereitstellung entsprechender Sinnangebote - in die Welt des Scheins und des Zynismus fahrlässig entlässt. Der raffiniert gebaute Episodenroman Morgen (1975) lässt sich noch heute als famoser "bürgerlicher" Kommentar zu Wolfgrubers Chroniken lesen. Stangl seinerseits hat den Modus der prosaischen Weltbeschreibung gleichsam schwebend leicht gemacht: In seinen Romanen Ihre Musik und Was kommt (beide bei Droschl) werden die Grenzen der Alltagserfahrung raumzeitlich aus den Angeln gehoben.

Der August lockt mit weiteren O-Tönen: Nach Peter Rosei (6. 8., MQ Haupthof)), Franzobel (13. 8., mit Gitarrist Thomas Gansch, MQ Haupthof) und Robert Menasse (20. 8., MQ Haupthof), der neue Erzählungen bei Suhrkamp an den Start bringt, wird Wolf Haas am 28. 8. (20.30 Uhr, MQ Haupthof) seinen neuen Roman vorstellen.

Warum Wolfgruber zu schreiben aufgehört hat? Mit der allmählichen Zerschlagung klassischer Beschäftigungsverhältnisse wurden auch andere, ehedem "überzeitliche" Werte beschädigt. Der Glaube an die Emanzipation aller derjenigen, die von "abstrakten" Verhältnissen schikaniert werden, bedarf neuer Chronisten. Es wäre schön, Wolfgruber wieder unter sie zählen zu dürfen. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2009)

 

  • Macht am 9. Juli bei freiem Eintritt gemeinsam mit Ernst Molden und Willi Resetarits den Auftakt als Lesender bei "O-Töne" im Museumsquartier: Gernot Wolfgruber, mit Romanen wie "Niemandsland" ein beinahe vergessener Chronist schwieriger Verhältnisse.
 
    foto: jung und jung


    Macht am 9. Juli bei freiem Eintritt gemeinsam mit Ernst Molden und Willi Resetarits den Auftakt als Lesender bei "O-Töne" im Museumsquartier: Gernot Wolfgruber, mit Romanen wie "Niemandsland" ein beinahe vergessener Chronist schwieriger Verhältnisse.

     

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